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•8. Mai 2026
Cui Bono: Wie ein Podcast die Radikalisierung von Ken Jebsen offenlegte
Die ARD-Serie von Khesrau Behroz dokumentiert den Fall eines einflussreichen Radiomoderators, der zum Verschwörungstheoretiker wurde

Khesrau Behroz dokumentierte in der ARD-Podcast-Serie «Cui Bono» die schleichende Radikalisierung des ehemals angesehenen Radiomoderators Ken Jebsen — ein Fallbeispiel für Online-Extremismus, das die deutsche Öffentlichkeit aufschreckte und eine gesellschaftliche Debatte über Desinformation entfachte.
Ken Jebsen galt bis 2011 als einer der beliebtesten Moderatoren im deutschen Rundfunk. Als Gastgeber der Sendung «Radioeins der gute Morgen» beim Berliner rbb Radioeins hatte er eine loyale Hörerschaft aufgebaut. Der charismatische Moderator war für seine freche, provokative Moderationsstil bekannt und galt als Repräsentant eines modernen, progressiven Radios. Seine Karriere schien gefestigt, bis zu jenem Märztag 2011, als alles zusammenbrach.
Am 1. März 2011 wurde Jebsen vom rbb gekündigt. Der offizielle Grund: antisemitische Äußerungen in einer Sendung. Jebsen hatte Israel kritisiert und dabei Stereotype verwendet, die über legitime Kritik hinausgingen. Diese berufliche Katastrophe markierte einen Wendepunkt in Jebsens Leben. Statt Selbstreflexion folgte Widerwille gegen das System, das ihn fallen ließ.
Was folgte, war eine klassische Radikalisierungskurve: Jebsen suchte nach Erklärungen für seinen Sturz und fand sie in Verschwörungstheorien. Er begann, sich in alternative Medienkanäle zu begeben, verbreitete immer häufiger wirre Theorien über geheime Machtstrukturen und entwickelte ein Narrativ, in dem die etablierten Medien — einschließlich des rbb — Teil einer globalen Verschwörung gegen ihn und »die Wahrheit« waren. Die Kündigung wurde zum Beweis einer Zensur, die er zugleich mit dem Judentum verband.
Statt zurück ins reguläre Radio zu kehren, gründete Jebsen 2012 sein eigenes Medienunternehmen: KenFM. Über YouTube, seinen Podcast und seine Website erreichte Jebsen schnell hunderttausende Anhänger. Ohne die journalistische Sorgfalt traditioneller Medien konnte er ungefiltert arbeiten. Seine Inhalte vermischten berechtigte Systemkritik mit Verschwörungsmythen, akademischen Fachbegriffe mit wilden Spekulationen.
Jebsens Botschaften fanden ein empfängliches Publikum: Menschen, die sich vom Mainstream-Diskurs entfremdet fühlten, die an den Rand gedrängt oder missverstanden glaubten. Verschwörungstheorien im Internet florierte in dieser Echo-Kammer, und Jebsen wurde zum Guru einer wachsenden Subkultur.
Mit dem Ausbruch der COVID-19-Pandemie 2020 erreichte Jebsens Einfluss seinen Höhepunkt. Er verbreitete massiv Desinformation über das Virus, Impfstoffe und vermeintliche Hintermänner der Pandemie. Er trat bei Demonstrationen der Querdenken-Bewegung auf, wo sich friedliche Maßnahmenkritiker mit echten Nazis zusammenfanden — ein Phänomen, das Jebsen durch seine Präsenz legitimierte.
Millionen von Menschen konsumieren regelmäßig Jebsens Inhalte, manche steigen in den Kaninchenbau ein, aus dem es schwer ist, wieder herauszukommen. Radikalisierung in sozialen Medien zeigt sich hier in Echtzeit.
Im Januar 2022 startete die ARD eine ungewöhnliche Serie: Der Journalist Khesrau Behroz machte sich auf, die Radikalisierung Jebsens nachzuvollziehen. Der Podcast «Cui Bono» — das lateinische »Wem nutzt es?« — ist kein oberflächlicher Hit-Piece, sondern eine detaillierte forensische Analyse, wie eine intelligente, charismatische Person sich selbst ins Extremistische radikalisierte.
Behroz sprach mit Jebsens Familie, ehemaligen Kollegen, Psychologen und Ex-Anhängern. Er rekonstruierte Jebsens digitale Fußspuren, zitierte aus seinen Videos und analysierte die Mechanismen, die bei seiner Radikalisierung am Werk waren: Ressentiment, Narzissmus, finanzielle Anreize und die unbegrenzte Reichweite des Internets.
Die Serie war methodisch strahlend: Sie zeigte, wie Jebsen gezielt Falschinformationen verbreitete, wie er Kritik als »Zensur« uminterpretierte, wie er sein Publikum manipulierte, indem er ihnen das Gefühl gab, »erwacht« zu sein, während alle anderen im Schlaf wandelten. Psychologie der Desinformation wurde durch »Cui Bono« greifbar gemacht.
«Cui Bono» wurde zum Phänomen. Die Serie rangierte rasch unter den meistgehörten deutschen Podcasts überhaupt — ein Beweis, dass das deutsche Publikum Hunger nach verständlichen, tiefgehenden Erklärungen des Extremismus hat.
Die Serie löste eine wichtige Debatte aus: Wie radikalisiert sich jemand online? Wer trägt Verantwortung? Die Plattformen? Die Inhaltsersteller? Die Zuschauer? Wie können Journalisten berichten, ohne Verschwörungstheorien zu verstärken?
Ken Jebsen sitzt nicht im Gefängnis und hat keine Bombe gebaut — seine »Verbrechen« sind konzeptioneller Art. Doch seine Reichweite und sein Einfluss auf tausende Menschen machen ihn zu einer Fallstudie für ein zentrales Problem unserer Zeit: Die Fähigkeit einzelner Individuen, durch digitale Kanäle Millionen zu erreichen und zu manipulieren, ohne die Verantwortung traditioneller Medien.
«Cui Bono» zeigt: Radikalisierung ist kein plötzliches Phänomen. Sie ist ein Prozess, erkennbar, dokumentierbar, möglicherweise sogar verhinderbar — wenn wir hinschauen.
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