Die Ermordung von Malcolm X — Attentat auf eine Ikone
New York City, USA, 1965 — verurteilt, teilweise rehabilitiert
Veröffentlicht 29. Juli 2026
Fakten
Der Fall
Die Ermordung von Malcolm X ist einer der folgenreichsten politischen Mordfälle der amerikanischen Geschichte: Am 21. Februar 1965 wurde der Bürgerrechtsaktivist und Vordenker der schwarzen Selbstbestimmungsbewegung, Malcolm X, im Audubon Ballroom im New Yorker Stadtteil Washington Heights vor den Augen von Hunderten Zeugen erschossen. Der Fall galt jahrzehntelang als juristisch abgeschlossen — bis 2021 zwei der drei Verurteilten gerichtlich rehabilitiert wurden, weil wesentliche Beweise zurückgehalten worden waren.
Das Verbrechen
Am Sonntagnachmittag des 21. Februar 1965 versammeln sich mehrere Hundert Menschen im Audubon Ballroom in Washington Heights, um Malcolm X bei einer Veranstaltung der von ihm gegründeten Organization of Afro-American Unity zu hören. Als Malcolm X die Bühne betritt und sein Publikum begrüßt, bricht in den hinteren Reihen des Saales absichtlich ein Streit aus — eine klassische Ablenkungsmanöver. In dem entstehenden Tumult stürmt mindestens ein Angreifer zur Bühne und feuert mit einer abgesägten Schrotflinte auf den Redner. Zeitgleich schießen weitere Männer mit halbautomatischen Pistolen. Malcolm X wird von zahlreichen Schüssen getroffen — Quellen nennen zwischen 15 und 21 Einschüssen — und bricht auf der Bühne zusammen. Ersthelfer und anwesende Ärzte können nichts mehr für ihn tun; er stirbt noch im Saal.
Der Angriff war koordiniert, professionell vorbereitet und innerhalb von Sekunden ausgeführt. Dem späteren Geständnis von Thomas Hagan zufolge handelte es sich um eine gezielte Hinrichtung, die von Mitgliedern der Nation of Islam geplant worden war — jener Organisation, aus der Malcolm X sich kurz zuvor spektakulär losgesagt hatte.
Zeitlinie
Malcolm X bricht mit Nation of Islam
Malcolm X gab öffentlich seinen Austritt aus der Nation of Islam bekannt, nach mehreren Jahren wachsender Spannungen mit dem Anführer Elijah Muhammad. Er gründete anschließend die Muslim Mosque, Inc. und später die Organization of Afro-American Unity.
Malcolm X im Audubon Ballroom erschossen
Als Malcolm X die Bühne betrat, um vor einer Versammlung im Audubon Ballroom in Washington Heights zu sprechen, eröffneten mehrere bewaffnete Männer das Feuer und trafen ihn etwa 15 bis 21 Mal. Er wurde kurz darauf im Columbia Presbyterian Hospital für tot erklärt.
Thomas Hagan am Tatort festgenommen
Thomas Hagan, einer der Täter, wurde kurz nach dem Angriff im oder in der Nähe des Ballrooms festgenommen und Berichten zufolge kurz vor Mitternacht am selben Abend wie der Mord beschuldigt. Er war von einem Mitglied von Malcolm X' Sicherheitswache ins Bein geschossen worden.
Drei Männer wegen vorsätzlichen Totschlags verurteilt
Ein Gericht des Bundesstaates New York verurteilte Thomas Hagan, Norman 3X Butler (Muhammad Abdul Aziz) und Thomas 15X Johnson (Khalil Islam) wegen vorsätzlichen Totschlags. Alle drei wurden zu lebenslanger Haft verurteilt.
Hagan gesteht und benennt weitere Mitverschwörer
Thomas Hagan gab 1977 eine eidesstattliche Erklärung ab, in der er aussagte, dass Aziz und Islam nicht im Audubon Ballroom anwesend und nicht am Mord beteiligt gewesen seien, und nannte stattdessen andere Personen als seine eigentlichen Mittäter. Die Behörden reagierten damals nicht auf diese Informationen.
Urteile gegen Aziz und Islam aufgehoben
Ein Gericht in Manhattan hob die Urteile gegen Muhammad Abdul Aziz und den verstorbenen Khalil Islam auf, nach einer gemeinsamen Überprüfung durch die Staatsanwaltschaft von Manhattan und das Innocence Project. Die Staatsanwälte verwiesen auf zurückgehaltenes Beweismaterial von FBI und NYPD, das den Ausgang des Falls hätte ändern können.
Das Opfer
Malcolm X — geboren am 19. Mai 1925 als Malcolm Little in Omaha, Nebraska, später auch bekannt unter seinem islamischen Namen El-Hajj Malik El-Shabazz — war zum Zeitpunkt seines Todes 39 Jahre alt. Als charismatischer Redner und politischer Denker hatte er die Debatte über Rassismus und Bürgerrechte in den Vereinigten Staaten fundamental geprägt. Nach Jahren als führende Stimme der Nation of Islam unter Elijah Muhammad hatte er sich 1964 von der Organisation getrennt, war zum sunnitischen Islam übergetreten und vertrat fortan eine nuanciertere, international orientierte politische Haltung. Diese Abkehr machte ihn zur Zielscheibe. In den Wochen vor dem Attentat hatte er wiederholt öffentlich geäußert, sein Leben sei in Gefahr. Sein Haus war kurz zuvor in Brand gesetzt worden.
Ermittlung
Thomas Hagan wurde noch am Abend der Tat festgenommen, nachdem ihn empörte Zeugen im Saal überwältigt hatten. Er war bei dem Versuch, zu fliehen, von einem Sicherheitsmann angeschossen worden. Die Ermittler des New York City Police Department identifizierten kurz darauf Norman 3X Butler und Thomas 15X Johnson als mutmaßliche Mittäter, gestützt auf Zeugenaussagen, die beide im Saal platziert haben wollten.
Die Beweislage war jedoch von Anfang an dünn. Butler litt zum Zeitpunkt der Tat an einem Beinleiden und trug eine Beinschiene — sein Anwalt argumentierte, er habe sich kaum unbemerkt durch den Saal bewegen können. Johnson bestritt ebenfalls jede Anwesenheit. Entscheidend: Hagan selbst bestätigte in späteren eidesstattlichen Erklärungen, dass weder Aziz noch Islam am Tatort gewesen seien. Er benannte stattdessen zwei andere Männer aus dem Umfeld der Nation of Islam als seine tatsächlichen Komplizen — Männer, die nie angeklagt wurden.
Die 2021 abgeschlossene Überprüfung durch das Büro des Manhattan District Attorney ergab, dass das FBI und die New Yorker Polizei über Informationen verfügt hatten, die die Unschuld von Aziz und Islam hätten belegen können. Diese Informationen wurden der Verteidigung nie offengelegt — ein schwerwiegender Verstoß gegen grundlegende rechtsstaatliche Verfahrensgrundsätze, vergleichbar mit Fällen wie Brady-Verletzungen im US-amerikanischen Strafrecht.
Prozess und Urteil
Im März 1966 verurteilte ein New Yorker Staatsgericht alle drei Angeklagten — Hagan, Butler und Johnson — wegen Mordes ersten Grades zu lebenslanger Haft. Das Urteil galt lange als Schlusspunkt eines politisch aufgeladenen Verfahrens. Hagan wurde 2010 nach insgesamt 45 Jahren Haft bedingt entlassen.
Die Aufhebung der Urteile gegen Aziz und Islam im November 2021 markiert einen der seltenen Fälle, in denen die amerikanische Justiz eine fehlerhafte Verurteilung im Zusammenhang mit einem hochpolitischen Mord offiziell korrigiert hat. Khalil Islam (Thomas 15X Johnson) hatte das Urteil nicht mehr erlebt — er starb 2009. Muhammad Abdul Aziz (Norman 3X Butler), der nach seiner Entlassung auf Bewährung jahrelang in der Gemeinde aktiv geblieben war, war bei der Aufhebung anwesend und nahm die Entscheidung öffentlich entgegen.
Die Staatsanwaltschaft räumte ein, dass sowohl das FBI als auch die New Yorker Polizei Informanten im Umfeld der Nation of Islam geführt hatten, deren Berichte nie an die Verteidigung weitergegeben worden waren. Ob diese Informationen auch über die tatsächlichen Schützen Auskunft gegeben hätten, ist bis heute nicht vollständig geklärt. Der Fall weist damit strukturelle Parallelen zu anderen COINTELPRO-Überwachungsfälle der US-Bundespolizei auf, bei denen staatliche Überwachungsprogramme die Integrität von Strafverfahren unterminierten.
Heute
Der Fall ist juristisch in einem eigentümlichen Zwischenzustand: Thomas Hagan ist als einziger rechtskräftig verurteilter Täter verblieben, seine Mitschuld ist durch sein eigenes Geständnis belegt. Wer die beiden anderen Schützen waren, die Hagan in seinen Aussagen benannte, ist offiziell ungeklärt. Ermittlungen wurden in diesem Punkt nie ernsthaft aufgenommen oder abgeschlossen.
Die Netflix-Dokumentation 'Who Killed Malcolm X?' aus dem Jahr 2020 trug maßgeblich dazu bei, das öffentliche Interesse an den Lücken des ursprünglichen Verfahrens neu zu entfachen und den politischen Druck für eine juristische Überprüfung zu erzeugen. Der Aktivist und Forscher Abdur-Rahman Muhammad hatte jahrelang auf eigene Faust ermittelt und Hinweise auf die tatsächlichen Komplizen zusammengetragen.
Malcolm X bleibt eine der meistdiskutierten Figuren der amerikanischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Sein Attentat steht in einer Reihe mit anderen politischen Morden jener Ära — Die Ermordung von Martin Luther King Jr. im Jahr 1968 und Die Ermordung von Robert F. Kennedy im selben Jahr — und wirft bis heute Fragen über staatliche Verwicklung, institutionellen Rassismus und die Grenzen der amerikanischen Justiz auf. Die Familie von Malcolm X hat wiederholt gefordert, die Ermittlungen vollständig wiederaufzunehmen, um die Hintermänner des Attentats abschließend zu identifizieren.
Medienberichterstattung
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