Fallakte

Der Mordfall John Mulligan — Bostoner Detective-Tötung 1993

Roslindale, Boston, 1993 — rechtlich ungeklärt nach Aufhebung der Verurteilungen von Sean Ellis

🇺🇸 Amerikanisch

Veröffentlicht 2. Juni 2026

BEWEIS

Der Fall

Der Mordfall John Mulligan ist ein US-amerikanischer Kriminalfall, der die Tötung des Bostoner Polizeidetectives John J. Mulligan am 26. September 1993 in Roslindale, einem Stadtteil von Boston, Massachusetts, umfasst. Der erfahrene Ermittler wurde während eines Nebenjobs als Sicherheitskraft vor einer Walgreens-Filiale in seinem Dienstfahrzeug erschossen. Zunächst galt der Fall als aufgeklärt: Sean K. Ellis und Terry Patterson wurden wegen des Mordes verurteilt. Nach jahrzehntelangen Rechtsstreitigkeiten, der Aufdeckung von Polizei-Korruption und der Diskreditierung zentraler Beweismittel wurden jedoch sämtliche Verurteilungen aufgehoben. Heute ist der Fall rechtlich ungeklärt und zählt zu den prominentesten Justizirrtumsfällen der jüngeren US-Geschichte.

Das Verbrechen

In den frühen Morgenstunden des 26. September 1993 versah Detective John Mulligan einen sogenannten „Detail-Dienst" — eine in Boston übliche bezahlte Nebenbeschäftigung uniformierter Beamter — vor der Walgreens-Filiale an der Adresse 972 American Legion Highway in Roslindale. Mulligan saß in seinem privaten Ford Explorer, der unmittelbar vor dem Eingang geparkt war. Gegen 3:49 Uhr morgens kehrte eine Drogerie-Angestellte von ihrer Pause zurück und entdeckte den leblosen Körper des Detectives in seinem Wagen.

Mulligan war fünfmal ins Gesicht geschossen worden — eine Tötung, die Ermittler später als hinrichtungsartig beschrieben. Nach der Theorie der Staatsanwaltschaft hatten die Täter den Beamten schlafend in seinem Fahrzeug vorgefunden und ihn getötet, um seine Dienstwaffe zu erbeuten. Die Waffe fehlte tatsächlich vom Tatort.

Zeitlinie

26. September 1993

Detective Mulligan erschossen

Der Bostoner Polizeidetective John J. Mulligan wurde fünfmal ins Gesicht geschossen aufgefunden, während er in seinem SUV vor einer Walgreens-Filiale auf 972 American Legion Highway in Roslindale saß und einen bezahlten Sicherheitsdienst versah.

6. Oktober 1993

Festnahme von Ellis und Patterson

Die Polizei nahm den 19-jährigen Sean Ellis und den Mitangeklagten Terry Patterson fest, mit der Behauptung, sie hätten Mulligan getötet, um dessen Dienstwaffe zu stehlen.

1. Februar 1995

Patterson verurteilt

Terry Patterson wurde im Februar 1995 verurteilt, wobei sich die Anklage in hohem Maße auf latente Fingerabdruckbeweise stützte, die aus Mulligans Ford Explorer genommen worden waren.

1. September 1995

Ellis nach drei Prozessen verurteilt

Nach zwei Prozessen ohne Urteil wurde Sean Ellis in seinem dritten Prozess wegen Mordes und bewaffneten Raubes verurteilt, zusammen mit zwei Anklagepunkten wegen Waffenbesitzes.

1. Januar 2005

Fingerabdruckmethode als unzuverlässig eingestuft

Der Massachusetts Supreme Judicial Court stellte fest, dass die gegen Patterson angewandte Methode der latenten Fingerabdruckanalyse verfassungsrechtlich unzuverlässig war, was seine Verurteilung untergrub.

1. Januar 2006

Patterson entlassen

Pattersons Verurteilungen wurden aufgehoben; er bekannte sich später zu reduzierten Anklagepunkten schuldig und wurde aus der Haft entlassen.

1. Mai 2015

Ellis' Mordurteil aufgehoben

Ein Richter am Suffolk Superior Court hob Sean Ellis' Mordurteil auf und verwies dabei auf zurückgehaltene Beweise über Korruption bei den mit dem Fall befassten Ermittlern der Bostoner Polizei.

21. Dezember 2018

Anklagen gegen Ellis fallengelassen

Die Staatsanwaltschaft des Suffolk County ließ die verbliebenen Anklagepunkte wegen Mordes und bewaffneten Raubes gegen Ellis fallen und beendete damit die Strafverfolgung nach 25 Jahren.

11. November 2020

Netflix veröffentlicht 'Trial 4'

Die achtteilige Netflix-Dokumentarserie 'Trial 4' lenkte internationale Aufmerksamkeit auf den Fall Mulligan und die unrechtmäßige Strafverfolgung von Sean Ellis.

1. Januar 2021

Waffenverurteilungen aufgehoben

Ellis' verbliebene Verurteilungen wegen Waffenbesitzes wurden aufgehoben, womit der Mord an Detective Mulligan offiziell ungeklärt bleibt, was die Frage betrifft, wer ihn getötet hat.

Die Opfer

John James Mulligan war zum Zeitpunkt seines Todes 52 Jahre alt und gehörte dem Boston Police Department seit 27 Jahren an. Er war ein erfahrener Detective, dessen Tod die Bostoner Polizei tief erschütterte. Hinterbliebene und Kollegen erinnern an einen Beamten mit langer Dienstzeit, dessen Verlust eine intensive — und wie sich später zeigen sollte, problematische — Ermittlungsanstrengung auslöste. Der Officer Down Memorial Page-Eintrag dokumentiert seinen Dienst und die Umstände seines Todes.

Ermittlung

Nur elf Tage nach der Tat, am 6. Oktober 1993, nahmen Bostoner Ermittler die beiden jungen Männer Sean Ellis (damals 19 Jahre alt, aus Dorchester) und Terry Patterson fest. Die Anklage gegen Patterson stützte sich maßgeblich auf latente Fingerabdrücke, die auf der Fahrertür von Mulligans Ford Explorer gefunden worden waren. Gegen Ellis stützte sich die Staatsanwaltschaft auf Zeugenaussagen, die junge Männer in der Nähe der Walgreens-Filiale platzierten, sowie auf den behaupteten Besitz einer mit der Tat in Verbindung stehenden Schusswaffe.

Was die Öffentlichkeit damals nicht wusste: Mehrere der ermittelnden Beamten waren später selbst Gegenstand von Korruptionsermittlungen. Verteidigerin Rosemary Scapicchio argumentierte über Jahre hinweg, dass die Bostoner Polizeiführung — darunter die späteren Commissioners William Bratton und Paul Evans — von dieser Korruption gewusst und entlastendes Material zurückgehalten habe.

Prozess und Urteil

Der Weg durch die Gerichte war außergewöhnlich kompliziert. Sean Ellis musste sich drei Prozessen stellen: Die ersten beiden endeten 1995 mit Mistrials, weil sich die Geschworenen nicht einigen konnten. Erst im dritten Verfahren wurde Ellis sowohl wegen Mordes als auch wegen zweier Waffenbesitzdelikte verurteilt und zu lebenslanger Haft verurteilt. Terry Patterson wurde im Februar 1995 in einem separaten Verfahren verurteilt.

Der erste große Riss im Urteilsgebäude entstand 2005: Der Massachusetts Supreme Judicial Court erklärte die zur Identifizierung der Fingerabdrücke verwendete Methode für verfassungsrechtlich unzuverlässig. Damit brach das zentrale Beweismittel gegen Patterson zusammen. 2006 wurde sein Schuldspruch aufgehoben; er bekannte sich in der Folge zu reduzierten Anklagepunkten schuldig und verließ die Haft.

Für Ellis dauerte der Kampf länger. 2015 hob ein Richter seine Mordverurteilung auf, nachdem die Verteidigung dokumentiert hatte, dass die Staatsanwaltschaft entlastendes Material über die in den Fall verwickelten korrupten Detectives nicht offengelegt hatte. 2018 ließ die Suffolk County District Attorney die Mordanklage endgültig fallen. 2021 wurden schließlich auch die verbleibenden Waffenverurteilungen aufgehoben — nach mehr als 22 Jahren Haft.

Heute

Der Mordfall John Mulligan gilt heute als rechtlich ungeklärt. Niemand ist derzeit rechtskräftig für die Tötung des Detectives verurteilt. Sean Ellis lebt als freier Mann; sein Fall wurde durch die Netflix-Dokumentarserie „Trial 4" (2020) einem internationalen Publikum bekannt. Die Serie zeichnet detailliert nach, wie die Verquickung von Polizei-Korruption, problematischer Forensik und fragwürdigen Zeugenaussagen zu einer Verurteilung führte, die mehr als zwei Jahrzehnte Bestand hatte.

Für die Familie Mulligans bedeutet der heutige Stand eine schmerzhafte Realität: Der Mord an einem 27 Jahre lang dienenden Polizeibeamten bleibt offiziell unaufgeklärt. Die Boston Police Department und die Suffolk County District Attorney haben den Fall nicht öffentlich wiederaufgenommen. True-Crime-Formate, Anwaltsblogs und Dokumentationen halten die Diskussion lebendig — sowohl über mögliche alternative Tatverdächtige als auch über die strukturellen Probleme innerhalb der Bostoner Polizei der frühen 1990er Jahre.

Medienberichterstattung

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