Fallakte

Fall Russell und Williams — Polizeischüsse in Cleveland 2012

East Cleveland, Ohio, 2012 — strafrechtlich weitgehend ungesühnter Polizeieinsatz mit zwei Toten

🇺🇸 Amerikanisch

Veröffentlicht 2. Juni 2026

BEWEIS

Fakten

TäterOfficer Michael Brelo (Cleveland Police) — sole defendant in criminal trial
OpferTimothy Russell (age 43) and Malissa Williams (age 30)
TatortEast Cleveland, Ohio, USA
TatzeitpunktNovember 29, 2012
DeliktFatal police shooting — charged with voluntary manslaughter

Der Fall

Der Fall Timothy Russell und Malissa Williams ist eine tödliche Polizeischießerei, die sich am 29. November 2012 in East Cleveland im US-Bundesstaat Ohio ereignete. Nach einer 22-minütigen Verfolgungsjagd über rund 23 Meilen, an der mehr als 60 Beamte beteiligt waren, gaben 13 Polizisten des Cleveland Police Department insgesamt über 137 Schüsse auf einen Chevrolet Malibu ab. Die beiden unbewaffneten Insassen, der 43-jährige Timothy Russell und die 30-jährige Malissa A. Williams, starben auf dem Parkplatz der Heritage Middle School. Der Fall gilt als aufgeklärt im ermittlungstechnischen Sinn, führte jedoch zu nahezu keiner strafrechtlichen Verurteilung.

Das Verbrechen

Der Vorfall begann am Abend des 29. November 2012 in der Innenstadt von Cleveland. Als Russells Wagen am Justizzentrum vorbeifuhr, machte der Auspuff ein lautes Knallgeräusch, das mehrere Polizisten fälschlich für einen Schuss aus dem Fahrzeug hielten. Daraufhin nahmen Streifenwagen die Verfolgung auf, die sich rasch ausweitete und schließlich Dutzende Funkstreifen aus Cleveland und Umgebung umfasste.

Die Jagd endete nach etwa 22 Minuten auf einem Schulparkplatz in East Cleveland, wo Russells Fahrzeug von Polizeiwagen blockiert wurde. Innerhalb weniger Sekunden eröffneten 13 Beamte das Feuer. Laut Zusammenfassung der Ermittlungen des Ohio Attorney General wurden mehr als 137 Schüsse abgegeben. Officer Michael Brelo sprang in der Schlussphase der Schießerei auf die Motorhaube des Malibu und feuerte aus nächster Nähe durch die Windschutzscheibe. Russell wurde 23 Mal getroffen, Williams 24 Mal. Im Fahrzeug wurden keine Waffen gefunden.

Zeitlinie

29. November 2012

Verfolgungsjagd und Schusswechsel in East Cleveland

Eine Polizeijagd durch den Nordosten Ohios endet in East Cleveland. 13 Beamte feuern 137 Schüsse auf das Fahrzeug mit Timothy Russell und Malissa Williams ab. Beide werden getötet. Beide sind unbewaffnet.

1. April 2015

Prozess gegen Beamten Michael Brelo beginnt

Brelo wird vor dem Cuyahoga County Court of Common Pleas wegen zweier Anklagepunkte des Totschlags gestellt. Er entscheidet sich für ein Verfahren ohne Geschworene. Richter: John P. O'Donnell.

23. Mai 2015

Brelo in beiden Anklagepunkten freigesprochen

Richter O'Donnell verkündet das Urteil: nicht schuldig. Begründung: Der ursächliche Zusammenhang mit den Todesfällen sei nicht über jeden vernünftigen Zweifel hinaus bewiesen. In Cleveland brechen Proteste aus.

1. Januar 2016

Brelo und mehrere Beamte administrativ entlassen

Im Laufe des Jahres 2016 werden Michael Brelo und mehrere weitere beteiligte Beamte infolge des Vorfalls vom November 2012 administrativ aus dem Cleveland Police Department entlassen.

Die Opfer

Timothy Russell und Malissa Williams waren beide Afroamerikaner und lebten in prekären Verhältnissen in Cleveland. Russell, geboren 1968, hatte mit Obdachlosigkeit und Suchtproblemen zu kämpfen; in der späteren Berichterstattung wurde er als ruhiger Mann beschrieben, der oft anderen half. Eine biografische Darstellung zeichnet das Bild eines Mannes, dessen Leben durch psychische Belastung und Armut geprägt war.

Malissa Williams hatte ähnliche Erfahrungen mit Obdachlosigkeit und gesundheitlichen Schwierigkeiten gemacht. Beide waren am Abend des Vorfalls unbewaffnet. Welche Rolle Drogenkonsum oder Angst vor der Polizei bei der Entscheidung spielte, vor den Streifenwagen zu fliehen, ließ sich nicht abschließend klären. Profile des Falls werden u. a. durch The Marshall Project dokumentiert.

Ermittlung

Die Ermittlungen wurden vom Ohio Bureau of Criminal Identification & Investigation (BCI) geführt. Der zusammenfassende Bericht der Staatsanwaltschaft vom Februar 2013 stellte fest, dass das vermeintliche Mündungsfeuer in Wahrheit ein Fehlzündungsgeräusch des Fahrzeugs war und dass keine Waffe in oder am Wagen vorhanden gewesen sei. Rekonstruiert wurden die Positionen aller 13 schießenden Beamten, die Schussfolge sowie die Treffer am Fahrzeug.

Im Mai 2014 erhob die Staatsanwaltschaft Cuyahoga County Anklage gegen Officer Michael Brelo wegen zweifachen Totschlags (voluntary manslaughter). Gegen mehrere Vorgesetzte wurden Vergehensanklagen erhoben, die jedoch im weiteren Verlauf weitgehend ohne Verurteilung endeten. Kritiker, darunter die ACLU of Ohio, bemängelten, dass die strafrechtliche Aufarbeitung dem Ausmaß des Polizeieinsatzes nicht gerecht werde.

Prozess und Urteil

Der Prozess gegen Michael Brelo fand vor dem Cuyahoga County Common Pleas Court statt. Brelo verzichtete auf eine Jury und ließ sich allein von Richter John P. O'Donnell aburteilen. Am 23. Mai 2015 sprach der Richter Brelo in allen Anklagepunkten frei. Zur Begründung führte O'Donnell aus, dass sich angesichts der Vielzahl der schießenden Beamten und der zeitlichen Überlagerung der Schüsse nicht zweifelsfrei feststellen lasse, welche konkreten Treffer ursächlich für den Tod der beiden Opfer gewesen seien. Der Freispruch löste landesweit Proteste aus.

Die Begleitverfahren gegen Vorgesetzte endeten ebenfalls ohne strafrechtliche Verurteilungen im substantiellen Sinn. Disziplinarisch entließ das Cleveland Police Department mehrere beteiligte Beamte; einige dieser Entlassungen wurden später durch Schiedsverfahren teilweise rückgängig gemacht.

Heute

Der Fall Russell und Williams gilt in den USA als zentraler Bezugspunkt der Debatte über Polizeigewalt, Racial Profiling und das Verhalten bei Verfolgungsjagden. Die Stadt Cleveland einigte sich mit den Familien der Opfer auf zivilrechtliche Vergleichszahlungen in Millionenhöhe. Zudem führte der Fall, gemeinsam mit anderen Vorfällen wie der Tötung von Tamir Rice 2014, zu einem Reformabkommen (Consent Decree) zwischen dem US-Justizministerium und der Cleveland Police Department.

Videoaufnahmen und Rekonstruktionen, darunter Material auf Plattformen wie YouTube, werden in der Polizeiausbildung und in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Phänomen des „contagious shooting“ — also der Tendenz einer Gruppe von Beamten, das Feuer mechanisch fortzusetzen, sobald ein Kollege schießt — herangezogen. Die strafrechtliche Bilanz des Falls bleibt jedoch ein Symbol für die Schwierigkeiten, individuelle Verantwortung in kollektiven Polizeieinsätzen zu bestimmen.

Medienberichterstattung

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