Fallakte

Die Russell-Morde — Hammer-Angriff auf Mutter und Töchter

Chillenden, Kent, 1996 — Urteil umstritten, Michael Stone verurteilt

🇬🇧 Britisch

Veröffentlicht 9. Juni 2026

BEWEIS

Der Fall

Die Russell-Morde sind ein britischer Kriminalfall aus dem Jahr 1996, bei dem Dr. Lin Russell und ihre sechsjährige Tochter Megan in Chillenden, Kent, brutal ermordet wurden. Die neunjährige Tochter Josie überlebte den Angriff schwer verletzt. Der Fall gilt als einer der erschütterndsten Verbrechen in der britischen Kriminalgeschichte und bleibt trotz rechtskräftiger Verurteilung umstritten.

Michael Stone wurde für die Taten verurteilt, doch die Beweislage war von Anfang an dünn und beruhte maßgeblich auf Zeugenaussagen von Mithäftlingen. Jahrzehnte später sorgte der verurteilte Serienmörder Levi Bellfield für neue Schlagzeilen, als er behauptete, der wahre Täter zu sein. Die Justiz hält jedoch an Stones Verurteilung fest.

Das Verbrechen

Am Nachmittag des 9. Juli 1996 waren Dr. Lin Russell und ihre beiden Töchter Megan (6) und Josie (9) auf dem Heimweg von einem Schulschwimmfest in der ländlichen Grafschaft Kent. Sie gingen einen abgelegenen Feldweg entlang, begleitet von ihrem Familienhund Lucy. Gegen 16:30 Uhr wurden sie in einem kleinen Wäldchen neben der Landstraße von einem Unbekannten angegriffen.

Zeitlinie

9. Juli 1996

Leiche in Chillenden gefunden

Dr. Lin Russell, 45, und ihre Tochter Megan, 6, werden ermordet in einem Wäldchen an einer Landstraße in Chillenden, Kent, gefunden. Die neunjährige Josie Russell wird kritisch verletzt, aber lebend gefunden.

1. Juli 1997

Michael Stone festgenommen

Nach einer Crimewatch-Rekonstruktion und anschließenden Hinweisen nimmt die Polizei den 37-jährigen Michael Stone im Zusammenhang mit den Morden fest.

1. Oktober 1998

Erster Prozess und Verurteilung

Michael Stone wird am Maidstone Crown Court in seinem ersten Prozess wegen der Morde und des Mordversuchs verurteilt, hauptsächlich gestützt auf angebliche Geständnisse gegenüber Mitgefangenen.

1. Februar 2001

Berufung erfolgreich, neuer Prozess angeordnet

Stones Verurteilung wird im Berufungsverfahren wegen Bedenken hinsichtlich der Zuverlässigkeit von Zeugenaussagen aufgehoben, und ein neuer Prozess wird angeordnet.

4. Oktober 2001

Schuldig im neuen Prozess

Am Nottingham Crown Court wird Stone mit einer Mehrheit von 10 zu 2 des Mordes an Lin und Megan Russell sowie des Mordversuchs an Josie Russell für schuldig befunden. Er wird zu dreimal lebenslänglich verurteilt.

1. Januar 2022

Angebliches Geständnis von Levi Bellfield

Der Serienmörder Levi Bellfield behauptet Berichten zufolge, für die Russell-Morde verantwortlich zu sein, was die öffentliche Debatte über Stones Verurteilung und die Sicherheit des Urteils neu entfacht.

Der Täter schlug mit einem Hammer brutal auf alle drei Opfer ein. Lin und ihre Töchter wurden gefesselt und wiederholt auf den Kopf geschlagen. Auch der Hund wurde getötet. Die Leichen von Lin Russell und Megan sowie die schwer verletzte Josie wurden am nächsten Morgen, dem 10. Juli, in dem Gehölz entdeckt.

Josie Russell hatte trotz schwerster Kopfverletzungen überlebt. Sie lag stundenlang bei den Leichen ihrer Mutter und Schwester, bevor sie gefunden wurde. Sie erlitt lebenslange körperliche und neurologische Schäden, konnte sich aber später an Teile des Angriffs erinnern.

Die Opfer

Dr. Lin Russell war eine 45-jährige Mutter und ehrenamtlich tätige Schwimmtrainerin. Sie galt als liebevolle, engagierte Frau, die sich intensiv um ihre Töchter kümmerte. An jenem Tag hatte sie Megan und Josie vom Schulschwimmen abgeholt.

Megan Russell war erst sechs Jahre alt. Sie liebte Tiere und verbrachte gerne Zeit in der Natur. Ihr Tod erschütterte die britische Öffentlichkeit besonders, da sie noch so jung war und offenbar ohne erkennbares Motiv getötet wurde.

Josie Russell überlebte als Einzige den Angriff. Die damals neunjährige erlitt mehrere Schädelbrüche und musste intensivmedizinisch behandelt werden. Trotz anfänglicher Befürchtungen erholte sie sich teilweise und konnte später Hinweise zur Tat geben. Josie wurde nach dem Verbrechen von ihrem Vater Shaun Russell großgezogen und trat später gelegentlich in die Öffentlichkeit, um über ihre Erfahrungen zu sprechen.

Ermittlung

Die Polizei von Kent startete eine der größten Mordermittlungen in der Geschichte der Grafschaft. Es gab zunächst kaum Spuren: Der abgelegene Tatort, das Fehlen von Zeugen und das scheinbar wahllose Vorgehen erschwerten die Arbeit erheblich.

Früh im Ermittlungsverlauf wurden mehrere forensische Spuren gesichert: ein Fingerabdruck in Blut auf Josies Brotdose), Haare, die nicht den Opfern gehörten, sowie ein blutbefleckter Schnürsenkel, der zum Fesseln verwendet worden war. Diese Spuren führten jedoch zunächst zu keinem Verdächtigen.

Im Februar 1997 sendete die BBC-Sendung Crimewatch eine Rekonstruktion des Verbrechens. Daraufhin gingen zahlreiche Hinweise ein, die die Ermittler auf Michael Stone lenkten. Stone war ein 37-jähriger Kleinkrimineller mit einer langen Vorstrafen-Liste, darunter Gewaltdelikte und Einbrüche. Im Juli 1997 wurde er festgenommen.

Die Beweislage gegen Stone war jedoch dünn. Die forensischen Spuren konnten ihm nicht eindeutig zugeordnet werden. Die Anklage stützte sich stattdessen vor allem auf Aussagen zweier Mithäftlinge, die behaupteten, Stone habe ihnen gegenüber die Tat gestanden. Diese Zeugenaussagen waren von Anfang an umstritten, da beide Männer Vorstrafen hatten und möglicherweise Vorteile aus ihrer Aussage ziehen wollten.

Prozess und Urteil

Michael Stone wurde 1998 erstmals vor Gericht gestellt, doch der Prozess endete ohne Urteil. Ein zweiter Prozess fand 2001 am Nottingham Crown Court statt. Diesmal wurde Stone am 4. Oktober 2001 mit einem Mehrheitsentscheid von 10:2 Geschworenen der Morde an Lin und Megan Russell sowie des versuchten Mordes an Josie Russell für schuldig befunden.

Er erhielt drei lebenslange Haftstrafen. Der Richter betonte die Schwere der Tat und die besondere Grausamkeit gegenüber den hilflosen Opfern.

Die Verteidigung argumentierte von Anfang an, dass die Beweise nicht ausreichten. Es gab keine DNA-Übereinstimmung, keine Tatwaffe und keine direkten Zeugen. Stone selbst bestritt stets, die Tat begangen zu haben. In den Jahren nach seiner Verurteilung reichte er mehrere Revisionsanträge ein, die jedoch alle abgelehnt wurden.

Kritiker des Urteils, darunter Anwälte und Journalisten, wiesen darauf hin, dass die Verurteilung im Wesentlichen auf den Aussagen zweier unzuverlässiger Zeugen beruhte. Dennoch blieb das Urteil rechtskräftig.

Heute

Michael Stone sitzt weiterhin im Gefängnis. Seine Verurteilung wurde trotz mehrfacher Anfechtungen nie aufgehoben. Der Fall gewann jedoch 2022 erneut öffentliche Aufmerksamkeit, als der verurteilte Serienmörder Levi Bellfield behauptete, er sei der wahre Täter der Russell-Morde.

Bellfield, der wegen der Morde an Milly Dowler, Marsha McDonnell und Amelie Delagrange zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, gab in einer eidesstattlichen Erklärung an, er habe Lin und Megan Russell getötet. Seine Aussage wurde jedoch von Ermittlern und Staatsanwaltschaft als unglaubwürdig zurückgewiesen. Es gab keine neuen forensischen Beweise, die Bellfields Behauptung stützten, und viele sahen darin einen Versuch, erneut Aufmerksamkeit zu erregen.

Josie Russell, die heute unter einem neuen Namen lebt, hat sich mehrfach öffentlich zu dem Fall geäußert. Sie unterstützt die Verurteilung von Stone und lehnte Bellfields Geständnis als falsch ab.

Der Fall wurde in zahlreichen Dokumentationen aufgearbeitet, darunter die 2023 erschienene Sky/Now TV-Serie *The Russell Murders: Who Killed Lin & Megan?*. Auch Crime+Investigation UK widmete dem Fall eine ausführliche Dokumentation. Die Morde bleiben ein Symbol für die Verletzlichkeit unschuldiger Opfer und die Schwierigkeiten der Justiz bei der Aufklärung von Verbrechen mit dünner Beweislage.

Obwohl der Fall juristisch als gelöst gilt, bleibt er in der öffentlichen Wahrnehmung umstritten. Die Frage, ob Michael Stone wirklich der Täter war, wird wohl nie abschließend beantwortet werden.

Medienberichterstattung

TV series

  • The Russell Murders: Who Killed Lin and Megan?(2026)

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