Tiergarten-Mord: Russischer Staatsmord in Berlin 2019
FSB-Agent erschoss tschetschenischen Dissidenten im Auftrag des Kremls
Veröffentlicht 7. Mai 2026

Fakten
Der Mord im Tiergarten
Am 23. August 2019, kurz vor halb vier nachmittags, feuerte ein Mann im Berliner Tiergarten zwei Schüsse in den Rücken von Zelimkhan Khangoshvili ab. Der 40-jährige tschetschenisch-georgische Dissident war gerade auf dem Weg zu einer Moschee, als er auf einem Fahrradweg nahe der Pfaueninselbrücke niedergestreckt wurde. Die Kugeln aus einer modifizierten Heckler & Koch P9S-Pistole töteten ihn nahezu sofort. Der Täter, ein Mann mit Perücke und Fahrrad, versuchte zu fliehen, wurde aber von aufmerksamen Passanten überwältigt und der Polizei übergeben.
Was zunächst wie ein Gangland-Mord aussah, entpuppte sich als einer der dreistesten staatlich orchestrierten Auftragsmorde auf deutschem Boden seit dem Ende des Kalten Krieges. Staatsmord
Das Opfer: Zelimkhan Khangoshvili
Zelimkhan Khangoshvili, geboren am 15. Januar 1979 in Duisi, Georgien, war kein unbeschriebenes Blatt. Der tschetschenische Islamist hatte in den Tschetschenienkriegen zwischen 1999 und 2009 gegen russische Truppen gekämpft. Nach Angaben der russischen Behörden war er für einen Bombenanschlag auf das russische Innenministerium 2004 verantwortlich, bei dem ein Offizier starb. In Russland wurde er per Haftbefehl gesucht.
Zeitlinie
Zelimkhan Khangoshvili in Berlin erschossen
Gegen Mittag am 23. August 2019 wird Khangoshvili im Park Kleiner Tiergarten in Berlin-Moabit aus nächster Nähe mit einer schallgedämpften Glock 26 angegriffen und erschossen. Er stirbt noch am Tatort.
Vadim Krasikov im Zusammenhang mit dem Mord festgenommen
Ein russischer Staatsbürger, der unter dem Alias Vadim Sokolov auftritt, wird kurz nach dem Mord in Berlin festgenommen. Er wird als mutmaßlicher Täter identifiziert.
Lebenslange Haft: Gericht stellt staatlich angeordneten Mord fest
Am 15. Dezember 2021 wird Vadim Krasikov des Mordes für schuldig befunden und zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Gericht stellt fest, dass der Mord im Auftrag russischer staatlicher Behörden begangen wurde.
Deutschland weist russische Diplomaten nach Urteil aus
Im Anschluss an das Urteil und die gerichtliche Feststellung einer russischen Staatsbeteiligung weist Deutschland russische Diplomaten als diplomatische Reaktion auf den Fall aus.
Seit 2008 lebte Khangoshvili unter der falschen Identität "Vadim Sokolov" in Deutschland als Asylbewerber. Er hatte in Georgien bereits mehrere Anschlagsversuche überlebt – einer davon im Jahr 2015 hinterließ ihn mit schweren Verletzungen. Deutschland schien sicherer Boden. Doch der russische Geheimdienst verlor ihn nie aus den Augen. Tschetschenien
Der Täter: Vadim Krasikov
Der festgenommene Mann gab sich zunächst als "Sergei Fedotov" aus, ein russischer Bauunternehmer. Doch die Ermittlungen des Bundeskriminalamts und des Bundesnachrichtendienstes deckten schnell seine wahre Identität auf: Vadim Yuryevich Krasikov, geboren 1975, ehemaliges Mitglied der Spetsnaz-Einheit Alpha des FSB.
Krasikov war kein gewöhnlicher Killer. Über 100 Stunden Videoüberwachung dokumentierten seine professionelle Vorbereitung: Er war am 4. August 2019 über Minsk nach Berlin eingereist, hatte die Tatwaffe samt Schalldämpfer und Munition von zwei russischen Agenten erhalten – Vadim M., ein Bankangestellter bei VEB Leasing, und Dmitri P., ein FSB-Mitarbeiter. Die Operation kostete etwa 111.000 Euro, bezahlt über russische Geheimdienstkonten.
Der Prozess und das historische Urteil
Am 10. Dezember 2020 verurteilte das Kammergericht Berlin Vadim Krasikov wegen Mordes zu lebenslanger Freiheitsstrafe. Doch das Urteil ging weit über die Person Krasikovs hinaus. In ihrer Urteilsbegründung stellte Richterin Gauri Sastry unmissverständlich fest: "Der Mord wurde im Auftrag eines Organs des Russischen Staates begangen."
Das Gericht stützte sich auf ballistische Spuren, Zeugenaussagen, Videoaufnahmen und vor allem auf BND-Erkenntnisse über die FSB-Verbindungen Krasikovs. Die Beweislast war erdrückend: Khangoshvili war unbewaffnet, die Tat zeigte keine Anzeichen von Affekt oder Selbstverteidigung – es war ein kaltblütiger politischer Auftragsmord mit "besonders niederträchtigen" Motiven. FSB
Die Berufung wurde am 10. November 2021 abgewiesen.
Diplomatische Erschütterungen
Die politischen Folgen waren heftig. Am 4. Dezember 2020, noch vor dem Urteil, wies das Auswärtige Amt zwei russische Diplomaten aus – einer davon ein bekannter FSB-Offizier. Außenminister Heiko Maas erklärte: "Dieser Fall ist ein Skandal. Solche staatlichen Auftragsmorde sind absolut inakzeptabel und haben Konsequenzen."
Russland reagierte mit Gegensanktionen und wies zwei deutsche Diplomaten aus. Die EU-Außenminister verurteilten den Fall am 14. Dezember 2020 geschlossen, USA und Großbritannien solidarisierten sich mit Deutschland. Der Tiergarten-Mord wurde zum Symbol für Russlands aggressive Geheimdienststrategie im Ausland.
Die überraschende Freilassung 2024
Am 1. August 2024 endete Krasikovs Haft abrupt. Im Rahmen des größten US-Russland-Gefangenenaustauschs seit dem Kalten Krieg – 24 Personen insgesamt – wurde er nach Moskau ausgeflogen. Deutschland erhielt im Gegenzug den US-Bürger Marc Fogel, der in Russland inhaftiert war.
Bundeskanzler Olaf Scholz nannte es eine "schwierige Entscheidung, aber notwendig für die Freilassung Unschuldiger". US-Präsident Joe Biden bezeichnete Krasikov als "Mörder des Kremls". Die monatelangen Verhandlungen zwischen CIA und Putin-Regierung zeigten, wie wertvoll Krasikov für den FSB war – ein klarer Hinweis darauf, dass er tatsächlich im Staatsauftrag gehandelt hatte.
Der Tiergarten-Mord bleibt ein düsteres Kapitel deutsch-russischer Beziehungen und ein Mahnmal dafür, wie weit autoritäre Regime gehen, um Kritiker auch auf fremdem Boden zum Schweigen zu bringen.
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