Fallakte

87 Millionen Facebook-Nutzer durch Cambridge Analytica gehackt

Massiver Datendiebstahl durch britisches Analyseunternehmen

🇬🇧 Britisch

Veröffentlicht 6. Juni 2025

A figure resembling Christopher Wylie, in a casual jacket, stands in an office surrounded by computer screens displaying data visualizations, symbolizing the Facebook-Cambridge Analytica scandal.
BEWEIS

Fakten

TäterCambridge Analytica / Alexander Nix / Aleksandr Kogan (GSR)
OpferUp to 87 million Facebook users worldwide
TatortUSA, United Kingdom and globally
Tatzeitpunkt2013–2015 (data collection)
DeliktData protection violation (regulatory case — no criminal conviction)

Zwischen 2013 und 2015 führte das britische Analyseunternehmen Cambridge Analytica eine massive unbefugte Datensammlung bei Facebook-Nutzern durch. Die Operation führte dazu, dass Daten von 87 Millionen Facebook-Profilen ohne informierte Zustimmung der Nutzer abgegriffen wurden – einer der größten Datenschutzskandale der Digitalgeschichte.

Die Operation wurde über eine psychologische Umfrage-App namens "thisisyourdigitallife" durchgeführt, die vom Wissenschaftler Aleksandr Kogan entwickelt wurde. Die App wurde von etwa 300.000 Menschen im Jahr 2013 installiert, doch das Problem reichte weit darüber hinaus: Die Anwendung konnte auch auf die Daten der Facebook-Freunde dieser Nutzer zugreifen.

Technische Schwachstelle systematisch ausgenutzt

Möglich war dies, weil Facebook zu diesem Zeitpunkt Drittanbieter-Applikationen umfangreichen Zugang zu Nutzerdaten über seine Programmierschnittstelle (API) gewährte. Cambridge Analytica nutzte diese technische Möglichkeit gezielt aus, um detaillierte Profile amerikanischer Wähler zu erstellen – mit dem Ziel, deren Wahlverhalten zu beeinflussen.

Zeitlinie

1. Januar 2013

Datenerhebung beginnt über This Is Your Digital Life

Aleksandr Kogan und GSR bringen die App auf den Markt, die im Zeitraum 2013–2015 über Freundschaftsnetzwerke Daten von bis zu 87 Millionen Facebook-Nutzern ohne informierte Einwilligung sammelt.

31. Dezember 2015

Datenerhebungszeitraum endet

Die primäre Erhebung von Facebook-Nutzerdaten über die App erfolgt bis einschließlich 2015, danach werden die Daten an Cambridge Analytica übergeben.

17. März 2018

Skandal wird durch The Guardian und NYT öffentlich enthüllt

Der Whistleblower Christopher Wylie wirkt an Zeitungsartikeln in The Guardian und The New York Times mit, die den Fall im März 2018 an die Öffentlichkeit bringen.

1. Mai 2018

Cambridge Analytica meldet Insolvenz an

Die britische Beratungsfirma Cambridge Analytica meldet im Mai 2018 Insolvenz an und stellt kurz nach Bekanntwerden des Skandals ihre Tätigkeit ein.

1. Januar 2019

FTC verhängt Bußgeld von 5 Milliarden USD gegen Meta/Facebook

Die US-amerikanische Federal Trade Commission verhängt 2019 ein behördliches Bußgeld von 5 Milliarden USD gegen Facebook/Meta — zu diesem Zeitpunkt die höchste Strafe in der Geschichte der FTC.

7. Oktober 2020

ICO: Keine Beweise für Einflussnahme von Cambridge Analytica auf Brexit

Das britische Information Commissioner's Office kommt im Oktober 2020 zu dem Schluss, dass keine Beweise dafür gefunden wurden, dass Cambridge Analytica Daten missbrauchte, um das Brexit-Referendum zu beeinflussen.

1. Januar 2022

Meta einigt sich auf 725 Millionen USD in Sammelklage

Meta/Facebook einigt sich 2022 vor dem Bundesgericht im Northern District of California in einer Sammelklage wegen Datenschutzverstößen.

Die systematische Sammlung von Persönlichkeitsmerkmalen, politischen Präferenzen und sozialen Verbindungen ermöglichte es dem Unternehmen, hochgradig personalisierte politische Werbung zu schalten. Diese Form des Datenmissbrauch überschritt alle damals gültigen Grenzen.

Die Enthüllung schlug wie eine Bombe ein

Fast drei Jahre lang blieb die Operation verborgen. Erst am 17. März 2018 wurde der Fall öffentlich – durch gleichzeitig veröffentlichte Artikel in The Guardian und der New York Times. Die Enthüllung kam von Christopher Wylie, einem ehemaligen Mitarbeiter von Cambridge Analytica, der zum Whistleblower wurde.

Die Reaktionen erfolgten blitzschnell. Bereits einen Tag nach der Veröffentlichung, am 18. März 2018, sperrte Facebook Cambridge Analytica und die verbundene britische SCL Group von seiner Plattform.

Juristische Konsequenzen und Auflösung

Die weitere Entwicklung verlief brutal für Cambridge Analytica. Das Unternehmen meldete nur zwei Monate nach der Enthüllung, im Mai 2018, Insolvenz nach Chapter 7 des US-Insolvenzrechts an. Damit wurden alle Geschäftsaktivitäten vollständig eingestellt.

Facebook selbst wurde mit massiven Regulierungsstrafen konfrontiert. Die US-amerikanische Federal Trade Commission (FTC) verhängte im Juli 2019 eine Geldbuße von 5 Milliarden US-Dollar gegen Facebook wegen Verletzung der Privatsphäre – eine der höchsten Strafen in der Geschichte der Datenschutzverstöße.

Auch in Großbritannien folgten Sanktionen: Das britische Information Commissioner's Office (ICO) verhängte im Oktober 2019 eine Geldbuße von 500.000 Pfund – die Höchststrafe nach damals geltendem britischen Recht.

Politische Verbindungen im Mittelpunkt

Das Entscheidende am Cambridge-Analytica-Skandal war nicht nur der technische Missbrauch, sondern auch die Verbindung zu realer politischer Einflussnahme. Das Unternehmen hatte die gesammelten Facebook-Daten genutzt, um die Präsidentschaftskampagnen von Ted Cruz und später Donald Trump im Jahr 2016 zu unterstützen.

Die präzise Zielgruppenansprache auf Basis gestohlener Daten warf grundlegende Fragen über die Integrität demokratischer Prozesse im digitalen Zeitalter auf. Der Fall wurde zu einem Symbol für die Gefahren von Cyberkriminalität und unkontrollierter Datensammlung.

Wendepunkt für soziale Medien

Der Cambridge-Analytica-Skandal markiert einen entscheidenden Wendepunkt in der Debatte über die Verantwortung sozialer Medien für die Sicherheit von Nutzerdaten. Der Fall hat die globale Regulierung digitaler Plattformen nachhaltig beeinflusst.

In der Europäischen Union trat kurz nach der Enthüllung, im Mai 2018, die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) in Kraft, die deutlich strengere Anforderungen an den Umgang mit personenbezogenen Daten stellt. Auch in den USA und anderen Ländern wurden Gesetzgebungsprozesse beschleunigt.

Für Facebook bedeutete der Skandal nicht nur finanzielle Verluste durch Bußgelder, sondern auch einen massiven Vertrauensverlust bei Nutzern und Investoren. Der Aktienkurs des Unternehmens brach zeitweise um über 20 Prozent ein, was einem Wertverlust von mehr als 100 Milliarden US-Dollar entsprach.

Der Fall zeigt exemplarisch, wie technische Schwachstellen, mangelnde Kontrollen und skrupellose Akteure zusammenwirken können, um einen der größten Datenschutzskandale der Geschichte zu verursachen – mit Auswirkungen, die bis heute in Form verschärfter Regulierung und erhöhter Sensibilität für digitale Privatsphäre spürbar sind.

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