Fallakte

Ervil LeBaron: Der Sektführer, der über 25 Morde befahl

Wie ein selbsternannter religiöser Anführer aus dem Gefängnis heraus weiter tötete

🇺🇸 Amerikanisch

Veröffentlicht 6. Juni 2025

A figure resembling Ervil LeBaron stands inside a prison cell, surrounded by scraps of paper and handwritten lists on a small steel table, symbolizing his orchestrated plans from behind bars.
BEWEIS

Fakten

TäterErvil Morrell LeBaron (1925–1981)
OpferIncluding Rulon C. Allred (1977); Duane Chynoweth, Jennifer Chynoweth (age 8), Eddie Marston, and Mark Chynoweth (1988)
Tatzeitpunkt1970s–1988
DeliktContract killing / religiously motivated organised violence

Ervil Morrell LeBaron befahl als Anführer der polygamen mormonisch-fundamentalistischen Sekte „Church of the Lamb of God“ mindestens 25 Morde in Mexiko und den USA – und hinterließ nach seinem Tod im Jahr 1981 ein religiöses Manifest, das seine Anhänger noch Jahre später als Todesliste nutzten.

Der Fall im Überblick

LeBaron, geboren am 22. Februar 1925, führte die auch als „Church of the First Born of the Lamb of God“ bekannte Sekte mit absolutem Gehorsam als Grundprinzip. Er betrachtete sich als Inhaber göttlicher Autorität, Todesurteile über alle auszusprechen, die er als Feinde seines Glaubens oder seiner Macht ansah. Die Gewalt erstreckte sich geografisch weit – von Mexiko bis in die US-Bundesstaaten Utah, Kalifornien, Texas und Colorado – und richtete sich gegen rivalisierende Sekten, ehemalige Glaubensbrüder und Familienmitglieder.

Mormonischer Fundamentalismus

Zeitlinie

22. Februar 1925

Ervil LeBaron wird geboren

Ervil Morrell LeBaron wird am 22. Februar 1925 geboren. Er wird später die Church of the Lamb of God gründen und leiten.

1. Januar 1977

Rulon C. Allred wird in Utah ermordet

Der rivalisierende Sektenführer Rulon C. Allred wird 1977 auf Anordnung von Ervil LeBaron ermordet. Der Mord geschieht in Utah und erregt große öffentliche Aufmerksamkeit.

1. Januar 1980

LeBaron wird in Utah verurteilt

Ein Gericht in Utah verurteilt Ervil LeBaron wegen Mordes ersten Grades, weil er den Mord an Rulon C. Allred angeordnet hatte. Er wird zu lebenslanger Haft verurteilt.

15. August 1981

LeBaron stirbt im Gefängnis

Ervil LeBaron stirbt im August 1981 in seiner Gefängniszelle, es wird von Selbstmord berichtet. Er hinterlässt seinen Anhängern ein religiöses Manifest mit einer Todesliste.

27. Juni 1988

Die Vier-Uhr-Morde werden verübt

Am 27. Juni 1988 verüben LeBarons Anhänger drei gleichzeitige Morde gegen etwa 16 Uhr. Opfer sind Duane Chynoweth, Jennifer Chynoweth (8 Jahre), Eddie Marston und Mark Chynoweth.

1. Januar 1990

Festnahmen und Gerichtsverfahren beginnen

Im Laufe der folgenden Jahrzehnte werden sieben Sektenmitglieder festgenommen. Fünf werden im Zusammenhang mit den Morden von 1988 nach einem langwierigen Ermittlungs- und Gerichtsverfahren verurteilt.

Die Verbrechen

Einen öffentlichen Wendepunkt erreichte die Gewalt 1977, als Rulon C. Allred, Anführer einer rivalisierenden polygamistisch-fundamentalistischen Gruppe, auf LeBarons Befehl hin ermordet wurde. Das Verbrechen ereignete sich in Utah und erlangte erhebliche Medienaufmerksamkeit, da Allred eine bekannte Persönlichkeit in seinem Umfeld war.

In Mexiko war LeBaron bereits zuvor strafrechtlich verfolgt worden: Ein mexikanisches Gericht befand ihn als intellektuellen Urheber eines Mordes in Ensenada schuldig und verurteilte ihn zu zwölf Jahren Haft. Ein mexikanisches Berufungsgericht hob dieses Urteil jedoch auf.

Sektgewalt USA

Ermittlungen

Die Ermittlungen gegen LeBarons Netzwerk wurden durch den grenzüberschreitenden Charakter der Sekte und die starke Loyalität ihrer Mitglieder erheblich erschwert. Behörden in Mexiko und den USA arbeiteten jahrelang auf getrennten, parallelen Spuren. Blinder Gehorsam und religiöse Überzeugung schufen eine Struktur, die Gewalt auch dann noch ermöglichte, als ihr Anführer bereits hinter Gittern saß.

Als LeBaron im August 1981 in seiner Gefängniszelle starb – den Berichten zufolge durch Suizid –, hörte die Gewalt nicht auf. Er hatte ein religiöses Manifest hinterlassen, das eine Liste von Personen enthielt, die seine Anhänger zum Schweigen bringen sollten. Dieses Dokument sollte in den folgenden Jahren fatale Konsequenzen haben.

Am 27. Juni 1988 schlugen Sektenmitglieder mit drei gleichzeitigen Morden gegen 16:00 Uhr sowie einem weiteren Mord am selben Tag zu. Diese koordinierten Taten sind seither als die „Vier-Uhr-Morde“ bekannt. Die Opfer waren Duane Chynoweth, seine achtjährige Tochter Jennifer Chynoweth, Eddie Marston und Mark Chynoweth. Der Mord an der acht Jahre alten Jennifer Chynoweth markierte einen der dunkelsten Punkte des Falls und löste in der Öffentlichkeit besonderes Entsetzen aus.

Organisierte Religionskriminalität

Urteil

In Utah wurde Ervil LeBaron 1980 wegen Mordes ersten Grades verurteilt, weil er den Mord an Rulon C. Allred angeordnet hatte. Er wurde zu lebenslanger Haft verurteilt – dem Urteil, das ihn bis zu seinem Tod 1981 hinter Gittern hielt.

In der Folge der Morde von 1988 begann eine jahrzehntelange Ermittlung. Sieben Sektenmitglieder wurden im Laufe der Jahre im Zusammenhang mit dem Fall verhaftet. Fünf von ihnen wurden schließlich für ihre Rollen bei den Morden von 1988 verurteilt. Wie ehemalige Sektenmitglieder beschrieben haben, war das Leben in der Sekte von totaler Unterwerfung unter LeBarons Autorität geprägt – eine Autorität, die offenbar stark genug war, seinen physischen Tod zu überdauern und sieben Jahre später in konkrete tödliche Gewalt umgesetzt zu werden.

Der Fall heute

Der Fall Ervil LeBaron gilt heute als eines der meistuntersuchten Beispiele dafür, wie religiöser Extremismus und autoritäre Führung eine Struktur schaffen können, die über ein weites geografisches Gebiet und einen langen Zeitraum hinweg organisierte Gewalt begeht. Die fünf Verurteilungen im Zusammenhang mit den Morden von 1988 stehen am Ende eines jahrelangen Justizprozesses – hinterlassen aber auch die Frage, was geschieht, wenn eine destruktive Ideologie tiefer verwurzelt ist als ihr Anführer selbst.

Die Reichweite des Falls – von Mexiko bis in den amerikanischen Südwesten, von den 1970er-Jahren bis in die späten 1980er-Jahre – macht ihn zu einem ungewöhnlichen und nach wie vor relevanten Fall im Studium von Sektgewalt und organisierter Religionskriminalität. US-amerikanische Behörden betrachten den Fall heute als abgeschlossen.

truecrime.news verzichtet auf die vollständige Nennung aller Opfernamen, die nicht bereits Teil der öffentlichen Gerichtsdokumentation sind, aus Rücksicht auf Hinterbliebene.

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