
Netflix zeigt neuen falschen Propheten der FLDS-Sekte nach Warren Jeffs
Die Doku-Serie Trust Me: The False Prophet beleuchtet, wie die FLDS-Sekte nach der Verurteilung von Warren Jeffs unter neuer Führung weiter existiert
Fakten
Netflix veröffentlicht mit Trust Me: The False Prophet eine neue Dokumentarserie über die FLDS-Sekte und die Machtstrukturen, die in Short Creek, Utah, nach der Verurteilung des früheren Anführers Warren Jeffs entstanden sind. Jeffs war 2011 in Texas zu lebenslanger Haft plus 20 Jahren verurteilt worden – wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern.
Eine Sekte im Wiederaufbau
Short Creek – eine Kleinstadt an der Grenze zwischen Utah und Arizona – ist seit Jahrzehnten das Herzstück der FLDS, der Fundamentalist Church of Jesus Christ of Latter-Day Saints. Hier baute Warren Jeffs seine nahezu uneingeschränkte Macht über Tausende von Gläubigen auf, arrangierte Zwangsehen und kontrollierte mit harter Hand das soziale, wirtschaftliche und religiöse Leben der Gemeinschaft. Als Jeffs 2011 durch seine Verurteilung in Texas endgültig aus dem Spiel genommen wurde, hinterließ er eine Gemeinschaft in Auflösung – aber auch ein Machtvakuum, das neue Führungsfiguren rasch zu füllen versuchten.
Genau dieses Vakuum steht im Mittelpunkt von Trust Me: The False Prophet. Die Serie begleitet die Gemeinschaft in Short Creek über einen längeren Zeitraum von innen heraus und dokumentiert, wie die FLDS unter neuer Führung versucht, sich neu zu formieren. Der neue Anführer präsentiert sich laut Serienankündigung als möglicher rechtmäßiger Nachfolger und Prophet.
Christine Marie und Tolga Katas hinter der Kamera
Die Serie wurde von den Dokumentarfilmern Christine Marie und ihrem Mann Tolga Katas gedreht, die die Gemeinschaft über einen beträchtlichen Zeitraum eng begleitet haben. Ihr Ansatz – sich von innen in die Gemeinschaft vorzuarbeiten statt von außen zu beobachten – verleiht der Serie einen seltenen Einblick in die Dynamiken, die autoritäre religiöse Gruppen zusammenhalten, selbst wenn ihr oberster Anführer hinter Gittern sitzt.
Diese Methode erinnert an Vorgehen, das man aus Dokumentarserien über Kulte kennt, bei denen ein langfristiger Vertrauensaufbau entscheidend ist, um Zugang zu geschlossenen Gemeinschaften zu erhalten. Es ist selten, dass Kameras hinter die Kulissen von Milieus wie der FLDS gelangen – und genau deshalb erregt die Serie in True-Crime-Kreisen besonderes Aufsehen.
Warren Jeffs und das dunkle Erbe der FLDS
Um die Prämisse der Serie zu verstehen, muss man die Geschichte der FLDS kennen. Warren Jeffs übernahm die Führung der Sekte nach dem Tod seines Vaters Rulon Jeffs und festigte schnell eine nahezu grenzenlose Macht. Er arrangierte Ehen – auch mit minderjährigen Mädchen – und steuerte das wirtschaftliche, soziale und religiöse Leben der Gemeinschaft mit eiserner Hand.
2006 wurde Jeffs auf die Zehn-Meistgesuchten-Liste des FBI gesetzt. Nach mehreren Jahren auf der Flucht wurde er festgenommen und 2011 in Texas zu lebenslanger Haft plus 20 Jahren verurteilt – wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern. Das Urteil entfernte Jeffs physisch aus der Gemeinschaft, beseitigte jedoch nicht die Ideologie und die Machtstrukturen, die er aufgebaut hatte.
Dieses Muster ist bekannt aus religiöse Sekten und Kontrollkultur: Die Inhaftierung eines Anführers bedeutet nicht zwangsläufig die Auflösung der Gemeinschaft – im Gegenteil kann sie eine Märtyrererzählung schaffen, die den Glauben der Verbliebenen sogar stärkt. Ähnliche Entwicklungen lassen sich auch bei anderen Fällen von Sektenmissbrauch und Machtmissbrauch beobachten, bei denen Strukturen weit über den Fall des Anführers hinaus fortbestehen.
Warum faszinieren FLDS-Geschichten noch immer?
Die True-Crime-Community beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit Kulten und autoritären religiösen Gemeinschaften. Die FLDS-Geschichten berühren dabei gleich mehrere der zentralen Themen des Genres: Machtmissbrauch, psychologische Kontrolle, die Verletzlichkeit von Gläubigen und die Frage, wie ein ganzes Gemeinwesen dazu gebracht werden kann, systematisches Unrecht zu dulden oder zu verschweigen. Trust Me: The False Prophet verspricht, diese Fragen nicht nur historisch aufzuarbeiten, sondern in die Gegenwart zu verlängern – und damit zu zeigen, dass die Geschichte der FLDS mit Warren Jeffs' Verurteilung noch lange nicht zu Ende ist.

