Slender Man Stabbing — Messerangriff nach Internet-Mythos
Waukesha, Wisconsin, 2014 – gelöst
Veröffentlicht 5. Juni 2026

Der Fall
Der Slender Man Stabbing ist ein amerikanischer Fall von versuchtem Mord aus dem Jahr 2014, bei dem zwei zwölfjährige Mädchen ihre gleichaltrige Freundin in einem Wald in Waukesha, Wisconsin, mit 19 Messerstichen nahezu töteten, um einer fiktiven Internet-Figur zu dienen. Morgan Geyser und Anissa Weier lockten Payton Leutner nach einer Übernachtungsparty in ein nahegelegenes Waldgebiet und führten einen geplanten Angriff durch, den sie über Monate hinweg entwickelt hatten. Das Motiv – die Mädchen wollten sogenannte "Proxies" des Slender Man werden, einer Horrorgestalt aus Internet-Foren – machte den Fall international bekannt und löste Debatten über den Einfluss digitaler Inhalte auf Jugendliche aus.
Der Fall endete nicht mit Gefängnisstrafen, sondern mit psychiatrischen Unterbringungen: Beide Täterinnen wurden in Jugendgerichtsverfahren für nicht schuldig befunden aufgrund psychischer Erkrankungen und in psychiatrische Einrichtungen eingewiesen. Die Verfahren warfen grundlegende Fragen zur strafrechtlichen Verantwortlichkeit von Kindern mit schweren psychischen Störungen auf.
Das Verbrechen
Am Morgen des 31. Mai 2014 verbrachten Morgan Geyser, Anissa Weier und Payton Leutner Zeit miteinander, nachdem die drei Mädchen die Nacht bei Geyser übernachtet hatten. Was Leutner nicht wusste: Ihre beiden Freundinnen hatten bereits seit Monaten geplant, sie zu töten. Die Polizeiprotokolle dokumentieren, wie sich der Plan mehrfach änderte – ursprünglich sollte der Angriff nachts erfolgen, während Leutner schlief, mit einem Messerangriff auf den Hals. Später entwickelten die Täterinnen den Plan, sie in einer Toilettenkabine eines Parks anzugreifen, "damit das Blut abfließen könnte" und niemand sie dort finden würde.
Zeitlinie
Messerangriff im Davids Park, Waukesha
Am 31. Mai 2014 locken Geyser und Weier Leutner in ein Waldgebiet und stechen 19 Mal auf sie ein. Leutner überlebt und findet Hilfe an einem Fahrradweg.
Geyser und Weier am selben Tag festgenommen
Die Polizei nimmt die beiden 12-jährigen Mädchen noch am Tag des Angriffs fest. Bei der Vernehmung geben sie als Motiv an, Slender Man gefallen zu wollen.
Anissa Weier zu 25 Jahren psychiatrischer Unterbringung verurteilt
Im Dezember 2017 verkündet das Waukesha County Circuit Court das Urteil gegen Weier: nicht schuldig aufgrund von Geisteskrankheit, 25 Jahre Unterbringung in einer psychiatrischen Einrichtung.
Morgan Geyser zu 40 Jahren psychiatrischer Unterbringung verurteilt
Im Februar 2018 wird Geyser vom Waukesha County Circuit Court für nicht schuldig aufgrund von Geisteskrankheit befunden und zu 40 Jahren Unterbringung in einer psychiatrischen Einrichtung verurteilt.
Anissa Weier nach ca. 7 Jahren Unterbringung entlassen
2021 wird Weier nach etwa sieben Jahren aus der psychiatrischen Unterbringung entlassen, unter Auflagen mit fortlaufenden Bedingungen.
Morgan Geyser entlassen – und erneut in Gewahrsam genommen
2025 wird Geyser entlassen, jedoch kurz darauf im Zusammenhang mit einem Vorfall bezüglich elektronischer Fußfessel und Überwachung erneut in Gewahrsam genommen.
Schließlich führten Geyser und Weier Leutner zu einem bewaldeten Bereich im David's Park in Waukesha. Dort forderte Geyser Leutner auf, sich auf den Boden zu legen, angeblich zum Spielen. In diesem Moment stach Geyser mit einem Küchenmesser 19 Mal auf ihr Opfer ein, während Weier zusah und nach eigenen Angaben ermutigte. Leutner erlitt schwere Verletzungen an Armen, Beinen und Rumpf. Einer der Stiche verfehlte eine Hauptarterie nur um einen Millimeter.
Nach dem Angriff ließen die Täterinnen ihr Opfer zurück, um zu sterben. Doch Leutner, obwohl schwer verletzt und blutend, schaffte es, aus dem Wald zu kriechen und auf einen Radweg zu gelangen, wo sie von einem vorbeikommenden Spaziergänger entdeckt wurde. Sie wurde ins Krankenhaus gebracht und überlebte nach Notoperationen.
Die Opfer
Payton Leutner war zum Zeitpunkt des Angriffs zwölf Jahre alt und besuchte die sechste Klasse an derselben Schule wie ihre Angreiferinnen. Sie hatte Morgan Geyser als eine ihrer engsten Freundinnen betrachtet und kannte auch Anissa Weier gut. Die Übernachtung bei Geyser sollte eine Geburtstagsfeier für Geyser sein – ein scheinbar normales Treffen unter Freundinnen.
Die physischen Verletzungen waren lebensbedrohlich: Leutner erlitt Stichverletzungen, die ihre Leber, Bauchspeicheldrüse und ihren Magen durchdrangen. Ärzte beschrieben ihren Zustand als kritisch, und nur ihr Überlebenswille und schnelle medizinische Hilfe retteten ihr Leben. Die psychischen Folgen waren ebenso schwerwiegend. In späteren Interviews beschrieb Leutner, wie sie mit Angststörungen und Vertrauensproblemen zu kämpfen hatte.
Trotz des Traumas zeigte Leutner bemerkenswerte Resilienz. Sie kehrte zur Schule zurück, schloss die High School ab und begann ein Studium. In einem seltenen öffentlichen Statement 2019 erklärte sie, sie wolle nicht als Opfer definiert werden, sondern als Überlebende.
Die Täterinnen und der Slender Man-Mythos
Morgan Geyser und Anissa Weier waren beide zwölf Jahre alt und Klassenkameradinnen von Payton Leutner. Geyser galt als introvertiert und kreativ, mit einem starken Interesse an Horrorgeschichten und Fantasy. Weier wurde als ruhig und oft im Schatten von Geyser stehend beschrieben.
Das zentrale Element des Falls war die Motivation: Die Mädchen glaubten an die Existenz des Slender Man, einer fiktiven Horrorgestalt, die aus einem Internet-Forum namens Creepypasta stammte. Der Slender Man wird in Online-Geschichten als große, gesichtslose Figur in schwarzem Anzug dargestellt, die Kinder verfolgt und entführt. Auf der Website konnten Nutzer ihre eigenen Geschichten über die Figur verfassen.
In Polizeiverhören gaben die Mädchen an, sie hätten geglaubt, durch einen Mord "Proxies" oder Dienerinnen des Slender Man werden zu können. Sie dachten, dies würde sie und ihre Familien vor ihm schützen und ihnen Zugang zu seinem "Herrenhaus" im Nicolet National Forest verschaffen. Die Verhörprotokolle offenbaren eine erschreckende Mischung aus kindlicher Naivität und ernsthafter Überzeugung von der Realität dieser Fiktion.
Ermittlung und Festnahme
Die Polizei von Waukesha reagierte auf den Notruf eines Passanten, der Leutner blutend am Straßenrand gefunden hatte. Leutner war trotz ihrer Verletzungen bei Bewusstsein und konnte den Beamten sagen, wer sie angegriffen hatte: ihre beiden Freundinnen Morgan und Anissa.
Noch am selben Tag, nur wenige Stunden nach dem Angriff, lokalisierte die Polizei Geyser und Weier mehrere Kilometer vom Tatort entfernt, auf einem Highway in Richtung des Nicolet National Forest. Sie trugen einen Rucksack mit Wasserflaschen, einem Messer und anderen Überlebensutensilien. Bei ihrer Festnahme zeigten beide Mädchen laut Polizeiberichten wenig emotionale Reaktion.
In den folgenden Verhören legten beide Mädchen umfassende Geständnisse ab. Die Detectives Casey und Dyer, spezialisiert auf Vernehmungen minderjähriger Verdächtiger, führten detaillierte Interviews, in denen die Mädchen den gesamten Planungsprozess beschrieben – von den ersten Diskussionen über Slender Man bis zur Entscheidung, wann und wie sie Leutner töten würden. Sie schilderten, wie sie das Tatmesser aus Geysers Küche genommen hatten und wie sie nach dem Angriff versuchten, Blut abzuwaschen.
Die wichtigsten Beweismittel waren:
- Das Tatmesser, das bei den Täterinnen gefunden wurde
- Schriftliche und digitale Kommunikation zwischen Geyser und Weier über ihre Pläne
- Die detaillierten Geständnisse in den Polizeiverhören
- Medizinische Beweise von Leutners Verletzungen
Rechtliche Verfahren und psychologische Gutachten
Der Fall stellte das Justizsystem vor erhebliche Herausforderungen. Zunächst wurde gegen beide Mädchen wegen versuchten Mordes ersten Grades Anklage vor einem Erwachsenengericht erhoben – eine Entscheidung, die landesweit Kontroversen auslöste. Kritiker argumentierten, dass zwölfjährige Kinder nicht die gleiche strafrechtliche Verantwortung tragen könnten wie Erwachsene.
Ein Wendepunkt kam mit den psychiatrischen Gutachten. Bei Morgan Geyser diagnostizierten mehrere unabhängige Psychiater eine Frühform von Schizophrenie mit ausgeprägten Wahnvorstellungen. Geyser berichtete von Halluzinationen und Stimmen, die sie bereits vor dem Angriff erlebt hatte. Ihre Ärzte erklärten, sie habe zum Zeitpunkt der Tat nicht zwischen Realität und Fiktion unterscheiden können.
Anissa Weier wurde eine andere Diagnose gestellt: Sie litt an einer wahnhaften Störung, die teilweise durch ihre Beziehung zu Geyser ausgelöst wurde. Psychiater verwendeten den Begriff "shared psychotic disorder" – eine Wahnstörung, die durch engen Kontakt mit einer anderen psychotisch erkrankten Person entsteht.
2017 bekannten sich beide Mädchen schuldig, jedoch unter Berufung auf psychische Erkrankung. Das Berufungsgericht von Wisconsin bestätigte später die Verfahren und die Rechtmäßigkeit der Urteile.
Urteile und Unterbringung
Im August 2017 bekannte sich Anissa Weier des versuchten Totschlags zweiten Grades schuldig und wurde für nicht schuldig befunden aufgrund einer psychischen Erkrankung. Im Dezember 2017 wurde sie zu 25 Jahren in einer psychiatrischen Einrichtung verurteilt, mit der Möglichkeit einer vorzeitigen Entlassung nach regelmäßigen Überprüfungen.
Morgan Geyser folgte im Oktober 2017 mit einem Schuldbekenntnis wegen versuchten Mordes ersten Grades, ebenfalls mit dem Urteil nicht schuldig aufgrund psychischer Erkrankung. Im Februar 2018 wurde sie zu 40 Jahren in einer psychiatrischen Klinik verurteilt. Die Richterin betonte, dass Geyser eine schwerwiegende und anhaltende Gefahr für sich selbst und andere darstelle, solange ihre Schizophrenie nicht unter Kontrolle sei.
Beide Urteile beinhalteten keine traditionellen Haftstrafen, sondern Unterbringung in psychiatrischen Einrichtungen mit intensiver Behandlung. Die Gerichte betonten, dass die Mädchen zum Zeitpunkt der Tat aufgrund ihrer psychischen Erkrankungen nicht vollständig schuldfähig gewesen seien.
Die Urteile stießen auf gemischte Reaktionen. Payton Leutners Familie äußerte Erleichterung, dass die Täterinnen nicht frei herumlaufen würden, kritisierte jedoch, dass 25 bzw. 40 Jahre angesichts der Schwere des Verbrechens möglicherweise zu milde seien. Befürworter der psychischen Gesundheitsversorgung lobten hingegen die Entscheidung, auf Behandlung statt auf Bestrafung zu setzen.
Gesellschaftliche Reaktionen und Medienecho
Der Fall löste eine nationale Debatte über mehrere Themen aus: den Einfluss von Internet-Inhalten auf Kinder, die strafrechtliche Verantwortlichkeit von Minderjährigen mit psychischen Erkrankungen und die Rolle der Eltern bei der Überwachung der Online-Aktivitäten ihrer Kinder.
Creepypasta, die Website, auf der die Slender Man-Geschichten entstanden waren, sah sich massiver Kritik ausgesetzt. Die Seitenbetreiber fügten Warnhinweise hinzu, die klarstellten, dass alle Inhalte Fiktion seien. Psychologen warnten jedoch, dass vulnerable Kinder – insbesondere solche mit psychischen Erkrankungen – Schwierigkeiten haben könnten, Fiktion von Realität zu unterscheiden.
Der Fall wurde Gegenstand zahlreicher Dokumentationen, darunter die HBO-Produktion "Beware the Slenderman" aus dem Jahr 2016, die die Perspektiven der Familien und Experten beleuchtete. Das Crime Museum und andere True-Crime-Plattformen analysierten den Fall als Beispiel für die dunkle Seite der Internet-Kultur.
Heute
Anissa Weier wurde im Juli 2021 nach sieben Jahren aus der Winnebago Mental Health Institute entlassen. Ihre Entlassung erfolgte unter strengen Auflagen: GPS-Überwachung, regelmäßige psychiatrische Untersuchungen, Kontaktverbot zu Morgan Geyser und Payton Leutner sowie Einschränkungen der Internetnutzung. Die Entscheidung wurde von einem Gericht nach mehreren psychiatrischen Gutachten getroffen, die zu dem Schluss kamen, dass sie keine akute Gefahr mehr darstelle.
Morgan Geyser befindet sich weiterhin in psychiatrischer Behandlung. Sie erhält antipsychotische Medikation und intensive Therapie für ihre Schizophrenie. Ihre Anwälte haben mehrfach betont, dass sie erhebliche Fortschritte gemacht habe und Reue für ihre Taten zeige. Eine vorzeitige Entlassung ist jedoch nicht absehbar.
Payton Leutner hat sich weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Sie schloss die High School ab und gab 2019 ein Interview, in dem sie ihre Entschlossenheit betonte, sich nicht von dem Angriff definieren zu lassen. Sie setzte sich für bessere Unterstützung von Verbrechensopfern ein.
Der Fall bleibt ein Lehrstück über die Schnittstelle von Internet-Kultur, psychischer Gesundheit und Jugendkriminalität. Experten verweisen auf ihn als Beispiel dafür, wie wichtig Früherkennung psychischer Erkrankungen bei Kindern ist und welche Rolle Eltern und Schulen bei der Mediation von Online-Inhalten spielen müssen.
Medienberichterstattung
TV series
- Beware the Slenderman(2026)
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