Fallakte

Backpage.com-Fall — Bundesverfahren wegen Förderung der Prostitution

Phoenix, Arizona, 2018–2024 — Verurteilungen wegen Geldwäsche und Sexhandel-Förderung

🇺🇸 Amerikanisch

Veröffentlicht 2. Juni 2026

BEWEIS

Falldetails

Quick Facts

Fallstatus
Aufgeklärt
Ort
Phoenix, Arizona, USA

Der Fall

Der Backpage.com-Fall ist ein US-amerikanisches Bundesstrafverfahren gegen die Gründer, Eigentümer und den CEO der Online-Kleinanzeigenplattform Backpage.com, die nach Auffassung der Ermittler wissentlich Anzeigen für Prostitution und Sexhandel veröffentlichte und davon profitierte. Anders als bei klassischen Gewaltverbrechen handelt es sich nicht um einen Einzelfall mit einem identifizierbaren Opfer, sondern um ein groß angelegtes Verfahren wegen Förderung der Prostitution, Geldwäsche und der Beteiligung am Menschenhandel — auch mit Minderjährigen.

Die zentralen Beschuldigten sind die Mitgründer und ehemaligen Eigentümer Michael Lacey und James Larkin, die früheren Eigentümer Scott Spear und John „Jed“ Brunst sowie der Mitgründer und CEO Carl Ferrer. Das Hauptverfahren wurde am US-Bundesgericht in Phoenix, Arizona, geführt, wo Backpage auch seinen Sitz hatte.

Das Verbrechen

Backpage wurde 2004 gegründet und entwickelte sich rasch zu einer der größten Kleinanzeigenplattformen der USA. Im Zentrum der Vorwürfe steht die sogenannte „Adult Services“-Sektion. Nach Darstellung der US-Bundesanwaltschaft erwirtschaftete das Unternehmen zwischen September 2010 und April 2018 hunderte Millionen US-Dollar mit Anzeigen, von denen die Betreiber wussten, dass sie überwiegend der Anbahnung von Prostitution dienten — darunter auch Fälle, in denen Minderjährige durch Zuhälter und Menschenhändler vermittelt wurden.

Zeitlinie

1. Januar 2004

Backpage wird gestartet

Backpage.com wird als Kleinanzeigen-Website gegründet, die später mit einem Bereich für Erwachsenendienste schnell expandiert.

10. Januar 2017

Senatsbericht veröffentlicht

Der US Senate Permanent Subcommittee on Investigations veröffentlicht einen detaillierten Bericht über Backpages Rolle im Online-Sexhandel.

6. April 2018

Backpage beschlagnahmt

Bundesbehörden beschlagnahmen Backpage.com und schließen die Website im Rahmen einer koordinierten Vollzugsaktion.

12. April 2018

Ferrer bekennt sich schuldig

CEO Carl Ferrer bekennt sich in Verschwörungsanklagen schuldig und erklärt sich bereit, mit Bundesanklägern zusammenzuarbeiten.

1. Juli 2023

Larkin stirbt vor Prozessbeginn

Mitgründer James Larkin stirbt durch Suizid kurz vor dem Bundesprozess in Phoenix.

16. November 2023

Verurteilungen in Phoenix

Eine Bundesjury in Phoenix verurteilt Michael Lacey, Scott Spear und John Brunst in mehreren Anklagepunkten im Rahmen des 500-Millionen-Dollar-Prostitutionsförderungssystems.

28. August 2024

Lacey wird verurteilt

Michael Lacey wird am US District Court in Phoenix im Anschluss an die Verurteilungen von 2023 verurteilt.

In der Anklage wird ausführlich beschrieben, wie das Unternehmen Filter und Moderationspraktiken so gestaltete, dass eindeutige Begriffe automatisch entfernt oder ersetzt wurden, der Inhalt der Anzeigen selbst aber stehen blieb. Ein Untersuchungsbericht des US-Senats aus dem Januar 2017 dokumentierte interne Anweisungen, problematische Schlüsselwörter wie „Lolita“, „teenage“ oder „schoolgirl“ zu entfernen, ohne die Anzeigen insgesamt zu löschen — was nach Auffassung der Senatoren die Anzeigen nicht entschärfte, sondern für Strafverfolger schwerer auffindbar machte.

Die Geldwäsche-Komponente betraf den Umgang mit Zahlungsabwicklern: Nachdem große Kreditkartenunternehmen den Service kündigten, sollen die Betreiber laut Anklage über Tarnfirmen, Kryptowährungen und Auslandskonten weiterhin Zahlungen ermöglicht haben.

Die Opfer

Da es sich um ein Förderungs- und Plattformverfahren handelt, gibt es keine einzelne öffentliche Opferliste. Die Opferentschädigungsmitteilung des Justizministeriums richtet sich allgemein an Personen, deren Menschenhandel über Backpage-Anzeigen ermöglicht wurde.

In der zivilrechtlichen Auseinandersetzung Doe No. 1 v. Backpage.com vor dem US Court of Appeals for the First Circuit wird ausdrücklich festgehalten, dass die Klägerinnen zur Tatzeit Minderjährige waren und über Anzeigen auf Backpage gehandelt wurden. Diese Konstellation — Minderjährige, die wiederholt zur kommerziellen sexuellen Ausbeutung angeboten wurden — war ein wesentlicher Treiber des öffentlichen und politischen Drucks, der schließlich zur Schließung der Plattform führte.

Ermittlung

Die Ermittlungen erstreckten sich über mehrere Jahre und kombinierten klassische Strafverfolgung mit parlamentarischer Aufklärung. Der Senatsausschuss für innere Sicherheit und Regierungsangelegenheiten (HSGAC) lieferte 2017 mit seinem Bericht eine breite Beweisgrundlage, indem er interne E-Mails, Moderationsrichtlinien und Geschäftszahlen offenlegte.

Am 6. April 2018 beschlagnahmten FBI, IRS und Postdienst Backpage.com und schalteten die Domain ab. Wenige Tage später bekannte sich CEO Carl Ferrer der Verschwörung schuldig und kooperierte mit den Ermittlern. Seine Aussagen wurden zur Grundlage des weiteren Verfahrens gegen Lacey, Larkin, Spear und Brunst.

Prozess und Urteil

Das erste Hauptverfahren in Phoenix endete 2021 mit einem Fehlprozess („mistrial“). Im Herbst 2023 wurden Scott Spear und John „Jed“ Brunst nach Angaben des Justizministeriums wegen Beteiligung an einem „500-Millionen-Dollar-Prostitutionsförderungssystem“ verurteilt. Mitgründer James Larkin nahm sich Ende Juli 2023 kurz vor dem geplanten Wiederaufnahmeverfahren das Leben.

Michael Lacey wurde 2024 ebenfalls verurteilt. Carl Ferrer war bereits 2018 durch sein Schuldgeständnis abgeurteilt worden; seine Aussagen blieben für die übrigen Verfahren zentral. Die Verfahren stützten sich unter anderem auf US-amerikanische Bundesgesetze zur Travel Act-Verletzung (Prostitutionsförderung über staatengrenzenüberschreitende Kommunikation) sowie auf Geldwäschebestimmungen.

Heute

Der Backpage-Komplex gilt als einer der prägendsten US-Fälle zur strafrechtlichen Verantwortung von Online-Plattformen für nutzergenerierte Inhalte. Er beeinflusste 2018 maßgeblich die Verabschiedung der Gesetze FOSTA-SESTA, die die Haftungsprivilegien aus Section 230 für Sexhandel-bezogene Inhalte einschränkten.

Das Justizministerium führt weiterhin ein Verfahren zur Entschädigung von Opfern, die über Backpage gehandelt wurden. Eine ausführliche Dokumentation der prozessualen Schritte findet sich auch in öffentlich zugänglichen Fallübersichten. Kritiker — darunter Bürgerrechtsorganisationen und Sexarbeiter-Verbände — argumentieren, dass die Abschaltung Sexarbeit nicht beendet, sondern in unsicherere Bereiche verdrängt habe; Befürworter der Strafverfolgung verweisen auf die dokumentierten Fälle minderjähriger Opfer als Kern der Anklage.

Medienberichterstattung

TV series

  • I Am Jane Doe(2026)

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