BCCI-Skandal: Der größte Bankbetrug der Geschichte kollabierte 1991
Die Bank of Credit and Commerce International brach im Juli 1991 zusammen – nach systematischem Betrug, Geldwäsche und Korruption in 73 Ländern. Der Schaden: bis zu 20 Milliarden US-Dollar.
Veröffentlicht 6. Juni 2025

Fakten
Die Bank of Credit and Commerce International (BCCI) war 1972 vom pakistanischen Bankier Agha Hasan Abedi gegründet worden und operierte auf ihrem Höhepunkt in 73 Ländern mit 417 Filialen und Niederlassungen. Nach außen hin wirkte sie wie ein funktionierendes globales Finanzinstitut. In Wirklichkeit war die BCCI von früh an von systematischem Betrug, Geldwäsche, Korruption und gefälschter Buchführung durchdrungen. Als die Bank im Juli 1991 nach koordinierten Behördenaktionen in mehreren Ländern zusammenbrach, waren die Folgen für tausende Einleger und Investoren weltweit verheerend. Der Gesamtschaden wird je nach Quelle auf 10 bis 20 Milliarden US-Dollar geschätzt – und macht den BCCI-Fall zu einem der größten Bankenskandale der Geschichte.
Der Betrug
Agha Hasan Abedi gründete die BCCI 1972 als karismatischer Bankier mit weitreichenden internationalen Verbindungen. Die Bank expandierte rasch und etablierte sich als Finanzakteur in Entwicklungsländern, aber auch in großen westlichen Finanzzentren. Hinter der Fassade wuchs eine komplexe Betrugskonstruktion: Insiderkredite, die nie zurückgezahlt wurden, gefälschte Buchführung, die enorme Verluste verdeckte, sowie Geldwäsche für kriminelle Kunden. Ermittlungen deckten zudem Verbindungen zu Terrorfinanzierung und Waffenschmuggel auf.
Eine zentrale Figur in diesen Transaktionen war Abbas Gokal, ein mit der BCCI verbundener Kunde und Geschäftspartner, dessen Reederei-Konzern Kredite zu äußerst günstigen und irregulären Konditionen erhielt. Gokals Verbindungen zur BCCI wurden später zu einem zentralen Beweismittel in den britischen Strafverfahren.
Zeitlinie
BCCI wird von Agha Hasan Abedi gegründet
Agha Hasan Abedi gründet 1972 die Bank of Credit and Commerce International. Die Bank expandiert schnell in 73 Länder mit 417 Büros und Filialen.
Price Waterhouse deckt massiven Betrug auf
Im März 1991 kommt die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Price Waterhouse in einer Untersuchung zu dem Schluss, dass Beweise für 'massive and widespread fraud' bei BCCI vorliegen.
Luxemburgisches Gericht ordnet Liquidation von BCCI an
Am 5. Juli 1991 ordnet ein luxemburgisches Gericht die Liquidation von BCCI an. Koordinierte Behördenaktionen in mehreren Ländern schließen im selben Monat die Büros der Bank.
Manhattan Grand Jury klagt BCCI und Führungskräfte an
Am 29. Juli 1991 klagt eine Manhattan Grand Jury in New York BCCI, Agha Hasan Abedi und Swaleh Naqvi wegen Betrugs, Geldwäsche und Diebstahls an.
Agha Hasan Abedi stirbt in Pakistan ohne Strafverfolgung
Abedi stirbt 1995 in Pakistan, wo er sich seit dem Zusammenbruch aufgehalten hatte. Er wurde nie an die USA oder Großbritannien ausgeliefert und stand nie vor Gericht.
Abbas Gokal von britischem Gericht verurteilt – 14 Jahre Haft
1997 befindet ein britisches Gericht Abbas Gokal der Verschwörung zum Betrug und der Buchfälschung für schuldig. Er wird zu 14 Jahren Haft verurteilt.
Berufung von Abbas Gokal abgewiesen
1999 wird der Berufung von Abbas Gokal nicht stattgegeben. Das Urteil von 14 Jahren Haft wird bestätigt.
Abbas Gokal wird entlassen
Abbas Gokal wird 2003 nach Verbüßung eines Teils seiner Strafe entlassen.
Offizieller Abschluss der BCCI-Liquidations- und Verfahrensakten
2012 wird das BCCI-Liquidations- und Verfahrensmaterial offiziell abgeschlossen – mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch der Bank 1991.
Über 6.500 Einleger – viele davon Privatpersonen und kleinere Unternehmen – verloren direkt Geld, als die Bank schloss. Das Emirat Abu Dhabi, das als bedeutender Investor in der BCCI engagiert war, erlitt allein einen Verlust von rund 2 Milliarden US-Dollar.
Die Ermittlungen
Die ersten ernsthaften Hinweise auf einen systemischen Betrug kamen im März 1991, als das Wirtschaftsprüfungsunternehmen Price Waterhouse eine Untersuchung vorlegte, die Belege für „massive and widespread fraud“ in der Bank nachwies. Dieser Bericht war ausschlaggebend für die anschließenden Behördenmaßnahmen.
Am 5. Juli 1991 ordnete ein luxemburgisches Gericht die Liquidation der BCCI an – Luxemburg war der offizielle Sitz der Bank. Im selben Monat führten Behörden in zahlreichen Ländern koordinierte Aktionen durch, die Filialen schlossen und Vermögenswerte einfroren. Das koordinierte Vorgehen über mehrere Rechtssysteme hinweg setzte neue Maßstäbe für die internationale Zusammenarbeit bei Finanzkriminalität.
Der Umfang der Ermittlungen war enorm: Vermögenswerte in 73 Ländern mussten aufgespürt, Buchführungen durchleuchtet und kriminelle Verbindungen kartiert werden. Der Liquidationsprozess, in den Gläubiger und Geschädigte aus aller Welt einbezogen waren, erstreckte sich über mehr als zwei Jahrzehnte.
Anklage und Urteil
Am 29. Juli 1991 erhob eine Grand Jury in Manhattan Anklage gegen die BCCI als Institution sowie gegen Agha Hasan Abedi und den stellvertretenden Bankchef Swaleh Naqvi wegen Betrugs, Geldwäsche und Diebstahls – eine der weitreichendsten Anklageschriften im Bereich der Finanzkriminalität zu jener Zeit.
Agha Hasan Abedi hielt sich in Pakistan auf und wurde weder an die USA noch nach Großbritannien ausgeliefert. Er starb 1995, ohne jemals vor einem Gericht in einem dieser Länder zur Rechenschaft gezogen worden zu sein.
Die vollständigste Verurteilung im Zusammenhang mit dem Skandal erfolgte in Großbritannien: Abbas Gokal wurde 1997 von einem britischen Gericht der Verschwörung zum Betrug und der falschen Buchführung im Zusammenhang mit seinen Transaktionen mit der BCCI für schuldig befunden. Er wurde zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt. Seine Berufung im Jahr 1999 blieb erfolglos. 2003 wurde Gokal nach Verbüßung eines Teils seiner Strafe entlassen.
Die Verurteilung Gokals war einer der wenigen Fälle, in denen Beteiligte des BCCI-Skandals tatsächlich von einem Rechtssystem zur Verantwortung gezogen wurden.
Der Fall heute
Den formellen Abschluss des BCCI-Liquidations- und Fallmaterials bildete das Jahr 2012 – mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Kollaps der Bank. Über all diese Jahre arbeiteten Liquidatoren daran, Mittel einzutreiben und sie an die vielen tausend Gläubiger und Geschädigten zu verteilen.
Der Skandal hinterließ bleibende Spuren in der internationalen Finanzregulierung. Er legte kritische Lücken in der Aufsicht über internationale Banken offen – insbesondere die Möglichkeit, in vielen Rechtssystemen tätig zu sein, ohne ausreichende Koordinierung zwischen den nationalen Aufsichtsbehörden. Im Nachgang des Zusammenbruchs wurden in vielen Ländern strengere Anforderungen an grenzüberschreitende Bankgeschäfte und Anti-Geldwäsche-Verfahren eingeführt.
Für die über 6.500 Einleger, die direkt Geld verloren, und für die vielen Gläubiger war der Abschluss 2012 formal – doch der jahrelange Prozess bedeutete für die meisten, dass sie nie vollständigen Schadensersatz erhielten. Der BCCI-Fall gilt heute als Paradebeispiel dafür, was geschehen kann, wenn Finanzkriminalität ungehindert hinter einer internationalen, scheinbar legitimen Bankfassade wachsen kann.
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