Fallakte

NSU: Deutschlands gefährlichste Neonazi-Terrorzelle

Die rechtsextreme Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrunds 1998–2011

🇩🇪 Deutsch

Veröffentlicht 4. Mai 2026

BEWEIS

Fakten

TäterUwe Mundlos, Uwe Böhnhardt, Beate Zschäpe (core trio); accomplices: Wohlleben, André Eminger and others
Opfer10 victims, including Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşık, Halit Yozgat, Michèle Kiesewetter and others
TatortNuremberg, Hamburg, Munich, Rostock, Dortmund, Kassel, Heilbronn – across the Federal Republic of Germany
Tatzeitpunkt9 September 2000 – 25 April 2007 (murders); terrorist activity 1998–2011
DeliktFar-right extremist/neo-Nazi terrorist activity: murders, bomb attacks, bank robberies

Der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) gilt als die gefährlichste rechtsextreme Terrorgruppe der deutschen Nachkriegsgeschichte. Zwischen 2000 und 2007 ermordete die Zelle zehn Menschen – neun Männer mit Migrationshintergrund und eine Polizistin. Aufgeflogen ist der NSU erst im November 2011.

Beate Zschäpe und das Kerntrio

Im Zentrum des Falls steht Beate Zschäpe, geboren 1975 in Jena. Sie bildete zusammen mit Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt das Kerntrio der Terrorzelle. Zschäpe wuchs in schwierigen Verhältnissen in der DDR auf und radikalisierte sich in den 1990er Jahren in der rechtsextreme Szene Thüringen. Dort lernte sie Mundlos und Böhnhardt kennen, gründete mit ihnen eine Wohngemeinschaft und tauchte schließlich mit ihnen in den Untergrund ab.

Die Mordopfer und das Versagen der Behörden

Die zehn Opfer des NSU waren Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, İsmail Yaşar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşık, Halit Yozgat sowie die Polizistin Michèle Kiesewetter. Die Morde wurden von den Ermittlungsbehörden lange nicht als zusammenhängende Serie erkannt. Stattdessen gerieten die Familien der Opfer und das organisierte Verbrechen ins Visier der Ermittler – ein schweres Behördenversagen, das später scharf kritisiert wurde. NSU Ermittlungsfehler Behörden

Zeitlinie

1. Januar 1998

Das NSU-Trio taucht unter

Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe beginnen im Untergrund zu leben und bauen das Terrornetzwerk NSU auf. Die Gruppe ist ab 1998 aktiv.

9. September 2000

Erster Mord: Enver Şimşek in Nürnberg

Enver Şimşek wird am 9. September 2000 in Nürnberg erschossen – der erste bestätigte Mord des NSU.

27. Juni 2001

Süleyman Taşköprü in Hamburg getötet

Der dritte Mord geschieht am 27. Juni 2001 in Hamburg, nur zwei Wochen nach dem vorangegangenen Mord.

25. Februar 2004

Mehmet Turgut in Rostock getötet

Nach einer Pause von über zwei Jahren wird ein weiterer Mord begangen: Mehmet Turgut wird am 25. Februar 2004 in Rostock getötet.

15. Juni 2005

Theodoros Boulgarides in München getötet

Theodoros Boulgarides wird am 15. Juni 2005 in München getötet – das einzige Opfer griechischer Herkunft.

4. April 2006

Mehmet Kubaşık in Dortmund getötet

Mehmet Kubaşık wird am 4. April 2006 in Dortmund getötet.

6. April 2006

Halit Yozgat in Kassel getötet

Halit Yozgat wird am 6. April 2006 in Kassel getötet, nur zwei Tage nach dem Mord in Dortmund.

25. April 2007

Polizistin Michèle Kiesewetter in Heilbronn getötet

Der zehnte und letzte Mord wird am 25. April 2007 in Heilbronn begangen. Das Opfer ist eine deutsche Polizistin.

Auffliegen der Zelle 2011

Der NSU flog erst 2011 auf, als Mundlos und Böhnhardt nach einem gescheiterten Banküberfall in Eisenach tot aufgefunden wurden. Die Polizei geht von einem erweiterten Suizid aus. Zschäpe zündete daraufhin die gemeinsame Wohnung in Zwickau an und verschickte Bekenner-DVDs an Medien und Institutionen. Wenige Tage später stellte sie sich der Polizei. Die Brandstiftung sollte offenbar Beweise vernichten, führte aber zur Entdeckung der sogenannten Česká-Pistole, mit der die meisten Morde begangen worden waren.

Der Prozess in München

Der Prozess gegen Zschäpe und vier Mitangeklagte begann im Mai 2013 vor dem Oberlandesgericht München und dauerte über fünf Jahre – eines der längsten Strafverfahren der deutschen Rechtsgeschichte. Die Bundesanwaltschaft klagte Zschäpe als Mittäterin an, obwohl sie nachweislich bei keinem der Morde vor Ort war. Die Anklage argumentierte, sie habe durch ihre Rolle als Tarnung und Logistikerin die Taten erst ermöglicht. Zschäpe schwieg jahrelang, bevor sie 2015 erstmals aussagte und ihre Beteiligung bestritt. Rechtsbegriff Mittäterschaft

Das Urteil und seine Folgen

Im Juli 2018 wurde Beate Zschäpe wegen zehnfachen Mordes, versuchten Mordes in 32 Fällen und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zu lebenslanger Haft mit besonderer Schwere der Schuld verurteilt. Eine vorzeitige Entlassung nach 15 Jahren ist damit praktisch ausgeschlossen. Die Mitangeklagten erhielten Freiheitsstrafen zwischen zweieinhalb und zehn Jahren.

Der NSU-Komplex erschütterte das Vertrauen in die deutschen Sicherheitsbehörden nachhaltig. Parlamentarische Untersuchungsausschüsse deckten schwere Versäumnisse bei Polizei und Verfassungsschutz auf. Die Vernichtung von Akten und die Rolle von V-Leuten bleiben bis heute umstritten. Für die Angehörigen der Opfer war der Prozess nur ein teilweiser Abschluss – viele Fragen zu Netzwerken und Unterstützern des NSU sind bis heute unbeantwortet.

Medienberichterstattung

Books

  • Das Kartell — Nils Minkmar über den NSU-Prozess(2026)

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