Fallakte

Amerithrax — Die Milzbrandbriefe, die Amerika lähmten

Fünf Tote, 17 Infizierte und sieben Jahre Ermittlung: Der Milzbrand-Anschlag von 2001 gehört zu den komplexesten Kriminalfällen in der Geschichte des FBI.

🇺🇸 Amerikanisch

Veröffentlicht 27. Juni 2026

BEWEIS

Fakten

TäterDr. Bruce Edwards Ivins (suspect — never indicted)
OpferRobert Stevens, Thomas L. Morris Jr., Joseph P. Curseen Jr., Kathy T. Nguyen, Ottilie Lundgren (plus 17 injured)
TatortBoca Raton (FL), Washington D.C., New York City, Oxford (CT)
TatzeitpunktSeptember–November 2001
DeliktBioterrorism — mailing of anthrax spores

Nur drei Wochen nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 tauchten in amerikanischen Briefkästen Umschläge mit hochraffiniertem Milzbrandpulver auf — adressiert an Nachrichtenredaktionen und führende Politiker. Was folgte, war einer der aufwendigsten und folgenreichsten Kriminalfälle in der Geschichte des FBI.

Die Briefe und die Anschläge

Am 18. September 2001 wurden die ersten Briefe von Trenton, New Jersey, aufgegeben. Sie erreichten unter anderem die Nachrichtenredaktionen von NBC News und die New York Post. Die Briefe enthielten einen schlichten Text mit einer Warnung vor Milzbrand — zunächst wurden sie nicht ernst genommen. Das sollte sich schnell ändern.

Am 5. Oktober 2001 starb Robert Stevens, Fotojournalist der Boulevardzeitung The Sun in Boca Raton, Florida, an Inhalationsmilzbrand — der gefährlichsten und seltensten Form der Krankheit. Es war das erste Mal seit 1976, dass ein Amerikaner an Milzbrand gestorben war. Die Panik eskalierte.

Zeitlinie

1. September 2001

Erste Briefe mit Milzbrandsporen verschickt

Im September 2001 werden die ersten Briefe mit Milzbrandsporen an amerikanische Medienorganisationen verschickt.

1. Oktober 2001

Zweite Welle: Briefe an amerikanische Senatoren

Im Oktober 2001 werden weitere Briefe mit Anthrax-Sporen verschickt, diesmal an amerikanische Senatoren in Washington D.C.

5. Oktober 2001

Erstes Todesopfer

Robert Stevens, Fotojournalist in Florida, stirbt an Inhalationsmilzbrand und wird zum ersten Todesopfer des Anschlags.

21. Oktober 2001

Thomas L. Morris Jr. stirbt in Washington D.C.

Der Postangestellte Thomas L. Morris Jr., 55 Jahre, vom Brentwood Post Office in Washington D.C., stirbt am 21. Oktober 2001.

22. Oktober 2001

Joseph P. Curseen Jr. stirbt in Washington D.C.

Der Postangestellte Joseph P. Curseen Jr., 47 Jahre, ebenfalls vom Brentwood Post Office, stirbt am 22. Oktober 2001.

31. Oktober 2001

Kathy T. Nguyen stirbt in New York City

Kathy T. Nguyen, 61 Jahre, Krankenhausangestellte in New York City, stirbt am 31. Oktober 2001.

21. November 2001

Ottilie Lundgren stirbt — letztes Opfer des Falls

Ottilie Lundgren, 94 Jahre, wohnhaft in Oxford, Connecticut, stirbt am 21. November 2001 und ist der letzte Todesfall im Zusammenhang mit den Angriffen.

1. Januar 2008

Verdächtiger Bruce Ivins stirbt

Dr. Bruce Edwards Ivins stirbt 2008, bevor FBI und DOJ formelle Anklage gegen ihn erheben können. Eine strafrechtliche Verfolgung wird dadurch unmöglich.

19. Februar 2010

Fall geschlossen

Das FBI und das US-Justizministerium schließen die Amerithrax-Ermittlung und erklären Ivins zum alleinigen Verantwortlichen.

Eine zweite Briefserie wurde am 9. Oktober 2001 verschickt, diesmal an zwei demokratische Senatoren: Tom Daschle aus South Dakota und Patrick Leahy aus Vermont. Diese Briefe enthielten eine weit konzentriertere und raffiniertere Form von Milzbrandsporen — waffenfähigen Anthrax in militärischer Qualität. Allein das Öffnen der Umschläge setzte mikroskopisch kleine Partikel frei, die eingeatmet werden konnten und tödlich wirkten.

Als Daschles Brief am 15. Oktober 2001 von einem Mitarbeiter geöffnet wurde, kontaminierte das freigesetzte Pulver weite Teile des Senatsgebäudes. Mehr als 30 Postsortier- und Regierungsgebäude mussten daraufhin geschlossen und dekontaminiert werden. Tausende Mitarbeiter wurden vorsorglich mit Antibiotika behandelt.

Insgesamt starben fünf Menschen an Inhalationsmilzbrand: Robert Stevens, Kathy Nguyen (eine Postangestellte aus New York), Joseph Curseen und Thomas Morris Jr. (beide Postmitarbeiter aus Washington D.C.) sowie Ottilie Lundgren, eine 94-jährige Frau aus Connecticut, die sich aller Wahrscheinlichkeit nach über kreuzkontaminierte Post infiziert hatte.

Die Ermittlung und die falschen Spuren

Das FBI startete sofort eine massive Ermittlung unter dem Codenamen Amerithrax. In den ersten Jahren konzentrierten sich die Ermittler auf einen einzigen Mann: Dr. Steven Hatfill, einen Virologen und ehemaligen Mitarbeiter des USAMRIID (United States Army Medical Research Institute of Infectious Diseases) mit einer kontroversen Vergangenheit. Justizminister John Ashcroft bezeichnete ihn im August 2002 öffentlich als „Person of Interest“ — Hatfill lebte daraufhin jahrelang unter intensiver Überwachung und massivem Mediendruck.

Das Problem: Das FBI fand niemals genug Beweise für eine Anklage. 2008 wurde Hatfill offiziell entlastet, und die Behörden zahlten ihm 5,82 Millionen Dollar Entschädigung. Es war ein schwerer Rückschlag für die Ermittlung — und ein Lehrstück darüber, wie der Druck nach schnellen Antworten zu folgenschweren Fehleinschätzungen führen kann. Falsche Verdächtige in FBI-Ermittlungen

Bruce Ivins — der neue Verdächtige

Nach dem Scheitern der Hatfill-Spur richtete das FBI seinen Fokus auf Dr. Bruce E. Ivins, einen Mikrobiologen, der seit Jahrzehnten am USAMRIID in Fort Detrick, Maryland, arbeitete — ausgerechnet an der Entwicklung von Milzbrand-Impfstoffen. Ivins hatte Zugang zu den hochraffinierten Milzbrandkulturen, die in den Briefen verwendet worden waren, und das FBI sah ihn als einzigen Täter.

Die Behörden sammelten über Monate Beweise und planten, offiziell Anklage gegen ihn zu erheben. Doch dazu kam es nicht mehr: Am 29. Juli 2008 starb Ivins an einer Überdosis Paracetamol — einen Tag bevor das FBI seine Festnahme eingeleitet hätte. Er hinterließ keine Beichte.

Im Februar 2010 schlossen das FBI und das US-Justizministerium den Fall Amerithrax und erklärten Ivins zum alleinigen Verantwortlichen. Doch da Ivins nie vor Gericht stand, blieben Zweifel. Wissenschaftler, Kollegen und unabhängige Beobachter stellten die Schlussfolgerungen des FBI in Frage — und tun es bis heute. Bioterrorismus und staatliche Ermittlungen

Ein Fall, der offene Fragen hinterlässt

Amerithrax steht exemplarisch für die Zerreißproben, denen ein traumatisiertes Land unmittelbar nach dem 11. September ausgesetzt war: den Druck, schnell Antworten zu liefern, die Versuchung, Verdächtige öffentlich zu benennen, bevor die Beweise gesichert sind, und die Schwierigkeit, hochkomplexe biologische Forensik in einen Strafprozess zu überführen. Die Frage, ob Bruce Ivins wirklich allein gehandelt hat — oder ob der wahre Täter nie gefasst wurde — ist bis heute nicht abschließend beantwortet.

Medienberichterstattung

Podcasts

  • Casefile deckt Amerithrax auf: Bioterror erschütterte die USA(2026)

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