Buch

Die 7 Todsünden: Warum das Böse in uns allen steckt

Rechtsmediziner Hans Petter Hougen und Ermittler Bent Isager-Nielsen ergründen, was Menschen zu den schlimmsten Verbrechen treibt

Journalistin Stine Bolther hat Rechtsmediziner Hans Petter Hougen und den erfahrenen Ermittler Bent Isager-Nielsen zu einer einzigartigen Gesprächsreihe zusammengebracht, die 2020 im dänischen Verlag Lindhardt og Ringhof als Buch erschien. Gemeinsam untersuchen die drei, was Menschen dazu bringt, die schlimmsten Verbrechen zu begehen — und warum das Böse kein Fremdkörper ist, sondern tief in der menschlichen Natur verwurzelt sein könnte.

Die sieben Todsünden als Schlüssel zur Kriminalpsychologie

Hochmut, Habgier, Wollust, Neid, Völlerei, Zorn und Faulheit — die sieben Todsünden sind seit Jahrhunderten ein moralisches Gerüst der christlichen Tradition. In diesem Buch dienen sie als analytischer Rahmen, um reale Verbrechen zu beleuchten. Welche Todsünde steckte hinter dem jeweiligen Verbrechen? Wie viel Hochmut braucht es, um ein Menschenleben für wertlos zu halten? Wie weit kann Neid einen Menschen treiben?

Hougen bringt dabei die nüchterne Perspektive des Rechtsmediziners ein, der Jahrzehnte lang die körperlichen Spuren von Gewalt dokumentiert hat. Isager-Nielsen wiederum kennt die Täter aus unzähligen Verhören und Ermittlungen. Gemeinsam entstehen Gesprächsmomente, die Kriminalpsychologie auf ungewöhnliche Weise greifbar machen.

Zwischen Wissenschaft, Geschichte und existenziellen Fragen

Das Buch bewegt sich bewusst an der Schnittstelle von Kriminalgeschichte, Psychologie und Philosophie. Es stellt unbequeme Fragen: Sind Verbrecher grundlegend anders als wir — oder liegt der Unterschied nur im Grad? Welche Umstände, welche inneren Zustände müssen zusammenkommen, damit ein Mensch tötet, betrügt oder zerstört?

Diese Fragen sind nicht neu, aber Bolther, Hougen und Isager-Nielsen nähern sich ihnen mit einer Direktheit, die den Leserinnen und Lesern keine bequeme Distanz lässt. Das Böse, so die zentrale These, ist keine Ausnahme — es ist eine Möglichkeit, die in uns allen schlummert. Dunkle Psychologie beschäftigt Forschung und Öffentlichkeit seit langem, doch selten wird sie so zugänglich vermittelt.

Ein Buch für alle, die True Crime wirklich verstehen wollen

Wer True Crime nicht nur konsumieren, sondern verstehen möchte, findet hier ein Werk, das über Sensationslust weit hinausgeht. Die Gesprächsform zwischen der Journalistin und den beiden Experten erzeugt eine Lebendigkeit, die trockene Fachliteratur nicht erreichen kann. Gleichzeitig ist das Buch sorgfältig recherchiert und intellektuell redlich.

Für deutschsprachige Leserinnen und Leser, die sich für Rechtsmedizin und die Hintergründe realer Verbrechen interessieren, bietet dieses dänische Werk einen fesselnden Einblick in die Abgründe menschlichen Verhaltens — und in die Menschen, die ihr Leben damit verbringen, diese Abgründe zu vermessen.

Diesen Beitrag teilen: