Der Fall John Demjanjuk — Prozesse gegen einen mutmaßlichen NS-Lagerwächter
USA, Israel und Deutschland, 1977–2012: Denaturalisierung, Verurteilung und Aufhebung in einem der längsten NS-Verfahren der Nachkriegszeit
Veröffentlicht 2. Juni 2026

Falldetails
Quick Facts
Klassifizierung:
Der Fall
Der Fall John Demjanjuk ist einer der langwierigsten und juristisch komplexesten NS-Strafkomplexe der Nachkriegsgeschichte. Im Zentrum stand der 1920 in der Ukraine geborene John Demjanjuk (geboren als Ivan Mykolayovych Demyanyuk), der nach dem Zweiten Weltkrieg in die USA emigriert war und dort jahrzehntelang als Autoarbeiter in Cleveland, Ohio lebte. Der Vorwurf: Während des Krieges habe er als Wachmann im Dienst der SS in den Vernichtungslagern Sobibor, Majdanek und im Ausbildungslager Trawniki Dienst getan und sei dadurch an der Ermordung tausender Juden beteiligt gewesen. Über drei Jahrzehnte ermittelten und urteilten Behörden und Gerichte in den USA, Israel und Deutschland — mit teils dramatischen Wendungen.
Das Verbrechen
Die Anklagen bezogen sich nicht auf eine einzelne Tat, sondern auf eine systematische Mitwirkung am Holocaust. Nach Darstellung der Anklage in München war Demjanjuk Teil des Wachpersonals im Vernichtungslager Sobibor im besetzten Polen, wo zwischen März und September 1943 Zehntausende Jüdinnen und Juden mit Kohlenmonoxidgas ermordet wurden. Die Staatsanwaltschaft argumentierte, dass jede einzelne Person, die zum Funktionieren der Tötungsmaschinerie beitrug, sich der Beihilfe zum Mord schuldig machte — ein juristischer Ansatz, der bis dahin in dieser Konsequenz nicht angewandt worden war.
Frühere Vorwürfe gingen noch weiter: In den USA und in Israel war Demjanjuk zeitweise mit dem als „Iwan der Schreckliche“ bekannten, besonders sadistischen Gaskammer-Bediener von Treblinka identifiziert worden. Diese Zuschreibung sollte sich später als Verwechslung erweisen.
Zeitlinie
Amerikanische Ermittlungen beginnen
Amerikanische Behörden beginnen mit Ermittlungen zu Demjanjuks angeblicher Nazi-Vergangenheit, nachdem sein Name auf einer Liste mutmaßlicher Kollaborateure mit Wohnsitz in Amerika auftaucht.
Verfahren zur Aberkennung der Staatsbürgerschaft eingeleitet
Die amerikanische Regierung leitet ihr erstes Verfahren zur Aberkennung der Staatsbürgerschaft gegen Demjanjuk ein, mit der Behauptung, er habe seinen Kriegsdienst als Nazi-Lagerwache verschwiegen.
Ausgeliefert an Israel
Demjanjuk wird von den USA nach Israel überstellt, um sich dort dem Vorwurf zu stellen, 'Iwan der Schreckliche' aus Treblinka zu sein.
Israelisches Urteil und Todesstrafe
Ein israelisches Gericht verurteilt Demjanjuk wegen Kriegsverbrechen und verhängt die Todesstrafe, gestützt auf Identifizierungen durch Überlebende.
Israelischer Oberster Gerichtshof hebt Urteil auf
Der Oberste Gerichtshof Israels hebt das Urteil auf, nachdem neue Beweise vernünftige Zweifel daran aufwerfen, dass er 'Iwan der Schreckliche' war.
Amerikanische Staatsbürgerschaft aberkannt
Ein Bundesgericht in Cleveland aberkennt Demjanjuk die amerikanische Staatsbürgerschaft, nachdem festgestellt wurde, dass er als williger Nazi-Wächter diente, der bei der Verfolgung mitwirkte.
Nach Deutschland abgeschoben
Demjanjuk wird an die deutschen Behörden ausgeliefert, um sich neuen Anklagen speziell im Zusammenhang mit Sobibor zu stellen.
Deutsches Urteil in München
Ein Gericht in München verurteilt Demjanjuk wegen Beihilfe zum Mord in 28.060 Fällen in Sobibor und verhängt eine Freiheitsstrafe von fünf Jahren.
Die Opfer
Einzelne namentlich genannte Opfer stehen in diesem Fall nicht im Mittelpunkt. Die deutsche Anklage rechnete Demjanjuk die Beihilfe zum Mord an 28.060 Menschen zu — jenen jüdischen Deportierten, die während seiner mutmaßlichen Dienstzeit in Sobibor ermordet wurden. Bei den ursprünglichen Treblinka-Vorwürfen ging es um hunderttausende Opfer. Hinter den Zahlen stehen ganze Familien, Gemeinden und Kulturen aus Polen, den Niederlanden und anderen besetzten Ländern, die in den deutschen Vernichtungslagern ausgelöscht wurden.
Ermittlung
Die US-Ermittlungen begannen 1975, nachdem Hinweise auf NS-Verdächtige unter osteuropäischen Einwanderern aufgetaucht waren. 1977 leitete das US-Justizministerium das Verfahren zur Aberkennung der Staatsbürgerschaft ein. Schlüsselbeweis war ein in sowjetischen Archiven aufgefundener Trawniki-Dienstausweis mit Lichtbild, der Demjanjuk als Hilfswachmann der SS-Ausbildungsstätte Trawniki auswies. Ergänzend nutzten die Ermittler Zeugenaussagen Überlebender sowie Lagerunterlagen.
1986 wurde Demjanjuk an Israel ausgeliefert. Dort identifizierten ihn Überlebende als „Iwan den Schrecklichen“ von Treblinka. 1993 musste Israels Supreme Court das Todesurteil jedoch aufheben, nachdem neue Dokumente aus sowjetischen Archiven nahelegten, dass ein anderer Mann — Ivan Marchenko — der gesuchte Treblinka-Täter war. Demjanjuk kehrte in die USA zurück. Die US-Behörden hielten jedoch an dem Vorwurf fest, er sei NS-Wachmann gewesen, wenn auch nicht in Treblinka, sondern in Sobibor.
Prozess und Urteil
Am 21. Februar 2002 erkannte ein Bundesgericht in Cleveland Demjanjuk erneut die US-Staatsbürgerschaft ab. Das Gericht stellte fest, er habe als williger Wachmann an der Judenverfolgung mitgewirkt und seine NS-Vergangenheit bei der Einreise verschwiegen. 2009 wurde er an Deutschland überstellt.
In München begann im November 2009 vor dem Landgericht München II der Prozess. Am 12. Mai 2011 verurteilte das Gericht Demjanjuk wegen Beihilfe zum Mord in 28.060 Fällen zu einer Haftstrafe von fünf Jahren. Das Urteil war juristisch wegweisend: Es etablierte den Grundsatz, dass die bloße Dienstausübung in einem Vernichtungslager Beihilfe zum Mord darstellt. Demjanjuk bestritt bis zuletzt jede Beteiligung. Da er Berufung einlegte, blieb das Urteil zum Zeitpunkt seines Todes noch nicht rechtskräftig — formal galt er damit weiterhin als unschuldig.
Zuvor war 1988 ein israelisches Todesurteil ergangen, das 1993 wegen erwiesener Identitätsverwechslung wieder aufgehoben wurde — einer der spektakulärsten Wendepunkte in der internationalen NS-Strafverfolgung.
Heute
Demjanjuk starb am 17. März 2012 in einem Pflegeheim im bayerischen Bad Feilnbach, bevor sein deutsches Berufungsverfahren abgeschlossen werden konnte. Sein Vermächtnis bleibt umstritten: Für die einen war er Mittäter am Holocaust, für andere Opfer einer jahrzehntelangen Verwechslung und juristischen Verfolgung.
Der Fall hatte juristische Folgewirkungen weit über die Person Demjanjuks hinaus. Das Münchener Urteil ebnete den Weg für weitere Verfahren gegen hochbetagte ehemalige KZ-Wachleute und Buchhalter, etwa im Fall des „Buchhalters von Auschwitz“ Oskar Gröning. Die Holocaust-Forschung sieht im Demjanjuk-Verfahren einen Paradigmenwechsel in der deutschen Justiz.
Medial wurde der Fall vielfach aufgearbeitet, unter anderem in der Netflix-Dokumentation „The Devil Next Door“ (2019). Das United States Holocaust Memorial Museum führt ein umfangreiches Online-Dossier zum Fall, der bis heute als Lehrstück über die Schwierigkeiten der Identifikation, Zurechnung und Strafverfolgung von NS-Verbrechen Jahrzehnte nach den Taten gilt.
Medienberichterstattung
TV series
- The Devil Next Door(2026)
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