Fallakte

Trafigura: Giftmüll-Verbrechen in der Elfenbeinküste

Wie ein internationaler Ölkonzern 2006 über 100.000 Menschen vergiftete

🌍 International

Veröffentlicht 6. Juni 2025

A stretch of Abidjan street, littered with toxic waste barrels, emitting fumes, amid scattered debris and abandoned personal belongings in a poor neighborhood.
BEWEIS

Fakten

TäterTrafigura Beheer B.V. / Compagnie Tommy / Naeem Ahmed / Captain Sergiy Chertov
OpferKrimiNyt has chosen not to publish the names of individual victims
TatortAbidjan, Côte d'Ivoire (Ivory Coast)
Tatzeitpunkt19–20 August 2006
DeliktIllegal dumping of toxic chemical waste / illegal export of hazardous waste

Am 19. August 2006 ereignete sich eines der schwersten Umweltverbrechen der modernen Geschichte: Das britisch gecharterte Schiff Probo Koala entlud über 500 Kubikmeter hochgiftigen Chemiemüll in Abidjan, der größten Stadt der Elfenbeinküste. Verantwortlich für die Operation war der internationale Ölhandelskonzern Trafigura.

Profitgier auf Kosten von Menschenleben

Trafigura hatte das Schiff gechartert, um sogenannte Coker-Naphtha zu transportieren — Rohöl, das mittels der Merox-Prozedur einer "kaustischen Wäsche" unterzogen werden sollte. Der Plan war simpel und brutal profitabel: Nach der Behandlung sollte die gereinigte Naphtha mit Benzin gemischt werden, was Trafigura einen Gewinn von etwa 7 Millionen Dollar pro Lieferung einbringen würde.

Doch als das Schiff Abidjan erreichte, stellte sich heraus, dass eine fachgerechte Entsorgung in Dänemark oder Italien zu teuer war. Trafigura entschied sich für eine andere Lösung: die Beseitigung der Abfallprodukte auf die billigste und illegale Art und Weise.

Zeitlinie

19. August 2006

Giftiger Abfall an 18 Orten in Abidjan entsorgt

In der Nacht vom 19. auf den 20. August 2006 entsorgt die Compagnie Tommy im Auftrag von Trafigura 528 Kubikmeter Chemieabfall von der Probo Koala an 18 Orten in und um Abidjan.

1. Februar 2007

Trafigura schließt Vergleich mit ivorischer Regierung

Im Februar 2007 schließt Trafigura einen außergerichtlichen Vergleich mit der Regierung von Côte d'Ivoire, angeblich in Höhe von 198 Mio. USD, und erhält Immunität vor Strafverfolgung im Land.

1. Januar 2010

Niederländisches Gericht verurteilt Trafigura

Ein niederländisches Gericht befindet Trafigura 2010 der illegalen Ausfuhr von giftigem Abfall aus Amsterdam für schuldig. Das Unternehmen wird zu einer Geldstrafe von 1 Mio. Euro verurteilt. Naeem Ahmed wird zu 25.000 Euro verurteilt.

1. Januar 2010

Kapitän Sergiy Chertov erhält Bewährungsstrafe

Im niederländischen Strafverfahren 2010 erhält Schiffskapitän Sergiy Chertov eine Bewährungsstrafe von fünf Jahren Freiheitsentzug.

1. September 2023

Afrikanisches Gericht: Côte d'Ivoire hat Opfer im Stich gelassen

Der Afrikanische Gerichtshof für Menschenrechte und Rechte der Völker stellt im September 2023 fest, dass Côte d'Ivoire seinen menschenrechtlichen Verpflichtungen gegenüber den Opfern der Verklappung nicht nachgekommen ist.

Die billige Lösung wurde tödlich

Das Unternehmen beauftragte die lokale Firma Compagnie Tommy, den Giftmüll für lediglich 17.000 US-Dollar zu entsorgen. Am 19. August 2006 verteilte Compagnie Tommy die 528 Kubikmeter Abfall an 17 bis 18 verschiedenen Stellen rund um Abidjan.

Die Abfallflüssigkeit enthielt Schwefelwasserstoff und Mercaptane — Chemikalien, die bei Kontakt mit Luft giftige Gase freisetzen. Als die Substanzen in dem dicht besiedelten Gebiet versprüht wurden, wurden die toxischen Dämpfe von der Bevölkerung eingeatmet.

Das Ergebnis war katastrophal: 17 Menschen starben unmittelbar nach dem Einatmen der giftigen Gase. Doch die Todesopfer waren nur die Spitze des Eisbergs. Über 100.000 Menschen suchten ärztliche Behandlung wegen Symptomen wie Atembeschwerden und Hautkrankheiten. Hunderttausende weitere erlitten schwere gesundheitliche Probleme, ohne medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Staatsversagen — endlich verurteilt

2007 schloss die Regierung der Elfenbeinküste einen Vergleich mit Trafigura über 95 Milliarden CFA-Franc (umgerechnet etwa 145 Millionen Euro). Der Betrag sollte Entschädigungen für die Opfer abdecken. Doch der Vergleich wurde nicht ordnungsgemäß umgesetzt, und die Bevölkerung von Abidjan sah niemals die versprochene Kompensation.

Es dauerte fast 17 Jahre, bis es zu rechtlicher Gerechtigkeit kam. Am 5. September 2023 fällte der Afrikanische Gerichtshof für Menschenrechte ein historisches Urteil: Der Staat Elfenbeinküste wurde für schuldig befunden, seine Pflicht zum Schutz der Menschenrechte der betroffenen Einwohner verletzt zu haben.

Das Gericht ordnete die Einrichtung eines Entschädigungsfonds an, der aus den von Trafigura gezahlten Beträgen finanziert werden sollte. Das bedeutet, dass die Opfer von Abidjan — sowohl die 17 Toten als auch die Hunderttausenden Geschädigten — endlich die Entschädigungen erhalten sollten, die ihnen gesetzlich zustehen.

Ein Fall von Umweltkriminalität ohne individuelle Strafen

Das Wichtigste am Trafigura-Fall ist, dass keine individuellen Anklagen oder Strafverfahren gegen Einzelpersonen erhoben wurden. Der Fall betraf ausschließlich die kollektive Verantwortung des Unternehmens — ein wichtiger Punkt, der die Grenzen der strafrechtlichen Verfolgung von Umweltkriminalität zeigt, selbst wenn die Folgen tödlich sind.

Der Trafigura-Skandal steht exemplarisch für die dunkle Seite der Globalisierung: Internationale Konzerne, die in ärmeren Ländern Umweltstandards missachten, weil die Kontrollen schwach und die Strafen gering sind. Die Opfer von Abidjan warten bis heute auf vollständige Gerechtigkeit.

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