Getty-Entführung: Abgetrenntes Ohr als Druckmittel der Mafia
Die brutale Entführung von John Paul Getty III durch die 'Ndrangheta
Veröffentlicht 6. Juni 2025

Klassifizierung:
Fakten
Am 10. Juli 1973 entführten Mitglieder der italienischen Mafia-Organisation 'Ndrangheta den 16-jährigen John Paul Getty III mitten in Rom von der Piazza Farnese. Der Enkel des damals reichsten Mannes der Welt sollte zum Opfer einer der brutalsten Entführung der Geschichte werden – eine Geschichte von unfassbarem Reichtum, eiskalter Berechnung und erschütternder Gewalt.
Die astronomische Lösegeldforderung
Die Entführer stellten sofort eine schwindelerregende Forderung: 17 Millionen US-Dollar Lösegeld – nach heutiger Kaufkraft etwa 123 Millionen Dollar. Eine Summe, die selbst für die Getty-Familie eine Herausforderung darstellte.
Doch dann geschah das Undenkbare: J. Paul Getty Sr., der Öl-Milliardär und Großvater des Entführten, weigerte sich kategorisch zu zahlen. Seine Begründung ging in die Geschichte ein und offenbarte eine kalte, geschäftsmäßige Logik: "Wenn ich auch nur einen Cent zahle, werde ich 14 entführte Enkelkinder haben."
Zeitlinie
John Paul Getty III wird von der Piazza Farnese in Rom entführt
Der 16-jährige Getty wird am 10. Juli 1973 mitten in Rom von Mitgliedern der 'Ndrangheta entführt. Die Familie erhält kurz darauf eine Lösegeldforderung über 17 Millionen Dollar.
Lösegeldforderung von 17 Millionen Dollar gestellt
Nach der Entführung stellen die Kidnapper eine Forderung über 17 Millionen Dollar – eine der höchsten Lösegeldforderungen der europäischen Kriminalgeschichte zu jener Zeit.
Abgeschnittenes Ohr des Opfers wird der Familie per Post zugesandt
Um maximalen Druck auf die Familie auszuüben, schneiden die Kidnapper John Paul Getty III das rechte Ohr ab und schicken es per Post. Die Tat löst international Entsetzen aus.
John Paul Getty III wird am 15. Dezember 1973 freigelassen
Nach etwa fünf Monaten in Gefangenschaft und Zahlung eines reduzierten Lösegelds wird Getty am 15. Dezember 1973 in Süditalien freigelassen.
Neun Verdächtige im Zusammenhang mit dem Fall festgenommen
Italienische Behörden nehmen neun Verdächtige mit Verbindungen zur 'Ndrangheta fest, darunter namentlich genannte Personen wie Girolamo Piromalli und Saverio Mammoliti. (Jahr verifiziert; genaues Datum nicht verifiziert.)
Zwei verurteilt – übrige sieben freigesprochen, darunter Piromalli und Mammoliti
Der Prozess endete mit der Verurteilung von zwei der neun Festgenommenen. Piromalli, Mammoliti und die übrigen werden mangels Beweisen freigesprochen. (Jahr ist approximativ; genaues Datum nicht verifiziert.)
Der alte Getty hatte 14 Enkelkinder – und fürchtete offenbar mehr um sein Vermögen als um das Leben seines Enkels.
Gefangen in den Bergen Kalabriens
Während in der Öffentlichkeit über das Lösegeld verhandelt wurde, durchlebte John Paul Getty III einen Albtraum. Die 'Ndrangheta hielt ihn in einer abgelegenen Höhle im bergigen Kalabrien gefangen, der Heimatregion dieser besonders brutalen Mafia-Organisation im Süden Italiens.
Monat für Monat verging. Der Teenager wurde systematisch misshandelt und gefoltert. Die Entführer verloren zunehmend die Geduld – und griffen zu einer Maßnahme, die selbst in der Welt des organisierten Verbrechens als extrem gilt.
Das abgetrennte Ohr als Beweis
Im November 1973, nach vier Monaten erfolgloser Verhandlungen, schickten die Kidnapper eine grausame Botschaft: Sie schnitten John Paul Getty III das rechte Ohr ab und sandten es zusammen mit einer Haarsträhne an eine römische Zeitung.
Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Die Brutalität der Tat schockierte die Weltöffentlichkeit – und bewegte schließlich auch den steinernen Großvater zum Handeln.
Die zynische Lösung
J. Paul Getty Sr. lenkte ein, allerdings auf seine ganz eigene Art: Die Lösegeldsumme wurde auf 2,2 Millionen Dollar herunterverhandelt. Doch selbst jetzt zeigte der Milliardär sein wahres Gesicht.
Er zahlte nur den Betrag, den er steuerlich absetzen konnte – etwa 2 Millionen Dollar. Den Rest musste sein eigener Sohn, John Paul Getty Jr., der Vater des Entführten, von seinem Vater leihen. Und Getty Sr. verlangte dafür vier Prozent Zinsen.
Am 15. Dezember 1973, nach fast fünf Monaten Gefangenschaft, wurde John Paul Getty III schließlich freigelassen. Er war traumatisiert, körperlich geschwächt und für immer gezeichnet – nicht nur durch das fehlende Ohr.
Justiz ohne Gerechtigkeit
Neun Personen wurden im Zusammenhang mit der Kidnapping verhaftet, darunter hochrangige 'Ndrangheta-Mitglieder wie Girolamo Piromalli und Saverio Mammoliti. Doch das italienische Rechtssystem versagte auf ganzer Linie.
Nur zwei der neun Angeklagten wurden tatsächlich zu Gefängnisstrafen verurteilt. Die übrigen, einschließlich der Mafia-Bosse, wurden aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Der größte Teil des Lösegelds wurde niemals wiedergefunden – und verschwand vermutlich in den Kassen der 'Ndrangheta.
Ein Leben im Schatten der Entführung
1977 unterzog sich John Paul Getty III einer plastischen Operation, um sein abgetrenntes Ohr rekonstruieren zu lassen. Doch die psychischen Narben blieben.
Der junge Mann, der als Teenager eine der brutalsten Entführungen der Geschichte überlebt hatte, kämpfte sein restliches Leben mit den Folgen. 1981 erlitt er einen schweren Schlaganfall nach einer Überdosis, der ihn teilweise lähmte und blind machte. Er starb 2011 im Alter von 54 Jahren.
Die Geschichte der Getty-Entführung wurde 2018 in der TV-Serie "Trust" verfilmt und bleibt ein düsteres Beispiel dafür, dass selbst unermesslicher Reichtum weder Sicherheit noch Gerechtigkeit kaufen kann. Sie zeigt auch, wie familiäre Kälte manchmal brutaler sein kann als die Gewalt von Kriminellen.
Zu diesem Fall fragen
Antworten nur aus der Berichterstattung von KrimiNytDiesem Fall folgen
Erhalte eine E-Mail, wenn eine neue Doku, ein Podcast oder ein Buch zu Getty-Entführung: Abgetrenntes Ohr als Druckmittel der Mafia erscheint oder ein Urteil fällt.

