Der Fall Nicholas Barclay — Verschwinden und Identitätsbetrug
Ein französischer Serienbetrüger gab sich drei Jahre nach dem Verschwinden eines 13-Jährigen als vermisstes Kind aus — und überzeugte sogar Teile der Familie.
Veröffentlicht 7. Juni 2026

Falldetails
Quick Facts
Klassifizierung:
Fakten
Der 13-jährige Nicholas Patrick Barclay verschwand am 13. Juni 1994 in San Antonio, Texas, spurlos — und wurde nie gefunden. Drei Jahre später erschien ein französischer Betrüger in Spanien und behauptete, der vermisste Junge zu sein. Er überzeugte amerikanische Behörden und Teile von Nicholas' Familie davon, obwohl augenfällige körperliche Unterschiede bestanden. Der Betrüger wurde verurteilt, doch das Schicksal von Nicholas Barclay ist bis heute ungeklärt.
Der Fall
Nicholas Barclay war ein gewöhnlicher Teenager aus einer Arbeiterfamilie in San Antonio. Als er im Juni 1994 verschwand, gab es keine unmittelbaren Zeugen und kaum Spuren. Die Polizei ermittelte, kam jedoch nicht weiter. Der Fall reihte sich ein in die vielen Vermisstenmeldungen, die amerikanische Behörden jedes Jahr bearbeiten.
Im Oktober 1997 — mehr als drei Jahre nach dem Verschwinden — meldete sich eine Sozialarbeiterin aus der kleinen spanischen Stadt Linares beim National Center for Missing & Exploited Children. Ein junger Mann hatte sich bei den spanischen Behörden gemeldet und behauptet, der vermisste amerikanische Junge zu sein. Er schilderte eine dramatische Geschichte: Er sei entführt, misshandelt und nach Europa verschleppt worden, bevor er seinen Entführern entkommen konnte.
Zeitlinie
Nicholas Barclay verschwindet
Der 13-jährige Nicholas Patrick Barclay verschwindet in San Antonio, Texas. Sein Verbleib ist bis heute unbekannt.
Junge in Spanien behauptet, Nicholas zu sein
Eine Sozialarbeiterin in Linares, Spanien, kontaktiert das National Center for Missing & Exploited Children wegen eines jungen Mannes, der behauptet, der vermisste Nicholas Barclay zu sein.
Betrüger reist in die USA ein
Frédéric Bourdin, der sich als Nicholas ausgibt, wird in die USA ausgeflogen und von der Familie Barclay trotz offensichtlicher körperlicher Unterschiede aufgenommen.
Betrug wird aufgedeckt
Ermittler konfrontieren Bourdin mit Beweisen für seinen Betrug. Er gesteht schließlich seine wahre Identität als französischer Serienbetrüger.
Bourdin bekennt sich schuldig
Frédéric Bourdin bekennt sich vor einem amerikanischen Gericht des Meineids sowie des Erwerbs und Besitzes gefälschter Dokumente schuldig.
Urteil gesprochen
Bourdin wird zu sechs Jahren Haft verurteilt. Das Verschwinden von Nicholas Barclay bleibt weiterhin ungeklärt.
Der junge Mann wurde durch das amerikanische System für vermisste Kinder als Nicholas Barclay identifiziert. Die Behörden organisierten seine Rückreise in die USA. In San Antonio empfingen ihn Mitglieder der Familie Barclay — und akzeptierten ihn trotz offensichtlicher körperlicher Unterschiede als ihren vermissten Sohn und Bruder.
Der Betrüger: Frédéric Bourdin
Tatsächlich handelte es sich bei dem Mann um Frédéric Bourdin, einen 23-jährigen Franzosen, geboren am 13. Juni 1974. In Europa war er unter dem Spitznamen „Das Chamäleon“ bekannt, weil er wiederholt versucht hatte, sich als vermisste Jugendliche auszugeben. Um seine hellen Augen zu verbergen, trug er braune Kontaktlinsen. Dass sein Aussehen von dem des echten Nicholas abwich, erklärte er mit den Folgen von Misshandlung und Trauma.
Mehrere Monate lang lebte Bourdin bei der Familie und hielt die Täuschung aufrecht. Erst als ein Privatermittler und FBI-Agenten die körperlichen Unstimmigkeiten kritisch hinterfragten, begann der Betrug aufzufliegen. Nicholas hatte hellbraune Augen — Bourdin blaue, die er mit Kontaktlinsen kaschierte. Nicholas war blond, Bourdin hatte dunkles Haar. Und während Nicholas 1997 erst 16 Jahre alt gewesen wäre, war Bourdin 23. Als Ermittler ihn mit Fingerabdrücken und DNA-Beweisen konfrontierten, brach seine Geschichte zusammen. Er gestand schließlich seine wahre Identität.
Ermittlung und Urteil
Frédéric Bourdin wurde festgenommen und angeklagt. Im September 1998 bekannte er sich des Meineids sowie des Erwerbs und Besitzes gefälschter Dokumente schuldig. Das Gericht verurteilte ihn zu sechs Jahren Haft.
Seine Motivation blieb während des gesamten Verfahrens ein zentrales Thema. In späteren Interviews erklärte Bourdin, er habe sich nach Zugehörigkeit und Familie gesehnt — ein Muster, das sich durch seine zahlreichen Identitätsbetrügereien zieht. Ein Zusammenhang mit dem ursprünglichen Verschwinden von Nicholas Barclay wurde nie nachgewiesen, und Bourdin wurde diesbezüglich nie angeklagt.
Der Fall heute
Nicholas Patrick Barclay ist beim National Center for Missing & Exploited Children weiterhin als vermisst geführt. Seit 1994 wurde keinerlei Spur von ihm gefunden, niemand wurde im Zusammenhang mit seinem Verschwinden angeklagt.
2012 erlangte der Fall durch den britischen Dokumentarfilm The Imposter erneut internationale Aufmerksamkeit. Der Film erzählt Bourdins Betrug und wirft beunruhigende Fragen darüber auf, warum Teile der Familie einen Mann akzeptierten, der so anders aussah als Nicholas. Manche haben spekuliert, ob Familienmitglieder mehr über Nicholas' Schicksal wussten, als sie zugaben — doch diese Theorien wurden nie bestätigt.
Bourdin selbst hat in mehreren Interviews erklärt, er glaube, die Familie habe gewusst, dass er nicht der echte Nicholas war, ihn aber dennoch akzeptiert — möglicherweise aus Angst davor, was die Wahrheit ans Licht bringen könnte. Der Fall wurde außerdem in verschiedenen True-Crime-Podcasts aufgegriffen, darunter Morbid und Crime Junkie.
Nicholas Barclay wäre heute Anfang vierzig. Ohne neue Beweise oder Zeugenaussagen bleibt sein Verschwinden eines der beunruhigendsten ungeklärten Verbrechen in der Geschichte von Texas — ein Fall, der durch einen der berüchtigtsten Identitätsbetrüger der Geschichte komplizierter, aber nicht gelöst wurde.
Medienberichterstattung
TV series
- The Imposter(2026)
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