Fallakte

Der NSU-Komplex: Neun Morde, ein Jahrzehnt der Ermittlungsfehler

Wie rechter Terror, institutioneller Rassismus und Behördenversagen die Aufklärung der Ceska-Mordserie verhinderten

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Veröffentlicht 8. Mai 2026

BEWEIS

Fakten

TäterUwe Mundlos, Uwe Böhnhardt and Beate Zschäpe (NSU)
OpferEnver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, İsmail Yaşar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşık, Halit Yozgat and Michèle Kiesewetter
TatortNuremberg, Hamburg, Munich, Rostock, Dortmund, Kassel and Heilbronn, Germany
Tatzeitpunkt9 September 2000 – 25 April 2007
DeliktRacially motivated murders, bomb attacks and bank robberies

Der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) verübte zwischen 2000 und 2007 eine beispiellose rechtsextreme Mordserie in Deutschland, der zehn Menschen zum Opfer fielen. Das Terror-Trio um Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt erschoss neun Migranten und eine Polizistin, während deutsche Ermittlungsbehörden jahrelang in die falsche Richtung ermittelten und die Opferfamilien selbst verdächtigten.

Die Mordserie: Neun Tote in sechs Jahren

Am 9. September 2000 begann die Mordserie mit dem Tod von Enver Şimşek, der an seinem Blumenstand in Nürnberg-Langwasser erschossen wurde. Es war der Auftakt zu einer Serie von Hinrichtungen, die sich durch ganz Deutschland zog. Abdurrahim Özüdoğru starb am 13. Juni 2001 in seinem Shoarma-Imbiss in Nürnberg, nur zwei Wochen später wurde Süleyman Taşköprü in Hamburg ermordet.

Die Täter setzten bei allen neun Morden dieselbe Waffe ein: eine Pistole vom Typ Ceska 83. Am 25. August 2001 erschossen sie Habil Kılıç in seinem Zigarrenladen in München. Nach einer dreijährigen Pause töteten sie Mehmet Turgut am 25. Februar 2004 in Rostock. 2005 starben İsmail Yaşar in Nürnberg und Theodoros Boulgarides in München. Die letzten beiden Opfer der sogenannten Ceska-Mordserie waren Mehmet Kubaşık in Dortmund am 4. April 2006 und Halit Yozgat in Kassel zwei Tage später.

Zeitlinie

9. September 2000

Erster Mord: Enver Şimşek in Nürnberg getötet

Am 9. September 2000 wird Enver Şimşek in Nürnberg getötet. Dies ist der erste von zehn Morden, für die später der NSU verantwortlich gemacht wird.

13. Juni 2001

Mord i Nürnberg

Abdurrahim Özüdoğru bliver dræbt i sin shawarma-restaurant

25. Februar 2004

Mehmet Turgut in Rostock getötet

Mehmet Turgut wird in Rostock getötet, damit erstreckt sich die Mordserie nun auf eine weitere deutsche Stadt.

15. Juni 2005

Theodoros Boulgarides in München getötet

Theodoros Boulgarides, griechischer Herkunft, wird in München als siebtes Opfer getötet.

4. April 2006

Mehmet Kubaşık in Dortmund getötet

Mehmet Kubaşık wird in Dortmund getötet. Der Mord ist der achte in der NSU-Serie.

6. April 2006

Halit Yozgat in Kassel getötet

Halit Yozgat wird in Kassel getötet, nur zwei Tage nach dem Mord in Dortmund. Er ist das neunte Opfer.

25. April 2007

Polizistin Michèle Kiesewetter in Heilbronn getötet

Am 25. April 2007 wird die deutsche Polizistin Michèle Kiesewetter in Heilbronn getötet. Dies ist der zehnte und letzte Mord, der dem NSU zugeschrieben wird.

Bombenanschläge und Polizistenmord

Neben den Schusswaffentötungen verübte das NSU-Trio mehrere Sprengstoffanschläge. Am 19. Mai 2004 explodierte eine Briefbombe in Köln. Zwischen 2001 und 2004 verübten sie Nagelbombenanschläge in der Kölner Keupstraße, bei denen 2004 Gençay Özcan schwerste Verletzungen erlitt.

Am 25. April 2007 erschossen Mundlos und Böhnhardt die Polizistin Michèle Kiesewetter in Heilbronn. Ihr Kollege Martin Volz überlebte schwer verletzt. Diese Tat sollte später entscheidend für die Aufdeckung des NSU werden, da die Tatwaffe mit den vorherigen Morden in Verbindung gebracht werden konnte.

Ermittlungsfehler und institutioneller Rassismus

Die deutschen Ermittlungsbehörden versagten auf ganzer Linie. Statt ein rassistisches Motiv in Betracht zu ziehen, vermutete die Polizei die türkische Mafia oder eine "Döner-Mafia" hinter den Morden. Die zynische Bezeichnung "Dönermorde" prägte die öffentliche Wahrnehmung und verhöhnte die Opfer.

Die türkische Zeitung Hürriyet berichtete am 30. April 2006: "Laut deutscher Polizei ist der/die Mörderin von der türkischen Mafia – laut Türken ist diese/r ein rassistischer pensionierter deutscher Polizist." Die Angehörigen hatten von Anfang an ein rassistisches Motiv vermutet, wurden aber nicht ernst genommen.

Die Nürnberger Zeitung dokumentierte am 14. April 2006 die polizeiliche Haltung: Man fasste Zeugen pauschal als "Türken" zusammen, obwohl die Betroffenen aus verschiedenen Communities kamen – Türken, Kurden, Griechen. Das rassistische Narrativ, die Opfer würden nicht alles erzählen, was sie wüssten, kriminalisierte die Betroffenen selbst.

Die Aufdeckung am 4. November 2011

Die Mordserie endete abrupt am 4. November 2011. Nach einem gescheiterten Banküberfall in Eisenach töteten sich Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in einem Wohnmobil selbst. Beate Zschäpe zündete die gemeinsame Wohnung in Zwickau an und stellte sich später den Behörden.

Bei der Brandermittlung fanden Beamte umfangreiches Material, das die Taten dokumentierte: Waffen, ein Bekennervideo und Beweismittel zu den Morden. Die deutsche Öffentlichkeit war schockiert – nicht nur über die Mordserie selbst, sondern auch über das vollständige Versagen der Sicherheitsbehörden.

Der Mammutprozess gegen Beate Zschäpe

Am 6. Mai 2013 begann vor dem Oberlandesgericht München einer der größten Strafprozesse der deutschen Nachkriegsgeschichte. Beate Zschäpe, die einzige Überlebende des Kerntrios, musste sich wegen zehnfachen Mordes und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung verantworten.

Der Prozess dauerte über fünf Jahre. Am 11. Juli 2018 verurteilte das Gericht Zschäpe zu lebenslanger Haft wegen zehnfacher Mordbeteiligung als Mittäterin und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung nach § 129a StGB. Das Urteil wurde 2022 vom Bundesgerichtshof rechtskräftig.

Der NSU-Komplex und seine Folgen

Der Fall wurde zum "NSU-Komplex" – ein Begriff, der die Verflechtung von rechtem Terror, institutionellem Rassismus und dem Versagen deutscher Sicherheitsbehörden beschreibt. Mehrere parlamentarische Untersuchungsausschüsse versuchten, die Rolle des Verfassungsschutzes und mögliche V-Mann-Verbindungen aufzuklären.

Die Hinterbliebenen kämpfen bis heute für vollständige Aufklärung. Viele Fragen bleiben offen: Wer unterstützte das Trio im Untergrund? Warum wurden Akten vernichtet? Welche Rolle spielten Verfassungsschutz-Informanten im NSU-Umfeld?

Der NSU-Komplex zeigt exemplarisch, wie institutioneller Rassismus die Aufklärung von Verbrechen verhindern kann – mit tödlichen Folgen für die Betroffenen und traumatischen Konsequenzen für ihre Familien, die jahrelang selbst verdächtigt wurden.

Medienberichterstattung

Books

  • Das Kartell — Nils Minkmar über den NSU-Prozess(2026)
  • NSU – Die Akten: Tanjev Schultz enthüllt Verfassungsschutz-Versagen(2026)

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