
Dänische Polizei im Verfall: Dokumentation zeigt Systemversagen
Umfrage unter 1.300 Beamten: Jeder zweite Fall wird ohne echte Ermittlungen geschlossen
Systemisches Versagen der dänischen Polizei dokumentiert
Die Dokumentarserie 'Politi i forfald' (Polizei im Verfall) wurde am 15. Oktober 2023 auf dem dänischen Sender Kanal 5 ausgestrahlt und wirft ein alarmierendes Licht auf die dänische Polizeiarbeit. Grundlage der Serie ist eine umfassende Kantar Gallup-Umfrage, die in Zusammenarbeit mit Kanal 5 und Warner Bros. Discovery durchgeführt wurde.
Über 1.300 dänische Polizeibeamte nahmen an der Befragung teil – und ihre Aussagen zeichnen ein erschütterndes Bild: 50,4 Prozent der befragten Beamten geben an, dass Ermittlungen ohne ordentliche Untersuchung abgeschlossen werden. Noch alarmierender: In 24,5 Prozent der Fälle ist der Täter bekannt, doch die Ermittlungen werden trotzdem eingestellt, ohne dass gründlich ermittelt wird.
Opfer werden systematisch im Stich gelassen
Die Dokumentation zeigt auf, wie diese Praxis dazu führt, dass Verbrechensopfer systematisch im Stich gelassen werden, während Kriminelle straffrei davonkommen. Besonders beunruhigend: Laut Umfrage glaubt nur die Hälfte der befragten Polizeibeamten selbst, dass ihre Arbeitsbedingungen eine gründliche Fallbearbeitung überhaupt ermöglichen.
Die Serie dokumentiert diese Missstände durch konkrete Beispiele und Interviews mit Betroffenen. Unter anderem kommt René Borg zu Wort, Polizeiassistent bei der Polizei Kopenhagen-Vestegn, der die täglichen Herausforderungen seiner Kollegen illustriert. Auch der dänische Justizminister Peter Hummelgaard äußert sich in der Dokumentation.
Polizeireform 2007 als Wendepunkt
Als wesentliche Ursache für die heutigen Probleme identifiziert Polizeiforscher Adam Diderichsen von der Süddänischen Universität die Polizeireform von 2007. Diese Reform führte New Public Management-Prinzipien ein – ein betriebswirtschaftlicher Ansatz, der nach Einschätzung des Experten die Fähigkeit der Polizei massiv beschädigt hat, Kriminalfälle effektiv zu bearbeiten.
Die Reform sollte eigentlich die Effizienz steigern, führte jedoch zu einem System, in dem Zahlen und Kennziffern wichtiger wurden als gründliche Ermittlungsarbeit. Die Folgen sind heute deutlich spürbar: Polizeibeamte berichten von einem permanenten Ressourcenmangel und einem System, das sie dazu zwingt, Prioritäten zu setzen – oft zulasten der traditionellen Kriminalitätsbekämpfung.
Ein System unter permanentem Druck
Das zentrale Thema der Dokumentation ist der Befund, dass die dänische Polizei mit immer mehr Aufgaben betraut wurde, ohne dass die notwendigen Ressourcen bereitgestellt wurden. Dies führte zu einer Priorisierung, bei der die klassische Kriminalfallbearbeitung zugunsten anderer Aufgaben zurückgestellt wird.
Das Ergebnis: Sowohl Polizeibeamte als auch Bürger erleben ein System im Verfall. Beamte fühlen sich in ihrer Arbeit behindert, Opfer von Straftaten fühlen sich nicht ernst genommen, und Täter können darauf vertrauen, dass viele Fälle einfach ad acta gelegt werden.
Titel als Programm
Der Titel der Serie – 'Politi i forfald' (Polizei im Verfall) – ist dabei bewusst als Statement gewählt. Er unterstreicht den kritischen Ansatz, mit dem die Dokumentation diese systemischen Probleme beleuchtet. Die Serie macht deutlich: Es geht nicht um Einzelfälle oder das Versagen einzelner Beamter, sondern um ein strukturelles Problem, das das gesamte dänische Polizeisystem durchzieht.
Die Dokumentation wirft wichtige Fragen auf: Wie kann ein modernes europäisches Land zulassen, dass sein Polizeisystem derart unter Druck gerät? Welche Konsequenzen hat dies für die öffentliche Sicherheit? Und was muss geschehen, um das Vertrauen der Bürger in ihre Polizei wiederherzustellen?
Für Deutschland, Österreich und die Schweiz bietet die dänische Dokumentation wichtige Einblicke – denn auch in den DACH-Ländern wird immer wieder über Ressourcenmangel bei der Polizei und überlastete Ermittlungsbehörden diskutiert.


