Der Genter Altar: Der größte ungelöste Kunstraub der Geschichte
Ein Totengeständnis, ein verschwundenes Meisterwerk und ein gestohlener Schädel
Veröffentlicht 6. Juni 2025

Falldetails
Quick Facts
Klassifizierung:
Fakten
Am 11. April 1934 machte Küster Van Volsem in der St.-Bavo-Kathedrale im belgischen Gent eine erschütternde Entdeckung. Zwei Tafeln des weltberühmten Genter Altars von Jan van Eyck fehlten: Die Tafel "Die gerechten Richter" und "Johannes der Täufer" – Kunstwerke von unschätzbarem Wert.
Am Tatort fanden die Behörden eine kurze, auf Französisch verfasste Nachricht: "Von Deutschland durch den Versailler Vertrag genommen". Die Botschaft wirkte wie ein plumper Ablenkungsversuch – eine Falsche Spur?
Kurz darauf erhielt die Kathedrale ein Erpresserbrief, signiert mit den Initialen D.U.A. Der Absender drohte damit, die Kunstwerke zu zerstören, falls kein Lösegeld gezahlt werde. Es war eine verzweifelte Tat, die auf einen Täter ohne konventionelle Mittel hindeutete.
Zeitlinie
Der Diebstahl
Küster Van Volsem entdeckt das Fehlen zweier Tafeln des Genter Altars in der St.-Bavo-Kathedrale. Eine Nachricht am Tatort deutet auf politische Motive hin.
Erster Erpresserbrief
Die Kathedrale erhält einen Erpresserbrief mit den Initialen D.U.A., in dem Lösegeld gefordert und die Zerstörung der Kunstwerke angedroht wird.
Totengeständnis
Der Börsenmakler Arsène Goedertier gesteht auf dem Sterbebett, der Dieb zu sein. Seine letzten kryptischen Worte geben Hinweise auf das Versteck.
Rückgabe einer Tafel
Die Tafel 'Johannes der Täufer' wird zurückgegeben und kehrt in die Kathedrale zurück. 'Die gerechten Richter' bleiben verschwunden.
Schändung des Grabes
Goedertiers Schädel wird illegal aus seinem Grab gestohlen – angeblich für eine spiritistische Séance zur Aufklärung des Falls.
Jahrzehntelang ohne Spur
Über Monate hinweg blieb der Kunstraub ungeklärt. Die Polizei spekulierte über Motive und Hintermänner. Handelte es sich um einen politisch motivierten Akt? Um organisierte Kriminalität? Oder um einen fanatischen Kunstsammler?
Dann, im November 1934, kam die Wende auf unerwartete Weise.
Das Totengeständnis eines Börsenmaklers
Auf seinem Sterbebett rief Arsène Goedertier seinen Anwalt zu sich. Goedertier war Börsenmakler – ein angesehener Mann aus besseren Kreisen. Was er nun gestand, war ein Schock: Er war der Dieb.
Noch bedeutsamer: Er behauptete, der Einzige zu sein, der wusste, wo die Tafel "Die gerechten Richter" versteckt war.
Goedertiers letzte Worte vor seinem Tod lauteten: "Schreibtisch, Schlüssel, Schrank, Gesundheitsmappe." Eine kryptische Botschaft, die potenziell der Schlüssel zum Auffinden des Kunstwerks hätte sein können. Doch selbst dieser Hinweis erwies sich als unzureichend.
Ein besonderes Detail erschwert die Bewertung seiner Aussage: Goedertier litt an einer Augenkrankheit, die es ihm unmöglich machte, im Dunkeln zu sehen. Das wirft die Frage auf, ob er die Tat überhaupt allein hätte ausführen können – oder hatte er Komplizen?
Eine Tafel kehrte zurück – die andere blieb verschwunden
Die Tafel "Johannes der Täufer" wurde nach Verhandlungen zurückgegeben und in die Kathedrale gebracht. Doch die Tafel "Die gerechten Richter" wurde trotz Goedertiers Geständnis niemals gefunden.
Das Motiv für den Diebstahl bleibt bis heute unklar. War es finanzielle Verzweiflung? Ideologische Überzeugung? Wollte ein privater Sammler das Werk für sich allein besitzen? Oder spielten ganz andere Beweggründe eine Rolle?
Ein makabre Nachspiel
Die Geschichte nahm nach Goedertiers Tod noch bizarrere Wendungen. 1995 wurde sein Schädel illegal aus dem Grab ausgegraben und gestohlen – angeblich sollte er für eine spiritistische Séance verwendet werden. Ein neues Verbrechen im Schatten des alten Rätsels.
Das ewige Rätsel
Heute, mehr als 90 Jahre nach dem Diebstahl, liegt Van Eycks Tafel "Die gerechten Richter" noch immer an einem unbekannten Ort verborgen. Arsène Goedertier nahm sein Geheimnis mit ins Grab.
Kunsthistoriker und Kriminalisten spekulieren weiter: Wo ist das Gemälde? Existiert es noch? Und was war die wahre Motivation hinter diesem spektakulären Kunstraub?
Der Fall des Genter Altars gehört zu den faszinierendsten ungelösten Mysterien der Kunstgeschichte – und ist ein Monument dafür, dass manche Geheimnisse zu groß sind, um geteilt zu werden, selbst wenn der Tod an die Tür klopft.
Der Genter Altar selbst, ein Meisterwerk der flämischen Malerei aus dem 15. Jahrhundert, gilt als eines der bedeutendsten Kunstwerke der europäischen Geschichte. Die verschwundene Tafel "Die gerechten Richter" zeigt eine Gruppe berittener Figuren und ist kunsthistorisch von unermesslichem Wert.
Bis heute gehen immer wieder Hinweise bei den belgischen Behörden ein. Doch keiner führte bisher zum Erfolg. Das Rätsel um Arsène Goedertier und seine letzte große Lüge – oder war es doch die Wahrheit? – bleibt bestehen.
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