Der Fall Guðmundur und Geirfinnur: Islands größter Justizirrtum
Zwei Männer verschwanden 1974 spurlos. Sechs Personen wurden auf Basis von Geständnissen verurteilt, die unter psychologischem Zwang entstanden — fünf davon 2018 freigesprochen.
Veröffentlicht 6. Juni 2025

Fakten
Zwei Männer verschwanden 1974 auf Island unter ungeklärten Umständen — und sechs Menschen wurden dafür verurteilt, ohne dass je eine Leiche gefunden wurde. Der Fall Guðmundur und Geirfinnur, auf Isländisch Guðmundar- og Geirfinnarmálið, gilt als schlimmster Justizirrtum in der Geschichte Islands.
Die Verschwindungen
Am 27. Januar 1974 verschwand der 18-jährige Guðmundur Einarsson in der Nähe von Hafnarfjörður, einer Stadt südlich von Reykjavík. Knapp zehn Monate später, am 19. November 1974, verschwand der 32-jährige Geirfinnur Einarsson in Keflavík — Standort eines wichtigen isländischen Hafens und damals zugleich einer NATO-Flugstation. Die beiden Männer tragen denselben Nachnamen, waren aber nicht miteinander verwandt.
Weder von Guðmundur noch von Geirfinnur wurde je eine Leiche gefunden. Es gab weder physische Beweise noch glaubwürdige Zeugenaussagen, die Aufschluss über ihr Schicksal hätten geben können. Beide Fälle sind bis heute technisch gesehen ungeklärt.
Zeitlinie
Guðmundur Einarsson verschwindet nahe Hafnarfjörður
Der 18-jährige Guðmundur Einarsson verschwindet am 27. Januar 1974 in der Nähe von Hafnarfjörður südlich von Reykjavík. Es wird keine Leiche gefunden.
Geirfinnur Einarsson verschwindet in Keflavík
Der 32-jährige Geirfinnur Einarsson verschwindet am 19. November 1974 in Keflavík. Auch seine Leiche wird niemals gefunden.
Islands Oberster Gerichtshof spricht fünf von sechs Verurteilten frei
Am 27. September 2018 spricht Islands Oberster Gerichtshof fünf der sechs ursprünglich Verurteilten von den Mordvorwürfen frei. Erla Bolladóttirs Verurteilung wegen Meineids wird zu diesem Zeitpunkt nicht aufgehoben.
Die Ermittlungen und die Verhöre
Ohne körperliche Spuren stützten sich die Ermittlungen fast ausschließlich auf Vernehmungen. Sechs Personen gerieten ins Visier der Polizei: Sævar Ciesielski, Kristján Viðar Viðarsson, Tryggvi Rúnar Leifsson, Albert Klahn Skaftason, Guðjón Skarphéðinsson und Erla Bolladóttir. Alle legten im Laufe des Verfahrens Aussagen ab, die sie selbst und gegenseitig belasteten.
Diese Verhöre sind seither — unter anderem in falsche Geständnisse akademischer Rechtswissenschaft der Universität Islands — als psychologisch zwanghaft und unvereinbar mit grundlegenden rechtsstaatlichen Prinzipien charakterisiert worden. Die Vernehmungen waren langwierig und intensiv, die Haftbedingungen der Beschuldigten wurden nachträglich als inakzeptabel anerkannt. Die Geständnisse selbst waren widersprüchlich und veränderten sich fortlaufend — ein klassisches Muster für Aussagen, die unter Druck und nicht aus freiem Willen entstehen.
International wurde der Fall mit anderen bekannten Justizirrtümer Fehlurteilen verglichen, die auf erzwungenen Geständnissen beruhen.
Verurteilung ohne Beweise
Alle sechs Beschuldigten wurden verurteilt. Die Urteile stützten sich maßgeblich auf die in den Verhören erzielten Geständnisse — physische Beweise, Zeugen oder Leichenfunde, die die Anklage selbstständig hätten stützen können, existierten nicht.
Erla Bolladóttir wurde unter anderem wegen Meineids — auf Isländisch meinsæri — verurteilt, womit sich ihre rechtliche Lage von der der übrigen Beschuldigten unterschied.
In den folgenden Jahrzehnten wuchs der Zweifel an der Haltbarkeit der Verurteilungen. Das Verfahren wurde neu aufgerollt, und schließlich plädierten sowohl Staatsanwaltschaft als auch Verteidigung für einen Freispruch — ein ungewöhnlicher Gleichklang, der selbst verdeutlichte, in welchem Ausmaß das isländische Rechtssystem die Mängel des ursprünglichen Verfahrens anerkannt hatte.
Der Freispruch 2018
Am 27. September 2018 fällte der Oberste Gerichtshof Islands sein Urteil: Fünf der sechs ursprünglich Verurteilten wurden von den Mordanklagen freigesprochen. Erla Bolladóttirs Verurteilung wegen Meineids wurde durch diese Entscheidung nicht aufgehoben; sie suchte anschließend auf weiteren rechtlichen Wegen nach Rehabilitation.
Die Freisprüche markierten einen historischen Wendepunkt für die Betroffenen und für die isländische Rechtsgeschichte — schlossen den Fall aber nicht ab. Was mit Guðmundur Einarsson und Geirfinnur Einarsson an jenen Tagen im Jahr 1974 geschah, ist für die Behörden bis heute unbekannt. Keine neuen Täter wurden identifiziert.
Der Fall heute
2019 wurde bekannt, dass die isländische Polizei einem neuen Hinweis in der Sache nachging — ein Zeichen dafür, dass die Ermittlungen formal nicht abgeschlossen sind. Was dieser Hinweis beinhaltete und ob er zu konkreten Ergebnissen führte, ist nicht bestätigt.
Der Fall hat bleibende Spuren in der isländischen Gesetzgebung und Rechtspraxis hinterlassen. Er wird bis heute als zentrales Beispiel dafür diskutiert, was schiefgehen kann, wenn ein Geständnis als Beweismittel Rechtssystem Verurteilungen allein auf Geständnisse stützt — ohne unabhängige Beweisgrundlage. Für die sechs Verurteilten und ihre Familien sind die Jahre im Schatten des Systems ein Verlust, der durch einen Freispruch, so historisch bedeutsam er auch sein mag, nicht vollständig wiedergutzumachen ist.
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