Great Train Robbery: Der legendäre Millionenraub von 1963
Wie 15 Verbrecher einen Postzug überfielen und die Polizei jahrzehntelang beschäftigten
Veröffentlicht 6. Juni 2025

Klassifizierung:
Fakten
Der spektakulärste Zugraub Großbritanniens
Am 8. August 1963 ereignete sich einer der berühmtesten Raubüberfälle der britischen Kriminalgeschichte. Bei der Bridego Railway Bridge nahe Mentmore in der Grafschaft Buckinghamshire überfiel eine 15-köpfige Bande einen Royal Mail-Zug auf der Strecke von Glasgow nach London. Die Beute: 2,61 Millionen Pfund – nach heutigem Wert etwa 60 Millionen Pfund.
Der Überfall wurde minutiös geplant und mit militärischer Präzision durchgeführt. Die Täter manipulierten die Signalanlage, zwangen den Zug zum Halt und schlugen dann zu. Obwohl keine Schusswaffen zum Einsatz kamen, wurde der Fall als bewaffneter Raubüberfall eingestuft.
Ronnie Biggs: Die kleinere Rolle mit großer Wirkung
Ronnie Biggs spielte bei dem Raubüberfall selbst eine eher untergeordnete Rolle. Seine Aufgabe bestand darin, einen Lokführer zu rekrutieren, der den Zug nach dem erzwungenen Halt weiterfahren sollte. Doch dieser Plan scheiterte, und die Bande musste improvisieren.
Zeitlinie
Der Great Train Robbery
15 Kriminelle überfallen einen Royal Mail-Zug bei Bridego Railway Bridge und erbeuten 2,61 Millionen Pfund. Zugführer Jack Mills wird schwer verletzt.
Prozess vor Aylesbury Assizes beginnt
1964 beginnt der Prozess gegen die Bandenmitglieder vor Aylesbury Assizes in Buckinghamshire. John Daly wird freigesprochen; die übrigen Verurteilten erhalten zusammen 307 Jahre Gefängnis.
Ronnie Biggs flieht aus dem Wandsworth Prison
1965 entkommt Ronnie Biggs aus dem Wandsworth Prison und beginnt ein Leben als Flüchtiger, das Jahrzehnte dauern wird.
Bruce Reynolds wird festgenommen
1968 wird der Anführer und Kopf des Raubüberfalls, Bruce Reynolds, fünf Jahre nach dem spektakulären Überfall schließlich von den Behörden gefasst.
Ronnie Biggs kehrt nach Großbritannien zurück
2001 kehrt Ronnie Biggs nach Jahrzehnten als Flüchtiger freiwillig nach Großbritannien zurück und stellt sich den britischen Behörden.
Der reguläre Zugführer Jack Mills wurde Opfer brutaler Gewalt. Er wurde mit einer Metallstange niedergeschlagen und erlitt schwere Kopfverletzungen, von denen er sich nie vollständig erholte. Mills verstarb 1970 – viele führten seinen Tod auf die Folgen des Überfalls zurück.
Das eigentliche Mastermind hinter dem Great Train Robbery war Bruce Reynolds, der den koordinierten Angriff der 15 Männer orchestrierte. Die Bande arbeitete mit beeindruckender Effizienz: Innerhalb kürzester Zeit hatten sie 120 Geldsäcke aus dem Zug geladen und waren verschwunden.
Verhaftung, Verurteilung und spektakuläre Flucht
Die Ermittlungen der Polizei führten schnell zu ersten Erfolgen. Biggs wurde noch im selben Jahr 1963 verhaftet und 1964 vor Gericht gestellt. Er wurde der Verschwörung zum Raub, des bewaffneten Raubüberfalls, der Behinderung der Justiz und der Hehlerei schuldig gesprochen. Das Urteil: 30 Jahre Haft – eine für britische Verhältnisse ungewöhnlich harte Strafe.
Doch Biggs' Geschichte nahm damit erst richtig Fahrt auf. Im Juli 1965, nach nur 15 Monaten Haft, gelang ihm die Flucht aus dem Wandsworth-Gefängnis in London. Was folgte, war eine 36 Jahre währende Odyssee, die ihn zum wohl bekanntesten Flüchtigen Großbritanniens machen sollte.
36 Jahre auf der Flucht
Biggs' Flucht führte ihn zunächst nach Paris, wo er sich chirurgischen Eingriffen unterzog, um sein Aussehen zu verändern und einer Wiedererkennung zu entgehen. Von dort reiste er mit gefälschten Papieren nach Australien, wo er mehrere Jahre untertauchte und unter falscher Identität lebte.
Als die australischen Behörden ihm auf die Spur kamen, floh Biggs 1970 nach Brasilien. Dort ließ er sich in Rio de Janeiro nieder – und fand einen sicheren Hafen. Brasilien lieferte zu dieser Zeit keine Straftäter an Großbritannien aus, insbesondere nicht, wenn sie wie Biggs Vater eines brasilianischen Kindes waren.
In Brasilien wurde Biggs zu einer Berühmtheit. Er gab Interviews, trat in Werbekampagnen auf und lebte offen – wenn auch bescheiden – in seinem Exil. Die britischen Behörden versuchten mehrfach, seiner habhaft zu werden, scheiterten jedoch jedes Mal am brasilianischen Recht.
Das Schicksal der anderen Räuber
Insgesamt wurden 12 der 15 Täter gefasst und verurteilt. Bemerkenswert ist, dass keiner von ihnen mehr als 13 Jahre im Gefängnis verbrachte – deutlich weniger als Biggs' ursprüngliche Strafe von 30 Jahren.
Mastermind Bruce Reynolds blieb bis 1968 auf der Flucht, bevor auch er gefasst wurde. Er verbüßte zehn Jahre Haft und starb 2013 – nur wenige Monate vor Biggs – im Alter von 81 Jahren.
Drei Mitglieder der Bande wurden nie gefasst. Ihre Identität blieb teilweise bis heute ungeklärt, was zur Legendenbildung um den Great Train Robbery beitrug.
Rückkehr und letzte Jahre
Im Jahr 2001, gesundheitlich schwer angeschlagen und nach mehreren Schlaganfällen, kehrte Ronnie Biggs freiwillig nach Großbritannien zurück. Er wurde am Flughafen verhaftet und ins Gefängnis gebracht, um seine Strafe zu verbüßen.
Die folgenden Jahre waren von Debatten um seine vorzeitige Entlassung geprägt. Mehrere Gnadengesuche wurden abgelehnt, bevor er 2009 aus gesundheitlichen Gründen auf Bewährung entlassen wurde. Seine letzten Lebensjahre verbrachte Biggs in einem Pflegeheim in Nord-London.
Am 18. Dezember 2013 starb Ronnie Biggs im Alter von 84 Jahren in London. Sein Tod markierte das endgültige Ende eines der faszinierendsten Kapitel der britischen Kriminalgeschichte.
Das Vermächtnis des Great Train Robbery
Der Great Train Robbery von 1963 bleibt eine der ikonischsten Kriminalsagen der britischen Geschichte. Die schiere Höhe der Beute, die Dreistigkeit der Ausführung und vor allem Biggs' jahrzehntelange Flucht haben den Fall tief in die Popkultur eingebrannt.
Zahlreiche Bücher, Filme und Dokumentationen haben sich mit dem Überfall beschäftigt. Die Geschichte wurde mehrfach verfilmt, zuletzt 2013 in einer zweiteiligen BBC-Miniserie mit Luke Evans in der Hauptrolle.
Bis heute wurde nur ein Bruchteil des geraubten Geldes sichergestellt. Der Großteil der Beute blieb verschollen – ein weiteres Mysterium, das die Faszination für diesen Fall bis heute aufrechterhält.
Der Great Train Robbery steht symbolisch für eine Ära, in der organisierte Kriminalität in Großbritannien eine neue Dimension erreichte. Gleichzeitig zeigt die Geschichte von Ronnie Biggs, wie ein eher unbedeutender Komplize durch seine spektakuläre Flucht zur Legende werden kann – und wie der Preis für diese Berühmtheit aussieht.
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