Fallakte

Somerton Man: DNA-Analyse löst 74 Jahre altes Strandleichen-Rätsel

Identität nach sieben Jahrzehnten geklärt

Veröffentlicht 6. Juni 2025

A worn suitcase sits abandoned on a platform at Adelaide Station, its tags removed, symbolizing the Somerton Man mystery and the potential identification of Carl Webb through DNA research
BEWEIS

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OrtSomerton Beach, Adelaide, Australia

Der Fall

Am 1. Dezember 1948 entdeckten Passanten die Leiche eines unbekannten Mannes am Somerton Park Beach in Adelaide, Südaustralien. Was zunächst wie ein gewöhnlicher Todesfall aussah, sollte sich zu einem der mysteriösesten ungeklärten Kriminalfälle des 20. Jahrhunderts entwickeln – bis Forscher im Juli 2022 verkündeten, den Toten identifiziert zu haben: Carl "Charles" Webb, ein Elektroingenieur aus Melbourne.

Die Identifizierung erfolgte durch DNA-Analyse und forensische Genealogie unter der Leitung von Professor Derek Abbott von der University of Adelaide und der Genealogin Colleen Fitzpatrick. Eine offizielle Bestätigung durch die South Australia Police und den zuständigen Gerichtsmediziner steht jedoch weiterhin aus.

Der Fall erlangte weltweite Bekanntheit als **Tamám-Shud-Fall**, benannt nach einem persischen Schriftzug, der eine Schlüsselrolle in den Ermittlungen spielte.

Zeitlinie

16. November 1905

Geburt von Carl Webb

Carl 'Charles' Webb wird in Footscray, Victoria, geboren.

1. Oktober 1941

Hochzeit

Carl Webb heiratet Dorothy Jean Robertson.

1. April 1947

Verschwinden

Carl Webb verschwindet aus der öffentlichen Wahrnehmung.

1. Dezember 1948

Leichenfund

Die Leiche eines unbekannten Mannes wird am Strand von Somerton Park in Adelaide gefunden.

1. Januar 2021

Exhumierung

Die Leiche wird exhumiert, um neue DNA-Proben zu gewinnen.

26. Juli 2022

Identifikation

Forscher geben bekannt, dass Somerton Man als Carl 'Charles' Webb identifiziert wurde.

Was geschah

Die Leiche wurde am Morgen des 1. Dezember 1948 am Somerton Park Beach gefunden, gegenüber dem damaligen Heim für körperbehinderte Kinder an der Ecke The Esplanade und Bickford Terrace. Der genaue Todeszeitpunkt konnte nie bestimmt werden.

Der Tote zeigte keine offensichtlichen Anzeichen von Gewalteinwirkung oder Kampfspuren. Trotz umfangreicher Obduktionen blieb die Todesursache ungeklärt – ein Umstand, der von Anfang an Spekulationen nährte.

Besonders auffällig: Sämtliche Etiketten waren akribisch aus der Kleidung des Mannes entfernt worden. Er trug ein weißes Hemd, eine rot-blaue Krawatte, braune Hosen, Socken und polierte Schuhe. Sein gepflegtes Äußeres und sein körperlicher Zustand deuteten darauf hin, dass er keiner körperlichen Arbeit nachgegangen war.

Der Mann schien Mitte 40 zu sein. Trotz ausgedehnter Öffentlichkeitsfahndungen in ganz Australien und international meldete sich niemand, der ihn identifizieren konnte. Keine Vermisstenanzeige passte auf die Beschreibung.

Ermittlung

Die Ermittlungen förderten mehrere rätselhafte Details zutage, die Forscher und Hobby-Detektive über Jahrzehnte faszinieren sollten.

In einer versteckten Tasche in der Hose des Toten entdeckten Ermittler einen Zettel mit den persischen Worten "Tamám Shud" – übersetzt "beendet" oder "zu Ende". Der Zettel war aus einem Exemplar des Rubaiyat von Omar Khayyam, einer berühmten Gedichtsammlung, herausgerissen worden.

Wenige Monate später fand sich das entsprechende Buch: Ein Mann meldete sich bei der Polizei und gab an, kurz vor der Entdeckung der Leiche ein Exemplar des Rubaiyat im Handschuhfach seines unverschlossenen Autos gefunden zu haben – mit einer fehlenden Seite, die exakt zum gefundenen Zettel passte.

Auf der Rückseite des Buches entdeckten Ermittler eine lokale Telefonnummer und fünf Zeilen scheinbar verschlüsselter Buchstaben, die bis heute nicht zweifelsfrei entschlüsselt werden konnten:

MRGOABBABD

MLIABOI

WTBIMPANETP

MLIABOAIAQC

ITTMTSAMSTGAB

Dieser Code befeuerte zahllose Theorien – von Spionage im Kalten Krieg bis zu tragischen Liebesgeschichten.

Trotz intensiver Bemühungen, einschließlich Fingerabdruckanalysen, Zahnuntersuchungen und internationaler Fahndungen, blieb die Identität des Mannes jahrzehntelang ein Geheimnis.

Der Durchbruch

Professor Derek Abbott, der sich seit Jahren mit dem Fall beschäftigte, wandte moderne DNA-Genealogie an – eine Methode, die in den letzten Jahren spektakuläre Erfolge bei der Aufklärung von Cold Cases erzielte, darunter die Identifizierung des berüchtigten Golden State Killers in den USA.

Durch die Analyse von DNA-Material und den Abgleich mit genealogischen Datenbanken konnten Abbott und Fitzpatrick einen Stammbaum rekonstruieren, der zu Carl "Charles" Webb führte.

Webb war ein in Melbourne geborener Elektroingenieur. Die Forscher vermuten, dass er möglicherweise gesundheitliche Probleme hatte oder unter den Nachwirkungen einer vergangenen Vergiftung litt, was die ungeklärte Todesursache erklären könnte.

Status

Obwohl die Identifizierung im Juli 2022 öffentlich gemacht wurde, haben die South Australia Police und der staatliche Gerichtsmediziner die Ergebnisse bislang nicht offiziell bestätigt.

Die Entdeckung beantwortet zwar die zentrale Frage nach der Identität des Toten, wirft aber neue Fragen auf: Warum entfernte Webb alle Etiketten aus seiner Kleidung? Was bedeutet der mysteriöse Code? Welche Verbindung hatte er zur Telefonnummer im Buch? Und vor allem: Woran starb er wirklich?

Der Fall des Somerton Man zeigt eindrucksvoll, wie moderne forensische Methoden auch Jahrzehnte alte Rätsel lösen können – auch wenn nicht alle Geheimnisse gelüftet werden.

Medienberichterstattung

Der Somerton-Man-Fall hat über die Jahrzehnte weltweite mediale Aufmerksamkeit erhalten und wurde in zahlreichen Dokumentationen, Podcasts und Büchern behandelt. Die Kombination aus ungeklärter Todesursache, verschlüsselten Botschaften und der romantischen Verbindung zur persischen Poesie machte den Fall zu einem Fixpunkt der True-Crime-Literatur.

Auch im deutschsprachigen Raum wurde wiederholt über den mysteriösen Toten berichtet, der zu einem Symbol für die Grenzen traditioneller Ermittlungsmethoden wurde – und nun zeigt, welche Möglichkeiten die DNA-Genealogie eröffnet.

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