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Der Fall Alcàsser — Dreifachmord an Teenagern in Valencia

Alcàsser, Spanien, 1992 — teilweise aufgeklärt, Hauptverdächtiger flüchtig

Veröffentlicht 9. Juni 2026

BEWEIS

Falldetails

Quick Facts

Fallstatus
Aufgeklärt
Ort
Alcàsser, Valencia, Spain

Der Fall

Der Fall Alcàsser gehört zu den bekanntesten und kontroversesten Kriminalfällen der spanischen Kriminalgeschichte. Am Abend des 13. November 1992 verschwanden drei Teenager aus der Kleinstadt Alcàsser bei Valencia spurlos, nachdem sie per Anhalter zu einem Nachtclub unterwegs waren. Ihre Leichen wurden erst 75 Tage später in einem abgelegenen Landstrich gefunden. Die Ermittlungen führten zur Verhaftung und Verurteilung von Miguel Ricart Tárrega, doch der zweite Hauptverdächtige Antonio Anglés konnte fliehen und ist bis heute verschwunden.

Der Fall erschütterte ganz Spanien und löste eine beispiellose Medienhysterie aus. Mehr als drei Jahrzehnte später wirft der Fall noch immer Fragen auf: Forensische Untersuchungen erbrachten DNA-Profile, die weder den Opfern noch den beiden Verdächtigen zugeordnet werden konnten, was Spekulationen über weitere Beteiligte nährt. Die ungelösten Aspekte des Falls machen ihn zu einem der umstrittensten Verbrechen der spanischen Rechtsgeschichte.

Die Opfer

Miriam García Iborra war 14 Jahre alt und stammte aus Alcàsser, einer Kleinstadt etwa 30 Kilometer südlich von Valencia. Antonia "Toñi" Gómez Rodríguez, 15, und Desirée Hernández Folch, ebenfalls 14, waren ihre engen Freundinnen. Die drei Mädchen waren normale Teenager, die gemeinsam zur Schule gingen und ihre Freizeit miteinander verbrachten.

Zeitlinie

13. November 1992

Drei Mädchen verschwinden beim Trampen

Miriam García Iborra, Toñi Gómez Rodríguez und Desirée Hernández Folch verschwinden, nachdem sie von Alcàsser aus in Richtung eines Nachtclubs in Picassent getrampt sind.

27. Januar 1993

Leichen in abgelegener Schlucht entdeckt

Die Leichen aller drei Mädchen werden in der Barranco de la Romana nahe dem Stausee Tous gefunden, mit Anzeichen von sexuellem Missbrauch, Folter und Schussverletzungen am Kopf.

27. Januar 1993

Miguel Ricart festgenommen und gesteht

Nach dem Fund eines Arzttermins mit dem Namen von Enrique Anglés nehmen die Ermittler Miguel Ricart fest, der gesteht, die Mädchen entführt und an den Taten teilgenommen zu haben.

Am Abend des 13. November 1992 beschlossen die drei Freundinnen, in die Diskothek "Coolor" in der benachbarten Gemeinde Picassent zu gehen. Da keine von ihnen ein Auto besaß und öffentliche Verkehrsmittel zu dieser späten Stunde nicht mehr fuhren, entschieden sie sich zu trampen – eine damals in ländlichen Gegenden Spaniens nicht ungewöhnliche Praxis für Jugendliche.

Die Familien bemerkten das Verschwinden der Mädchen noch in derselben Nacht, als diese nicht nach Hause zurückkehrten. Alle drei stammten aus behüteten Verhältnissen und hatten keine Vorgeschichte von Weglaufen oder problematischem Verhalten. Ihr plötzliches Verschwinden löste sofort Alarm aus.

Das Verbrechen

Nach den Ermittlungsergebnissen wurden die drei Mädchen am Abend des 13. November 1992 während des Trampens von zwei Männern aufgegriffen: Miguel Ricart und Antonio Anglés. Statt sie zum vereinbarten Ziel zu bringen, entführten die Täter die Teenager zu einer abgelegenen Hütte in der Umgebung.

Dort wurden die Mädchen über Stunden festgehalten, vergewaltigt und schwer gefoltert. Die forensischen Untersuchungen der später gefundenen Leichen zeigten, dass die Opfer extremer Gewalt ausgesetzt waren. Mindestens zwei der Mädchen wurden durch Kopfschüsse getötet. Die genaue Chronologie der Ereignisse dieser Nacht blieb teilweise unklar, da Ricarts Aussagen im Laufe der Zeit variierten und Anglés nie verhört werden konnte.

Nach den Morden transportierten die Täter die Leichen zum Barranco de la Romana, einer abgelegenen Schlucht in der Nähe des Tous-Stausees (Pantà de Tous), wo sie die Körper verscharrten. Die Fundstelle lag etwa 70 Kilometer vom Tatort entfernt in einer schwer zugänglichen, ländlichen Gegend.

Ermittlung

Die Ermittlungen begannen unmittelbar nach dem Verschwinden der Mädchen am 13. November 1992. Die Guardia Civil leitete eine großangelegte Suchaktion ein, die sich zunächst auf die Umgebung von Alcàsser und die Route nach Picassent konzentrierte. Trotz intensiver Bemühungen, einschließlich der Befragung Hunderter Zeugen und der Durchsuchung weiträumiger Gebiete, blieben die Mädchen wochenlang verschwunden.

Der Durchbruch kam erst am 27. Januar 1993, als ein Imker in der abgelegenen Schlucht Barranco de la Romana nahe dem Tous-Stausee die verwesten Leichen der drei Teenager entdeckte. Die Fundstelle war so abgelegen, dass sie bei den vorherigen Suchaktionen nicht erfasst worden war.

Ein entscheidender Hinweis führte die Ermittler zu den Verdächtigen: Bei der Untersuchung der Leichen wurde ein Notizzettel mit einem Arzttermin gefunden, der den Namen Enrique Anglés trug. Dieser Zettel führte die Ermittler zu Antonio Anglés und seinem Bekannten Miguel Ricart. Ricart wurde noch am selben Tag festgenommen und legte in seiner ersten Vernehmung ein Geständnis ab, in dem er die Entführung und seine Beteiligung an den Verbrechen einräumte.

Antonio Anglés hingegen war bereits untergetaucht und konnte trotz internationaler Fahndung nie gefasst werden. Sein Verbleib ist bis heute ungeklärt.

Bei den forensischen Untersuchungen stießen die Ermittler auf ein rätselhaftes Detail: Unter den bei der Autopsie gesicherten Haaren wurden mehrere verschiedene DNA-Profile gefunden, die weder den Opfern noch Ricart oder Anglés zugeordnet werden konnten. Dieser Befund nährte über Jahre Spekulationen über weitere Beteiligte oder alternative Tatszenarien, wurde von den Behörden jedoch nie abschließend geklärt.

Prozess und Urteil

Miguel Ricart wurde vor Gericht gestellt und des dreifachen Mordes, der Entführung, Vergewaltigung und Folter angeklagt. Der Prozess erregte enormes öffentliches Aufsehen und wurde von den spanischen Medien intensiv begleitet. Die Beweislage gegen Ricart war erdrückend: Neben seinem eigenen Geständnis gab es forensische Beweise, die ihn mit dem Tatort und den Opfern in Verbindung brachten.

Das Gericht befand Ricart in allen Anklagepunkten für schuldig und verurteilte ihn zu einer Freiheitsstrafe von 170 Jahren. Nach spanischem Recht bedeutet dies faktisch eine lebenslange Haft mit der Möglichkeit einer Haftentlassung nach 25 bis 30 Jahren unter bestimmten Voraussetzungen.

Antonio Anglés wurde in Abwesenheit für schuldig befunden, konnte jedoch nie vor Gericht gestellt werden. Gegen ihn wurde ein internationaler Haftbefehl ausgestellt, und er wurde auf die Liste der meistgesuchten Verbrecher Spaniens gesetzt. Verschiedene Theorien über seinen Verbleib kursieren: Einige Quellen vermuten, dass er mit einem Frachtschiff nach Irland oder Südamerika geflohen sein könnte, andere spekulieren, dass er bereits kurz nach seiner Flucht verstorben sein könnte. Keine dieser Theorien konnte jemals verifiziert werden.

Kontroversen und Medienberichterstattung

Der Fall Alcàsser löste in Spanien eine beispiellose Medienhysterie aus, die später selbst zum Gegenstand der Kritik wurde. Zahlreiche Fernsehsendungen widmeten sich dem Fall, wobei einige Formate wegen sensationalistischer und respektloser Berichterstattung kritisiert wurden. Besonders umstritten war die Ausstrahlung von Fotos vom Tatort und anderen belastenden Details, die das Leid der Angehörigen vergrößerten.

Verschiedene Verschwörungstheorien entwickelten sich um den Fall herum, befeuert durch die ungeklärten forensischen Befunde und die Flucht von Anglés. Einige Theorien behaupteten die Existenz eines Netzwerks von Tätern oder sogar die Beteiligung einflussreicher Persönlichkeiten, für die es jedoch keine belastbaren Beweise gab.

Die Art der Medienberichterstattung über den Fall Alcàsser führte in Spanien zu einer breiten Debatte über Medienethik und die Grenzen der Pressefreiheit bei der Berichterstattung über Gewaltverbrechen. Der Fall gilt heute als Wendepunkt in der spanischen Medienlandschaft.

Heute

Mehr als drei Jahrzehnte nach den Morden bleibt der Fall Alcàsser in der spanischen Öffentlichkeit präsent. Miguel Ricart verbüßt weiterhin seine Haftstrafe in einem spanischen Gefängnis. Er hat im Laufe der Jahre mehrere Interviews gegeben, in denen er seine Version der Ereignisse darlegte, allerdings mit wechselnden Details, die Zweifel an seiner vollständigen Aufrichtigkeit nähren.

Antonio Anglés gilt nach wie vor als einer der meistgesuchten Verbrecher Spaniens. Trotz gelegentlicher vermeintlicher Sichtungen und Hinweise konnte er nie lokalisiert werden. Die spanischen Behörden halten die Fahndung formell aufrecht, auch wenn die Chancen, ihn nach so langer Zeit noch lebend zu finden, als gering eingeschätzt werden.

Der Fall wurde in zahlreichen Dokumentationen, Podcasts und Analysen aufgearbeitet. 2019 strahlte Netflix die Dokumentarserie "The Alcàsser Murders" aus, die den Fall einem internationalen Publikum bekannt machte und erneut die Kontroversen um die damalige Medienberichterstattung thematisierte.

Die Familien der Opfer haben über die Jahre mehrfach gefordert, dass die ungeklärten forensischen Befunde – insbesondere die nicht zugeordneten DNA-Profile – mit modernen Methoden neu untersucht werden. Bisher haben die Behörden diese Forderungen jedoch nicht vollständig erfüllt, was bei den Angehörigen und Teilen der Öffentlichkeit zu Frustration führt.

Der Fall Alcàsser bleibt ein Mahnmal für die Gefahren, denen junge Menschen ausgesetzt sein können, und ein Symbol für die ungeklärten Fragen, die selbst nach Jahrzehnten intensiver Ermittlungsarbeit bestehen bleiben können. Die drei Opfer – Miriam, Toñi und Desirée – werden in Alcàsser und ganz Spanien nicht vergessen.

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