13th: Wie ein Verfassungszusatz Masseninhaftierung ermöglicht
Ava DuVernays preisgekrönte Dokumentation zeigt, wie eine Ausnahmeklausel im US-amerikanischen Sklavereiverbot bis heute Schwarze Amerikaner systematisch kriminalisiert.
Ava DuVernays Dokumentarfilm „13th“ aus dem Jahr 2016 legt offen, wie der 13. Zusatzartikel der US-amerikanischen Verfassung seit seiner Verabschiedung im Jahr 1865 als rechtliche Grundlage für die systematische Masseninhaftierung Schwarzer Amerikaner dient.
Eine Verfassung, eine Lücke – und ihre Folgen
Der 13. Zusatzartikel schaffte die Sklaverei in den Vereinigten Staaten offiziell ab – mit einer entscheidenden Ausnahme: Sklaverei bleibt als „Strafe für ein Verbrechen“ ausdrücklich legal. DuVernay zeigt in ihrer Dokumentation, wie diese Klausel über Generationen hinweg genutzt wurde, um Schwarze Gemeinschaften zu kontrollieren und zu kriminalisieren. Was auf dem Papier wie eine Randnotiz wirkt, hat in der Praxis weitreichende gesellschaftliche Konsequenzen gezeitigt.
Die Filmemacherin spannt dabei einen weiten historischen Bogen: von der Reconstruction-Ära nach dem Bürgerkrieg über die Jim-Crow-Gesetze der Rassentrennung bis hin zum „War on Drugs“ der 1980er und 1990er Jahre und dem heutigen System privatwirtschaftlich betriebener Gefängnisse. In Interviews mit Aktivistinnen und Aktivisten, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie Politikerinnen und Politikern wird dokumentiert, wie Gesetzgebung und politische Rhetorik Hand in Hand gingen, um Schwarze Amerikaner überproportional ins Strafjustizsystem zu drängen.
Rassenungerechtigkeit USA
Der Fall Kalief Browder
Im Zentrum der Dokumentation steht unter anderem das Schicksal von Kalief Browder – einem Fall, der die Dysfunktionalität des US-amerikanischen Justizsystems auf erschütternde Weise verdeutlicht. Der damals 16-Jährige wurde im Jahr 2010 in New York City verhaftet, weil er angeblich einen Rucksack gestohlen haben soll. Browder bestritt die Tat bis zu seinem Tod.
Ohne jemals verurteilt worden zu sein, verbrachte er drei Jahre im berüchtigten Rikers-Island-Gefängnis – davon zwei Jahre in Einzelhaft. Die psychischen Schäden, die er in dieser Zeit erlitt, begleiteten ihn nach seiner Entlassung. Im Jahr 2015 nahm sich Kalief Browder im Alter von nur 22 Jahren das Leben.
Sein Fall ist kein Einzelfall, sondern symptomatisch: Arme und Schwarze Angeklagte können sich häufig keine Kaution leisten und warten deshalb jahrelang auf ihren Prozess – unter Haftbedingungen, die international als menschenrechtlich bedenklich gelten.
Einzelhaft Folgen
Untersuchungshaft USA
Warum „13th“ auch für ein europäisches Publikum relevant ist
„13th“ ist nicht nur eine Abrechnung mit dem US-amerikanischen Strafjustizsystem. Die Dokumentation stellt grundlegende Fragen zu Machtstrukturen, institutionellem Rassismus und der Funktion von Inhaftierung als gesellschaftlichem Kontrollinstrument – Fragen, die auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz zunehmend diskutiert werden.
Ava DuVernays Film wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und für den Oscar in der Kategorie Bester Dokumentarfilm nominiert. Er ist auf Netflix verfügbar und gilt als eines der wichtigsten politischen Dokumente des letzten Jahrzehnts.
