Fallakte

Der Victoria-Cilliers-Fall — versuchter Mord durch Fallschirmsabotage

Netheravon, Wiltshire, England, 2015 — gelöst

🇬🇧 Britisch

Veröffentlicht 9. Juni 2026

BEWEIS

Falldetails

Quick Facts

Fallstatus
Aufgeklärt
Ort
Netheravon, Wiltshire, England

Der Fall

Der Victoria-Cilliers-Fall ist ein gelöster britischer Mordversuch, bei dem der Army-Sergeant Emile Cilliers versuchte, seine Ehefrau Victoria durch Sabotage ihres Fallschirms zu töten. Am Ostersonntag, dem 5. April 2015, stürzte die erfahrene Fallschirmspringerin und Physiotherapeutin aus etwa 4.000 Fuß in ein Feld nahe der Army Parachute Association in Netheravon, Wiltshire. Sowohl ihr Hauptfallschirm als auch ihr Reservefallschirm versagten — ein Ereignis, das technisch nahezu unmöglich ist, wenn die Ausrüstung ordnungsgemäß gewartet wird. Victoria überlebte den Aufprall mit schwersten Verletzungen, darunter ein zerschmettertes Becken, gebrochene Rippen und Wirbelsäulenverletzungen. Die Ermittlungen führten schnell zu ihrem Ehemann, der nach zwei Prozessen 2018 wegen zweifachen Mordversuchs verurteilt wurde.

Das Verbrechen

Victoria Cilliers, damals 39 oder 40 Jahre alt, war eine erfahrene Fallschirmspringerin mit hunderten Sprüngen auf ihrem Konto. Sie arbeitete als Physiotherapeutin und war Mutter von zwei kleinen Kindern mit Emile Cilliers, einem Sergeant der British Army. Die Familie lebte in Wiltshire, in der Nähe mehrerer Militäreinrichtungen.

Am Ostersonntag 2015 unternahm Victoria einen Routinesprung über dem Gelände der Army Parachute Association in Netheravon. Als sie in der Luft ihren Hauptfallschirm auslöste, öffnete dieser sich nicht korrekt. Sie reagierte sofort und professionell, indem sie den Notfallmechanismus aktivierte und den Reservefallschirm auslöste — doch auch dieser versagte. Ohne funktionierende Bremsung raste Victoria dem Boden entgegen und schlug mit voller Wucht in einem Feld auf.

Zeitlinie

28. März 2015

Gasventil-Sabotageakt

Emile Cilliers manipulierte ein Gasventil im Familienheim, was Staatsanwälte später als ersten Versuch auf Victorias Leben feststellten.

5. April 2015

Fallschirmsabotage und beinahe tödlicher Fallschirmsprung

Victoria Cilliers sprang aus 4.000 Fuß Höhe bei Netheravon; sowohl Haupt- als auch Reservefallschirm versagten, wodurch sie mit lebensbedrohlichen Verletzungen in einem Feld aufschlug.

5. April 2015

Ermittlungen eingeleitet

Die Polizei leitete umgehend Ermittlungen ein, da das außergewöhnlich seltene Auftreten eines doppelten Fallschirmversagens den Verdacht auf vorsätzliche Manipulation nahelegte.

Dass beide Fallschirme versagen, gilt in der Fallschirmspringer-Community als nahezu unmöglich, wenn die Ausrüstung ordnungsgemäß gepackt und gewartet wurde. Die Wahrscheinlichkeit eines solchen Doppelversagens liegt bei weit unter einem Fall pro Million Sprünge. Rettungskräfte fanden Victoria bewusstlos und schwer verletzt. Sie wurde mit lebensbedrohlichen Verletzungen ins Krankenhaus gebracht, wo Ärzte um ihr Leben kämpften.

Wenige Tage vor dem Sprung, am 31. März 2015, hatte sich zu Hause ein weiterer beunruhigender Vorfall ereignet: Victoria hatte starken Gasgeruch in der Küche bemerkt. Bei der Überprüfung stellte sich heraus, dass das Gasventil am Herd manipuliert worden war, sodass Gas unbemerkt ausströmen konnte. Zu diesem Zeitpunkt erschien der Vorfall noch als Unfall oder technisches Versagen, doch später sollte er sich als entscheidendes Beweismittel erweisen.

Das Opfer

Victoria Cilliers war zum Zeitpunkt des Anschlags eine erfahrene Physiotherapeutin und leidenschaftliche Fallschirmspringerin. Sie hatte das Springen als Hobby betrieben und verfügte über umfangreiche Erfahrung in diesem gefährlichen Sport. Freunde und Kollegen beschrieben sie als gewissenhaft, kompetent und sicherheitsbewusst — jemand, der niemals leichtsinnig mit Ausrüstung umgehen würde.

Sie war Mutter von zwei Kindern aus ihrer Ehe mit Emile Cilliers und hatte ein drittes Kind aus einer früheren Beziehung. Trotz der Herausforderungen des Familienlebens mit einem Soldaten, der häufig abwesend war, hatte sie sich eine eigene Karriere aufgebaut und ihre sportlichen Interessen beibehalten.

Nach dem Sturz aus 4.000 Fuß erlitt Victoria multiple lebensbedrohliche Verletzungen. Ihr Becken war an mehreren Stellen gebrochen, mehrere Rippen waren gebrochen, und sie hatte Schäden an der Wirbelsäule erlitten. Ärzte bezeichneten ihr Überleben als außergewöhnlich — der weiche Boden des Feldes und möglicherweise ihre körperliche Fitness hatten ihr Leben gerettet. Sie verbrachte Wochen im Krankenhaus und musste sich einem langen, schmerzhaften Rehabilitationsprozess unterziehen.

Ermittlung

Die Wiltshire Police eröffnete sofort nach dem Unfall eine Untersuchung. Ein Doppelversagen von Fallschirmen war so außergewöhnlich, dass die Ermittler von Anfang an eine kriminelle Handlung in Betracht zogen. Die Fallschirmausrüstung wurde beschlagnahmt und von Spezialisten der British Parachute Association sowie unabhängigen Gutachtern untersucht.

Die Analyse ergab eindeutige Hinweise auf Manipulation. Bei Victorias Hauptfallschirm waren wichtige Verbindungsleinen — sogenannte slinks — entfernt oder manipuliert worden. Diese kleinen, aber essentiellen Komponenten verbinden die Tragegurte mit dem Schirm selbst. Ohne sie kann sich der Fallschirm nicht ordnungsgemäß entfalten. Auch am Reservefallschirm fanden die Experten Spuren von Manipulation, die dessen Versagen erklärten.

Die Ermittler befragten alle Personen, die Zugang zu Victorias Ausrüstung gehabt hatten. Schnell geriet Emile Cilliers in den Fokus. Er hatte als erfahrener Fallschirmspringer und Militärangehöriger das technische Wissen, um die Sabotage durchzuführen. Zudem stellte sich heraus, dass er am Tag vor dem Sprung allein Zugang zu Victorias Ausrüstung gehabt hatte.

Weitere Ermittlungen brachten ein Motiv ans Licht: Emile Cilliers hatte massive Schulden angehäuft und mehrere außereheliche Affären gehabt. Eine Geliebte war von ihm schwanger. Bei Victorias Tod hätte er eine Lebensversicherung in Höhe von 120.000 Pfund erhalten. Außerdem kam der frühere Gasventil-Vorfall wieder in den Fokus. Ermittler rekonstruierten, dass Emile auch bei diesem Vorfall Gelegenheit zur Manipulation gehabt hatte.

Emile Cilliers wurde verhaftet und wegen zweifachen Mordversuchs angeklagt — einmal für die Gasventil-Manipulation und einmal für die Fallschirmsabotage.

Prozess und Urteil

Der erste Prozess gegen Emile Cilliers fand im Oktober 2017 vor einem Crown Court in England statt. Die Staatsanwaltschaft präsentierte umfangreiche forensische Beweise zur Fallschirmmanipulation, Zeugenaussagen über Emiles Zugang zur Ausrüstung sowie Beweise für seine finanziellen Probleme und außerehelichen Beziehungen. Die Verteidigung argumentierte, die Beweise seien rein indirekt und es gebe keine direkten Zeugen der Sabotage.

Nach wochenlanger Verhandlung kam die Jury zu keinem einstimmigen oder mehrheitlichen Urteil. Der Prozess endete mit einer hung jury, was bedeutete, dass ein neuer Prozess angesetzt werden musste.

Der zweite Prozess begann im Frühjahr 2018. Die Staatsanwaltschaft verstärkte ihre Beweisführung und präsentierte zusätzliche Experten, die die technischen Aspekte der Fallschirmmanipulation erklärten. Besonders überzeugend war die Kombination aus dem Gasventil-Vorfall nur wenige Tage vor dem Sprung und der Tatsache, dass beide Ereignisse Victoria hätten töten können.

Im Mai 2018 fand die Jury Emile Cilliers in beiden Anklagepunkten des versuchten Mordes schuldig. Der Richter verhängte eine lebenslange Haftstrafe mit einer Mindestverbüßungsdauer von 18 Jahren. In seiner Urteilsbegründung bezeichnete der Richter die Taten als kaltblütig und berechnend. Emile habe seine Ehefrau, die Mutter seiner Kinder, zweimal zu töten versucht, um finanziell zu profitieren und ein neues Leben mit seiner Geliebten beginnen zu können.

Heute

Der Fall Victoria Cilliers gilt als gelöst. Emile Cilliers verbüßt seine Haftstrafe in einem britischen Gefängnis. Er könnte frühestens 2036, nach Verbüßung der Mindeststrafe von 18 Jahren, eine Anhörung zur vorzeitigen Entlassung beantragen.

Victoria Cilliers hat sich bemerkenswert von ihren Verletzungen erholt, auch wenn sie dauerhafte körperliche Schäden davontrug. Sie hat öffentlich über ihre Erfahrungen gesprochen und ein Memoir mit dem Titel I Survived veröffentlicht, in dem sie ihre Geschichte erzählt — vom Absturz über die Ermittlungen bis zum Prozess und ihrer Genesung. Das Buch wurde von Pan Macmillan verlegt und erhielt große mediale Aufmerksamkeit.

Der Fall wurde 2018 in der Netflix-Dokumentation *The Parachute Murder Plot* aufgearbeitet, die weltweit ein großes Publikum erreichte. Die Dokumentation zeigt detailliert, wie die Ermittler die Beweise zusammentrugen und wie Victoria mit den physischen und emotionalen Folgen des Verbrechens umging.

Victoria hat sich zu einer Fürsprecherin für Opfer häuslicher Gewalt und versuchter Tötungsdelikte entwickelt. Sie nutzt ihre Geschichte, um das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass Gefahr oft von den Menschen ausgeht, die den Opfern am nächsten stehen. Ihr Fall wird in forensischen und kriminalistischen Kreisen als Lehrstück für die Bedeutung gründlicher technischer Untersuchungen und die Verfolgung scheinbar unzusammenhängender Vorfälle zitiert.

Die Army Parachute Association in Netheravon hat nach dem Vorfall ihre Sicherheitsprotokolle überprüft und verschärft, um sicherzustellen, dass Ausrüstung besser gegen unbefugten Zugriff geschützt ist. Der Fall hat die gesamte Fallschirmsport-Community erschüttert und zu intensiven Diskussionen über Ausrüstungssicherheit geführt.

Die Geschichte von Victoria Cilliers bleibt eine der aufsehenerregendsten britischen Kriminalfälle der vergangenen Jahre — eine Geschichte von Verrat, Überleben und letztlich Gerechtigkeit.

Medienberichterstattung

TV series

  • The Fall: Skydive Murder Plot: Inside Emile Cilliers' Case(2026)

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