The Good Nurse: Der Serienmörder im Krankenhausbett
Netflix-Film 2022 über Charles Cullen — Pfleger und Serienmörder
Fakten
Charles Cullen, ein Krankenpfleger aus New Jersey, tötete zwischen 1988 und 2003 in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen mindestens 29 Menschen — Schätzungen gehen von bis zu 400 Opfern aus. Der Netflix-Film The Good Nurse aus dem Jahr 2022 zeichnet diese erschreckende Geschichte nach und beleuchtet, wie ein System aus institutionellem Versagen und gegenseitigem Schweigen einen der produktivsten Serienmörder der amerikanischen Geschichte jahrelang schützte.
Inhalt und Handlung
Der Film basiert auf dem gleichnamigen Sachbuch von Charles Graeber aus dem Jahr 2013. Im Mittelpunkt stehen zwei Figuren: Charles Cullen selbst, gespielt von Eddie Redmayne, und seine Arbeitskollegin Amy Loughren, dargestellt von Jessica Chastain. Amy ist alleinerziehende Mutter und selbst schwer herzkrank — sie ist auf ihren Job und damit auf ihre Krankenversicherung angewiesen. Als die Ermittler Tim Braun und Danny Baldwin sie um Hilfe bitten, Cullen zu überführen, gerät sie in einen tiefen moralischen Konflikt: Der Mann, dem sie vertraut und den sie als Freund betrachtet, soll ein Mörder sein.
Regisseur Tobias Lindholm, bekannt für seine nüchterne, realistische Handschrift aus dänischen Produktionen wie „Jagten“ (zu Deutsch: „Die Jagd“), inszeniert den Stoff bewusst ohne reißerische Elemente. The Good Nurse ist kein Thriller im klassischen Sinne, sondern ein ruhiges, bedrückendes Charakterdrama.
Charles Cullen: Der echte Fall
Charles Cullen arbeitete in seiner aktiven Zeit als Pfleger in insgesamt neun Krankenhäusern in New Jersey und Pennsylvania. In nahezu jeder Einrichtung kam es zu auffälligen Todesfällen — dennoch wurde er nie sofort gestoppt. Stattdessen erhielt er oft stillschweigende Kündigungen oder positive Referenzen, damit er weiterzog. Die Krankenhäuser fürchteten Klagen und Reputationsschäden mehr als sie die Patientensicherheit schützten.
Cullen verabreichte seinen Opfern überdosierte Mengen von Herzmedikamenten wie Digoxin oder Insulin — meist in der Nacht, wenn die Stationen nur schwach besetzt waren. Seine Opfer waren überwiegend schwer kranke Patienten, die ohnehin in einem kritischen Zustand waren, was die Todesfälle lange Zeit als natürlich erscheinen ließ.
Im Dezember 2003 wurde Cullen verhaftet, nachdem Ermittler in Somerset County, New Jersey, gezielt auf ihn aufmerksam wurden. Amy Loughren half dabei entscheidend: Sie führte im Auftrag der Polizei ein aufgezeichnetes Gespräch mit ihm, in dem er sich selbst belastete.
Charles Cullen
Systemversagen als eigentlicher Täter
Einer der zentralen Anklagepunkte des Films richtet sich nicht gegen Cullen allein, sondern gegen das amerikanische Gesundheitssystem. Mehrere Krankenhäuser wussten oder hätten wissen müssen, dass mit Cullen etwas nicht stimmte. Dennoch wurden Informationen zurückgehalten, Beschwerden ignoriert und Kündigungen nicht dokumentiert. Eine übergreifende Datenbank für auffällige Pflegepersonal existierte zu diesem Zeitpunkt nicht.
Die Drehbuchautorin Krysty Wilson-Cairns betont in Interviews, dass der Film bewusst diese Mitverantwortung der Institutionen ins Bild rückt. Cullen ist das Gesicht des Verbrechens — aber die Strukturen, die ihn so lange gewähren ließen, sind mitschuldig.
Krankenhausmorde USA
Kritik und Rezeption
The Good Nurse wurde bei seiner Veröffentlichung im Oktober 2022 von der Filmkritik überwiegend positiv aufgenommen. Besonders gelobt wurden die Leistungen von Eddie Redmayne und Jessica Chastain. Redmayne gelingt es, Cullen weder zu verherrlichen noch zu einer reinen Schreckensfigur zu machen — er bleibt irritierend unlesbar, was die eigentliche Beunruhigung des Films ausmacht.
Einige Kritiker bemängelten, dass der Film zu wenig Raum für die Perspektive der Opfer lasse. Diese Kritik ist berechtigt: The Good Nurse erzählt in erster Linie Amys Geschichte und die Ermittlungsarbeit — die Opfer bleiben weitgehend anonym. Für ein True-Crime-Format ist das eine bewusste, aber nicht unumstrittene Entscheidung.
True-Crime-Filme auf Netflix
Fazit
The Good Nurse ist ein handwerklich starker, inhaltlich wichtiger Film, der einen der dunkelsten Fälle amerikanischer Kriminalgeschichte aufarbeitet. Er verzichtet auf Sensationslust und stellt stattdessen unbequeme Fragen: Wie konnte das so lange passieren? Wer trägt Verantwortung — und warum schweigen Institutionen, wenn sie sprechen sollten? Wer sich für den realen Fall Charles Cullen interessiert, findet im Film einen seriösen und nachdenklich stimmenden Einstieg.
