Albino-Morde: Der blutige Preis des Aberglaubens in Afrika
Brutale Morde und Verstümmelungen von Menschen mit Albinismus in Ostafrika — ihre Körperteile werden für Vermögen verkauft, angetrieben von tiefverwurzeltem Aberglauben.
Veröffentlicht 6. Juni 2025

Falldetails
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Fakten
Am 9. Dezember 2008, kurz nach 14 Uhr, verließ der 14-jährige Matatizo Dunia sein Zuhause im Dorf Bukombe in Tansanias Region Shinyanga, um Wasser zu holen. Er kehrte nie zurück. Der Junge, der an Albinismus litt, wurde von drei Männern überfallen, die ihm mit einer Machete die Gliedmaßen abhackten und seinen verstümmelten Leichnam in einem Gebüsch zurückließen.
Dieser brutale Mord war kein Einzelfall, sondern Teil einer systematischen Gewaltwelle, die Ostafrika seit 2006 heimsucht. Allein in Tansania wurden zwischen 2007 und 2009 mindestens 54 Menschen mit Albinismus ermordet — vorwiegend in den nordwestlichen Regionen des Landes. Ab 2015 erreichte eine ähnliche Gewaltwelle Malawi, wo innerhalb weniger Jahre mindestens 100 Angriffe auf Menschen mit Albinismus dokumentiert wurden. Die Opfer, Kinder wie Erwachsene, hatten ihre Körperteile auf einem grausamen Schwarzmarkt verkauft — angetrieben von tiefverwurzeltem Aberglauben.
Schwarzmarkt und 75.000 Dollar: Der Handel mit Körperteilen
Hinter diesen Verbrechen steckt eine toxische Mischung aus Aberglaube und zynischer wirtschaftlicher Ausbeutung. Gemäß lokalem Volksglauben, der besonders unter Stämmen wie den Mang'ati und Maasai in Tansania verbreitet ist, gelten Menschen mit Albinismus als Geister oder „Verfluchte“. Ihren Körperteilen werden magische Kräfte zugeschrieben — eine Vorstellung, die von einer profitablen Untergrundwirtschaft ausgenutzt wird.
Zeitlinie
Beginn der systematischen Gewaltwelle
In Ostafrika beginnt eine dokumentierte Welle von Angriffen auf Menschen mit Albinismus, getrieben von Aberglauben und Profitgier.
Eskalation in Tansania
Zwischen 2007 und 2009 werden allein in Tansania mindestens 54 Menschen mit Albinismus ermordet, hauptsächlich in den nordwestlichen Regionen.
Mord an Matatizo Dunia
Der 14-jährige Matatizo Dunia wird in Bukombe, Tansania, überfallen und ermordet. Seine Gliedmaßen werden mit einer Machete abgehackt.
Undercover-Recherche deckt Handel auf
Die tansanische Journalistin Vicky Ntetema deckt durch verdeckte Ermittlungen auf, wie Hexendoktoren offen Körperteile von Menschen mit Albinismus anbieten.
Mariam überlebt Angriff durch ihren eigenen Vater
Die achtjährige Mariam aus dem Distrikt Mwanza wird von ihrem Vater angegriffen, der versucht, ihren Arm zu verkaufen. Sie überlebt schwer verletzt.
Gewaltwelle erreicht Malawi
Ab 2015 werden in Malawi innerhalb weniger Jahre mindestens 100 Angriffe auf Menschen mit Albinismus dokumentiert.
UN-Tag zur Bewusstseinsbildung über Albinismus
Die Vereinten Nationen erklären den 13. Juni zum Internationalen Tag zur Bewusstseinsbildung über Albinismus, um auf die Gewalt aufmerksam zu machen.
Laut Schätzungen der Polizei konnte ein Arm oder ein Bein auf dem Schwarzmarkt bis zu 75.000 US-Dollar einbringen. Sogenannte Witch Doctors — traditionelle Heiler — spielen eine zentrale Rolle in diesem makabren Handel. Im Jahr 2008 deckte die tansanische Journalistin Vicky Ntetema bei einer verdeckten Recherche auf, wie diese Heiler Körperteile von Menschen mit Albinismus offen an wohlhabende Klienten anboten. „Es sind oft Politiker oder Geschäftsleute, die nach der Macht suchen, um Wahlsiege oder wirtschaftlichen Erfolg zu sichern“, erklärte eine anonyme Quelle. Eine der bizarrsten dokumentierten Praktiken soll das Begraben wohlhabender Personen gemeinsam mit vier lebenden Menschen mit Albinismus gewesen sein — um Wohlstand im Jenseits zu sichern.
Menschenhandel Afrika
Verrat durch den Vater: Die Schicksale von Mariam und anderen
Besonders erschütternd ist die Geschichte der achtjährigen Mariam aus dem Distrikt Mwanza in Tansania. Im Jahr 2010 wurde sie von ihrem eigenen Vater angegriffen, der in einem schockierenden Vertrauensbruch versuchte, ihren rechten Arm an einen Witch Doctor zu verkaufen. Mariam überlebte wie durch ein Wunder, musste jedoch mehrere Operationen über sich ergehen lassen. Ihre Mutter Amina sagte: „Mein Mann wurde vom Geld verführt. Er sagte, mit den 500.000 Schilling könnten wir ein neues Haus bauen. Aber warum sollte das Leben unserer Tochter der Preis dafür sein?“
In Malawi wurden Menschen mit Albinismus ebenfalls massiver Gewalt ausgesetzt. Viele Überlebende, denen Körperteile geraubt wurden, wurden zu Menschenrechtsaktivisten — doch auch diese Kämpfe endeten tragisch: Mehrere Aktivisten wurden ermordet aufgefunden, in ungeklärten Fällen, die Schockwellen durch die Gemeinschaften sandten.
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Tansania und Malawi: Urteile und der Kampf um Gerechtigkeit
Die tansanische Regierung reagierte zunächst zögerlich auf die eskalierenden Verbrechen. Erst 2009, nach erheblichem internationalem Druck, verbot Präsident Jakaya Kikwete Witch Doctors und lancierte einen nationalen Aktionsplan. Ein entscheidender Meilenstein auf dem Weg zur Gerechtigkeit wurde am 23. September 2009 erreicht, als der High Court in Shinyanga drei Männer für den Mord an Matatizo Dunia zum Tode verurteilte. Dieses Urteil gehörte zu den ersten in Fällen von Morden an Menschen mit Albinismus in Tansania. „Das ist erst der Anfang. Es gibt noch viele Familien, die auf Gerechtigkeit warten“, erklärte Ernest Kimaya von der Tanzania Albino Society nach dem Urteil.
Malawi folgte 2018 mit einem nationalen Vierjahresplan, der sich auf Schutz, Strafverfolgung und Aufklärung konzentrierte. In Verfahren um 2017 wurden Männer für Verbrechen gegen Menschen mit Albinismus — darunter Grabschändungen — zu Gefängnisstrafen verurteilt. Richter betonten, diese Verbrechen erforderten exemplarische Strafen, um ein klares Signal an die Gesellschaft zu senden.
Internationale Aufmerksamkeit und der Druck auf die Regierungen
Auch auf internationaler Ebene wuchs der Druck. Der Kanadier Peter Ash, selbst mit Albinismus geboren, gründete 2009 die Organisation Under The Same Sun, nachdem er von der Situation erfahren hatte. „Ich konnte nicht in Kanada stillsitzen, während meine Mitmenschen abgeschlachtet wurden“, erklärte er. Under The Same Sun dokumentierte über 200 Angriffe und Morde in Ostafrika und setzte die Vereinten Nationen unter Druck. Dies führte dazu, dass der UN-Menschenrechtsrat 2013 die Resolution 23/13 verabschiedete, in der Staaten aufgefordert wurden, die Rechte von Menschen mit Albinismus zu schützen.
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Der Kampf geht weiter: Bedrohung und Widerstand
Trotz dieser Fortschritte ist der Kampf um Sicherheit und Menschenrechte noch längst nicht gewonnen. In Tansania leben rund 16.000 Menschen mit Albinismus weiterhin unter ständiger Bedrohung durch Gewalt und Mord. In Malawi registrierte die Polizei zwischen 2015 und 2023 zahlreiche Fälle von Grabschändungen, bei denen Leichen von Menschen mit Albinismus für abergläubische Rituale ausgeraubt wurden.
Es gibt jedoch auch Zeichen der Hoffnung. Die tansanische Regierung startete eine Strategie, die Gesundheitsversorgung, Bildung und Rechtsschutz in den Mittelpunkt stellt. Lokale Aktivisten in Malawi haben Wachgruppen organisiert, die Kinder mit Albinismus auf dem Schulweg schützen. „Wir haben seit 2020 Verbesserungen gesehen, aber der Kampf ist noch weit entfernt vom Ende“, stellen Aktivisten in der Region fest.
Die erschütternden Albino-Morde in Tansania und Malawi offenbaren eine brutale Realität, in der Aberglaube und Gier zu Menschenhandel und tragischen Tötungen führen. Durch den Mut lokaler Aktivisten, internationale Einsätze und Strafverfolgung zeichnet sich jedoch allmählich ein Weg hin zu dauerhafter Gerechtigkeit ab. Jeder Mensch mit Albinismus verdient ein Leben in Würde und Freiheit.
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