Fallakte

Fall Anthony Templet — Sohn erschießt missbräuchlichen Vater

East Baton Rouge Parish, Louisiana, 2019 — als fahrlässige Tötung abgeschlossen

🇺🇸 Amerikanisch

Veröffentlicht 2. Juni 2026

BEWEIS

Fakten

TäterAnthony Templet (born approx. 2001/2002)
OpferBurt Templet
TatortFamily home near White Oak, East Baton Rouge Parish, Louisiana, USA
TatzeitpunktJune 3, 2019
DeliktFatal shooting — negligent homicide (final disposition)

Der Fall

Der Fall Anthony Templet zählt zu den am intensivsten diskutierten US-amerikanischen Tötungsfällen der jüngeren Vergangenheit, weil er die juristische Grauzone zwischen Tat und Notwehr ausleuchtet. Am frühen Morgen des 3. Juni 2019 erschoss der damals 17-jährige Anthony Templet in seinem Elternhaus nahe White Oak im East Baton Rouge Parish (Louisiana) seinen Vater Burt Templet. Was zunächst wie ein klassischer Vatermord wirkte, entwickelte sich im Lauf der Ermittlungen zu einem Fall, in dem die Frage nach jahrelangem Missbrauch und Isolation des Jugendlichen die juristische Bewertung grundlegend veränderte. Die Bezirksstaatsanwaltschaft zog die ursprüngliche Anklage wegen Mordes zweiten Grades zurück und akzeptierte ein Schuldbekenntnis wegen negligent homicide, woraufhin Templet im März 2021 zu fünf Jahren Bewährung verurteilt wurde.

Das Verbrechen

Nach den vorliegenden Berichten kam es in den frühen Morgenstunden des 3. Juni 2019, etwa zwischen 3:00 und 3:30 Uhr, im Haus der Familie Templet zu einem Streit zwischen Vater und Sohn. Im Verlauf der Auseinandersetzung griff Anthony zu einer Schusswaffe und gab insgesamt drei Schüsse auf seinen Vater ab. Die Schüsse waren tödlich. Unmittelbar nach der Tat alarmierte der Jugendliche selbst die Polizei und schilderte den Beamten am Telefon, dass er auf seinen Vater geschossen habe; er sei sich nicht sicher, ob dieser tot sei. Die Schilderung des Tathergangs in den späteren Medienberichten verweist darauf, dass Templet erklärte, er habe versucht, seinen Vater in den Kopf zu treffen. Der Notrufmitschnitt wurde später zu einem zentralen Beweismittel und gleichzeitig zu einem prägenden Element der medialen Aufarbeitung.

Die Opfer

Formal handelt es sich bei Burt Templet um das Opfer der Tat; sein Alter wurde in den vorliegenden Berichten nicht ausgewiesen. In der späteren Berichterstattung und insbesondere in der Netflix-Dokumentation wird Burt Templet jedoch als kontrollierender, gewalttätiger Familienvater beschrieben. Anthony soll über Jahre hinweg von seinem Vater isoliert worden sein, ohne regulären Schulbesuch, ohne Sozialkontakte außerhalb des Haushalts und ohne Wissen über seine biologische Mutter. Diese mutmaßliche Isolation und der wiederholte Missbrauch erwiesen sich später als entscheidende Faktoren für die juristische Neubewertung. Damit steht der Fall exemplarisch für ein Tatgeschehen, in dem die Trennlinie zwischen Täter und Opfer mit jeder neuen Erkenntnis verschwimmt.

Zeitlinie

3. Juni 2019

Die Schießerei im Haus der Familie

Am 3. Juni 2019 erschoss der 17-jährige Anthony Templet seinen Vater Burt Templet im Haus der Familie nahe White Oak, East Baton Rouge Parish. Anthony Templet rief selbst den Notruf 911 an.

6. Juni 2019

Burt Templet stirbt

Burt Templet starb am 6. Juni 2019 an den Verletzungen, die er sich bei der Schießerei drei Tage zuvor zugezogen hatte.

1. Juni 2019

Erste Beschuldigung: Mord zweiten Grades

Anthony Templet wurde des Mordes zweiten Grades (second-degree murder) beschuldigt — die erste und schwerwiegendste Beschuldigung in diesem Fall.

1. März 2021

Plea-Vereinbarung beim East Baton Rouge Parish District Court

Im März 2021 gab Anthony Templet eine No-contest-Erklärung wegen fahrlässiger Tötung ab. Er erhielt fünf Jahre Bewährung; die Gefängnisstrafe wurde ausgesetzt.

Ermittlung

Die unmittelbare Aufklärung war ungewöhnlich kurz: Anthony Templet wurde noch am Tatort festgenommen, nachdem er selbst die Polizei gerufen hatte. Zentrale Beweismittel waren der Notrufmitschnitt, die Aussagen des Jugendlichen gegenüber den Ermittlern sowie die forensischen Spuren am Tatort. In den Wochen und Monaten danach gewannen jedoch andere Ermittlungsstränge an Bedeutung: Aussagen von Verwandten, Dokumente zu einem früheren Sorgerechtsstreit sowie Hinweise auf jahrelange Misshandlungen und Freiheitsbeschränkungen im Haushalt. Diese Hintergrundermittlungen waren letztlich ausschlaggebend dafür, dass die Staatsanwaltschaft von der ursprünglichen Mordanklage abrückte. In der späteren Aufarbeitung durch Oxygen und andere Formate kam Anthony Templet selbst zu Wort und schilderte aus seiner Sicht die Vorgeschichte der Tat.

Prozess und Urteil

Ursprünglich war Templet wegen Mordes zweiten Grades nach Louisiana-Strafrecht angeklagt — ein Vorwurf, der in dem US-Bundesstaat bei einer Verurteilung mit lebenslanger Haft ohne Bewährung sanktioniert werden kann. Im Lauf der Ermittlungen erhielt die District Attorney's Office in East Baton Rouge Parish jedoch ein zunehmend differenziertes Bild der familiären Verhältnisse. Auf dieser Grundlage einigten sich Verteidigung und Anklage auf ein Schuldbekenntnis wegen fahrlässiger Tötung (negligent homicide). Im März 2021 verhängte das zuständige Gericht im East Baton Rouge Parish fünf Jahre Bewährung ohne Haftstrafe — ein für einen Tötungsfall ungewöhnlich mildes Ergebnis, das jedoch die mitigierenden Umstände rund um das mutmaßliche Missbrauchsverhältnis widerspiegelte.

Heute

Internationale Bekanntheit erlangte der Fall 2022 durch die Netflix-Dokumentation „I Just Killed My Dad“, die das Tatgeschehen, den Notruf und die familiäre Vorgeschichte detailliert nachzeichnet. Daneben wurde der Fall in zahlreichen Podcasts aufgegriffen, darunter eine Episode des Inhuman Podcast sowie eine Folge des Podcasts „Not Today“, die Aufnahme des Notrufs und die strafrechtliche Aufarbeitung in den Mittelpunkt stellt. Auch Video-Formate auf YouTube widmeten sich dem Fall. Anthony Templet selbst geriet nach seiner Verurteilung später erneut mit den Strafverfolgungsbehörden in Konflikt; berichtet wurde unter anderem über eine Festnahme wegen unabhängiger Vorwürfe, die seine Bewährungsauflagen berührte. Strafrechtlich gilt die ursprüngliche Tat als abgeschlossen; gesellschaftlich bleibt der Fall ein vielzitiertes Beispiel für die Diskussion um häusliche Gewalt, Selbstverteidigung und die Grenzen des Strafrechts.

Medienberichterstattung

TV series

  • I Just Killed My Dad(2026)

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