Fallakte

McMartin Preschool: Amerikas längster Prozess wegen Satanshysterie

Zwischen 1983 und 1990 wurde eine kalifornische Vorschule zum Zentrum absurder Vorwürfe rituellen Missbrauchs

🇺🇸 Amerikanisch

Veröffentlicht 6. Juni 2025

A figure resembling Ray Buckey stands outside a closed McMartin Preschool, a small sign on the gate, surrounded by an empty playground with colorful but worn equipment.
BEWEIS

Fakten

TäterRaymond Buckey, Peggy McMartin Buckey, Peggy Ann Buckey, Virginia McMartin, Mary Ann Jackson, Betty Raidor, Babette Spitler
OpferKrimiNyt has chosen not to publish the names of the children involved
TatortMcMartin Preschool, Manhattan Beach, Los Angeles County, California, USA
TatzeitpunktAllegations emerged August 1983
DeliktAlleged child sexual abuse

Die erste Anzeige entfacht eine Hysterie

Im August 1983 wandte sich Judy Johnson an die Polizei in Manhattan Beach, Kalifornien. Sie behauptete, ihr zweijähriger Sohn sei von Ray Buckey sexuell missbraucht worden — einem Lehrer der McMartin Preschool, einer Vorschule, die von seiner Großmutter Virginia McMartin gegründet worden war. Buckey war zudem der Sohn der Schulleiterin Peggy McMartin Buckey.

Diese Anzeige wurde zum Auslöser eines der kontroversesten Fälle in der amerikanischen Justizgeschichte.

Was als Einzelanschuldigung begann, entwickelte sich binnen Wochen zu einer massiven Kampagne gegen die gesamte Einrichtung. Die Polizei verschickte Briefe an hunderte Eltern und forderte sie auf, ihre Kinder befragen zu lassen — ein Schritt, der die spätere Hysterie erst richtig entfachte.

Zeitlinie

1. August 1983

Erste Anzeige bei der Polizei erstattet

Im August 1983 erstattet Judy Johnson bei der Polizei Anzeige, gestützt auf die Aussagen ihres kleinen Sohnes über angeblichen Missbrauch an der McMartin Preschool in Manhattan Beach.

1. März 1984

Festnahmen und Anklagen gegen sieben Personen

Im März 1984 werden sieben mit der Kindertagesstätte verbundene Personen festgenommen und angeklagt, darunter Raymond Buckey und Peggy McMartin Buckey, vor dem Los Angeles County Superior Court.

13. Juli 1987

Hauptverhandlung beginnt

Am 13. Juli 1987 beginnt die Hauptverhandlung vor dem Los Angeles County Superior Court — ein Verfahren, das fast zweieinhalb Jahre dauern wird.

18. Januar 1990

Peggy McMartin Buckey freigesprochen — Jury bei Raymond Buckey uneinig

Am 18. Januar 1990 spricht die Jury Peggy McMartin Buckey von allen Anklagepunkten frei. Bei den verbleibenden Anklagepunkten gegen Raymond Buckey kommt keine Einigung zustande (hung jury).

1. Juni 1990

Neuer Prozess gegen Raymond Buckey endet ebenfalls ohne Einigung

Ein neuer Prozess gegen Raymond Buckey im Jahr 1990 endet ebenfalls ohne Einigung der Jury. Die Staatsanwaltschaft entscheidet sich daraufhin, die Verfolgung einzustellen.

1. Juli 1990

Alle verbleibenden Anklagen fallengelassen — Fall abgeschlossen

1990 lässt die Staatsanwaltschaft alle verbleibenden Anklagen gegen Raymond Buckey fallen. Der Fall wird ohne jegliche Verurteilung abgeschlossen.

Kinder berichten von bizarren Vorfällen

Polizei und Staatsanwaltschaft initiierten umfangreiche Befragungen der Kinder, die die Vorschule besuchten. Sozialarbeiter des Children's Institute International (CII), darunter Kee MacFarlane, führten die Gespräche durch — verwendeten dabei jedoch Fragetechniken, die später als suggestiv und manipulativ kritisiert wurden.

Über 450 Kinder wurden befragt. Ihre Aussagen wurden zunehmend absurd. Die Kinder erzählten von:

- Geheimen Tunneln unter der Schule - Satanischen Ritualen - Tieropfern - Hexen, die durch die Luft flogen - Unterirdischen Kammern

Sie behaupteten, die Lehrer hätten sie im Rahmen dieser Rituale sexuell missbraucht. Die Anschuldigungen nahmen immer groteskere Züge an, je mehr Kinder befragt wurden — ein klares Anzeichen für Suggestivbefragung.

Keine physischen Beweise gefunden

Die Staatsanwaltschaft erhob zunächst über 150 Anklagepunkte gegen das Personal der Vorschule, die Zahl stieg später auf insgesamt 208 Anklagepunkte wegen sexuellen Kindesmissbrauchs. 1984 wurden mehrere Mitarbeiter verhaftet.

Doch als Ermittler unter der Vorschule nach den angeblichen geheimen Tunneln und Kammern gruben, fanden sie nichts. Der Boden unter dem Gebäude zeigte keinerlei Spuren der Strukturen, die die Kinder beschrieben hatten.

Auch konkrete physische Beweise, die die Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs hätten stützen können, gab es nicht. Medizinische Untersuchungen brachten keine eindeutigen Ergebnisse.

Der längste Strafprozess in der US-Geschichte

Trotz des Mangels an belastbaren Beweisen kam es zum Prozess. Das Verfahren zog sich von 1983 bis 1990 hin und wurde zum längsten Strafprozess in der amerikanischen Geschichte — bis zu diesem Zeitpunkt.

Die Kosten beliefen sich auf über 15 Millionen US-Dollar. Das Leben der Angeklagten war zerstört, ihre Reputation ruiniert. Ray Buckey verbrachte Jahre in Untersuchungshaft.

Doch nach all den Jahren im Gerichtssaal endete der Fall ohne eine einzige Verurteilung. Die Geschworenen konnten in keinem Fall überzeugende Beweise erkennen. Einige Anklagepunkte endeten mit Freispruch, bei anderen konnten sich die Jurys nicht einigen.

Symbol der "Satanic Panic"

Der McMartin-Fall wurde zum zentralen Beispiel der sogenannten Satanic Panic — einer Massenhysterie in den USA der 1980er und 1990er Jahre, bei der die Bevölkerung organisierten satanischen Kindesmissbrauch fürchtete.

Die Hysterie war so umfassend, dass schätzungsweise eine Million Menschen landesweit in diesem Zeitraum fälschlicherweise des Kindesmissbrauchs beschuldigt wurden. Der McMartin Preschool-Fall wurde zum Symbol dafür, wie suggestive Befragungstechniken und kollektive Angst das Leben Unschuldiger zerstören können.

Experten erkannten später, dass die Befragungsmethoden der Sozialarbeiter die Kinder zu falschen Aussagen verleitet hatten. Kinder wurden so lange befragt, bis sie die "richtigen" Antworten gaben. Belohnungen und soziale Verstärkung taten ihr Übriges.

Judy Johnsons psychische Erkrankung

Erst nach Prozessbeginn wurde bekannt, dass Judy Johnson, die Mutter, die die ursprüngliche Anzeige erstattet hatte, an einer paranoiden Schizophrenie litt. Sie machte zunehmend wirre Anschuldigungen, behauptete unter anderem, ihr Sohn sei von Personen in Tiermasken missbraucht worden.

1986 starb Johnson an einer Leberzirrhose, die auf chronischen Alkoholmissbrauch zurückzuführen war. Ihr Tod und ihre psychische Verfassung warfen erhebliche Zweifel an der Glaubwürdigkeit der ursprünglichen Anschuldigung auf.

Folgen für die Justiz

Der McMartin-Fall führte zu grundlegenden Veränderungen in der Art und Weise, wie Kinder in Missbrauchsfällen befragt werden. Die Psychologie entwickelte validere Methoden, um Zeugenaussagen von Kindern zu erheben, ohne sie zu manipulieren.

Der Fall machte deutlich, wie gefährlich Massenhysterie sein kann — und wie wichtig es ist, dass die Justiz auch unter öffentlichem Druck auf Beweisen und nicht auf Emotionen basiert.

Für die Familien der Angeklagten war der Freispruch nur ein schwacher Trost. Ihre Leben waren unwiederbringlich zerstört, ihre Namen für immer mit den Vorwürfen verbunden.

Ungelöste Fragen

Bis heute ist ungeklärt, welche genauen rechtlichen Konsequenzen die einzelnen Angeklagten erfuhren. Während klar ist, dass niemand verurteilt wurde, ist die Dokumentation darüber, wer freigesprochen wurde und bei wem die Anklage fallen gelassen wurde, unvollständig.

Die verfügbaren Quellen bestätigen, dass Ray Buckey und seine Mutter Peggy die längste Zeit vor Gericht standen, doch das genaue juristische Ergebnis für jeden einzelnen Angeklagten bleibt in Teilen unklar.

Was bleibt, ist die Erkenntnis: In Zeiten kollektiver Panik kann die Wahrheit das erste Opfer werden.

Zu diesem Fall fragen

Antworten nur aus der Berichterstattung von KrimiNyt

Diesem Fall folgen

Erhalte eine E-Mail, wenn eine neue Doku, ein Podcast oder ein Buch zu McMartin Preschool: Amerikas längster Prozess wegen Satanshysterie erscheint oder ein Urteil fällt.

Diesen Beitrag teilen: