Der Fall Jason Corbett — Tod eines Iren in North Carolina
Winston-Salem, North Carolina, 2015 — aufgeklärt mit Verurteilung wegen Totschlags 2023
Veröffentlicht 2. Juni 2026

Falldetails
Quick Facts
Klassifizierung:
Der Fall
Der Fall Jason Corbett ist ein aufgeklärter Tötungsfall aus dem US-Bundesstaat North Carolina, der nach einer aufgehobenen Mordverurteilung 2023 mit Schuldbekenntnissen wegen Totschlags endete. In der Nacht zum 2. August 2015 starb der in Irland geborene Geschäftsmann Jason Corbett in seinem Haus in Winston-Salem durch massive Schläge, die ihm seine Ehefrau Molly Martens Corbett und deren Vater, der frühere FBI-Agent Thomas „Tom“ Martens, zugefügt hatten. Der Fall sorgte über Jahre für internationale Schlagzeilen, weil er familiäre Loyalität, eine umstrittene Selbstverteidigungsbehauptung und einen langen juristischen Weg durch mehrere Instanzen verband.
Das Verbrechen
In der Nacht des 2. August 2015 kam es im Haus der Familie Corbett in Winston-Salem zu der tödlichen Auseinandersetzung. Nach Darstellung der Angeklagten sei Jason Corbett dabei gewesen, seine Ehefrau zu würgen und ihr mit dem Tod zu drohen, weshalb Thomas Martens eingegriffen habe. Als Tatwaffen identifizierten die Ermittler einen Baseballschläger und einen Ziegelpflasterstein, mit denen Corbett zahlreiche Schläge auf den Kopf erlitt. Gegen drei Uhr morgens wählte Thomas Martens den Notruf 911 und meldete, sein Schwiegersohn sei schwer verletzt. Als Rettungskräfte und Polizei eintrafen, konnten sie Jason Corbett nicht mehr retten.
Die Staatsanwaltschaft bewertete den Tathergang von Beginn an nicht als Notwehr, sondern als brutalen Angriff, der weit über jede mögliche Abwehrhandlung hinausging. Die Schwere der Verletzungen und Spuren am Tatort widersprachen aus Sicht der Anklage der Schilderung der Verdächtigen.
Zeitlinie
Jason Corbett getötet
Thomas Martens rief gegen 3 Uhr nachts den Notruf 911 an und meldete, dass Jason im Haus der Familie in Winston-Salem schwer verletzt sei. Jason starb an stumpfen Gewalteinwirkungen, die mit einem Baseballschläger und einem Ziegelstein zugefügt wurden.
Anklage erhoben
Veröffentlichte Anklageschriften zeigten, dass eine Grand Jury hinreichenden Tatverdacht festgestellt hatte, und sowohl Molly Martens Corbett als auch Thomas Martens wurden im Zusammenhang mit dem Tod von Jason Corbett angeklagt.
Urteil wegen Mordes zweiten Grades
Eine Jury befand beide Angeklagten des Mordes zweiten Grades für schuldig. Sie wurden zu 20 bis 25 Jahren Haft verurteilt.
Neuer Prozess angeordnet
Der North Carolina Supreme Court hob die Verurteilungen von 2017 auf und ordnete unter Verweis auf Verfahrensfehler einen neuen Prozess an.
Geständnisvereinbarungen akzeptiert
Vor dem Davidson County Superior Court gab Molly keine Einwände (no contest) ab, und Thomas bekannte sich des vorsätzlichen Totschlags schuldig; die Anklage wegen Mordes zweiten Grades wurde fallengelassen.
Strafe für vorsätzlichen Totschlag verhängt
Beide Angeklagten wurden zu 51 bis 74 Monaten Haft verurteilt.
Aus der Haft entlassen
Molly Martens Corbett und Thomas Martens wurden nach Verbüßung ihrer Strafe wegen vorsätzlichen Totschlags aus der Haft entlassen.
Die Opfer
Jason Corbett war ein in Irland geborener Geschäftsmann, der mit seinen beiden Kindern aus erster Ehe in die Vereinigten Staaten gezogen war. Nach dem Tod seiner ersten Frau hatte Molly Martens, die ursprünglich als Au-pair für die Kinder eingestellt worden war, eine zentrale Rolle im Familienleben übernommen und Corbett später geheiratet. Die Familie Corbett in Irland setzte sich nach dem gewaltsamen Tod öffentlich für Gerechtigkeit und für die Rückkehr der beiden Kinder nach Irland ein – ein Aspekt, den auch CBS News in einem 48-Hours-Beitrag mit dem Titel „In Jason's Name“ ausführlich beleuchtete.
Ermittlung
Nach dem Notruf in den frühen Morgenstunden des 2. August 2015 nahm das Davidson County Sheriff's Office die Ermittlungen auf. Beide Verdächtigen schilderten den Beamten den Vorfall zunächst als häuslichen Streit, bei dem Thomas Martens seiner Tochter zu Hilfe gekommen sei. Forensische Untersuchungen am Tatort, die Auswertung der mutmaßlichen Tatwaffen sowie die Obduktion des Leichnams lieferten den Ermittlern jedoch Hinweise, die gegen die Selbstverteidigungsversion sprachen.
Im Januar 2016 wurden Molly Martens Corbett und Thomas Martens nach Entsiegelung der Anklageschrift formell angeklagt; eine Grand Jury hatte zuvor hinreichenden Tatverdacht festgestellt. Die Tatsache, dass Thomas Martens als ehemaliger FBI-Agent über umfangreiche Kenntnisse polizeilicher Verfahren verfügte, spielte in der öffentlichen Wahrnehmung eine zentrale Rolle.
Prozess und Urteil
Der erste Strafprozess endete am 9. August 2017 mit einem Schuldspruch wegen Mordes zweiten Grades („second-degree murder“) gegen beide Angeklagte. Sie wurden zu jeweils 20 bis 25 Jahren Haft verurteilt. Die Verteidigung legte umfangreich Rechtsmittel ein und argumentierte unter anderem, das erstinstanzliche Gericht habe bestimmte Beweise und Aussagen der Kinder zu Unrecht ausgeschlossen.
Im März 2021 ordnete der Oberste Gerichtshof von North Carolina eine Neuverhandlung an und hob die Verurteilungen aus dem Jahr 2017 auf. Statt eines erneuten Jury-Prozesses einigten sich Staatsanwaltschaft und Verteidigung schließlich auf eine prozessbeendende Absprache. Ende Oktober und Anfang November 2023 erklärten beide Angeklagten vor dem Davidson County Superior Court ihr Einverständnis: Molly Martens Corbett gab ein „no contest“-Plädoyer ab, Thomas Martens bekannte sich schuldig – jeweils wegen Voluntary Manslaughter (vorsätzlichem Totschlag). Die Anklage wegen Mordes zweiten Grades wurde im Gegenzug fallengelassen. Am 9. November 2023 wurden beide zu jeweils 51 bis 74 Monaten Haft verurteilt. Unter Anrechnung der bereits verbüßten Zeit wurden Molly Martens Corbett und Thomas Martens am 6. Juni 2024 aus der Haft entlassen.
Heute
Der Fall gilt als aufgeklärt und juristisch abgeschlossen. Gleichwohl bleibt er in Irland und in den Vereinigten Staaten ein viel diskutierter Justizfall, vor allem wegen des aus Sicht vieler Hinterbliebener als zu milde empfundenen Strafmaßes nach dem Plea Deal. Die irische Familie Corbett hat sich nach der Entlassung der beiden Verurteilten erneut öffentlich geäußert und die Erinnerung an Jason Corbett hochgehalten. Über die Hintergründe, das Verfahren und die familiären Folgen berichten unter anderem ein YouTube-Dokumentationsbeitrag sowie internationale Nachrichtenmedien. Der Fall steht heute exemplarisch für die Komplexität von Tötungsdelikten im häuslichen Kontext, für die Grenzen einer Berufung auf Notwehr und für die Wechselwirkung zwischen US-amerikanischer und europäischer Medienöffentlichkeit.
Medienberichterstattung
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