Sture Bergwall: Schwedens falscher Serienmörder
Der Weihnachtsmann-Bankräuber, der 30 Morde gestand – und unschuldig war
Veröffentlicht 6. Juni 2025
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Fakten
Der Bankraub im Weihnachtsmannkostüm
1990 betrat ein Mann im Weihnachtsmannkostüm eine schwedische Bank – nicht um Geschenke zu verteilen, sondern um sie auszurauben. Der Mann hinter der roten Mütze war Sture Ragnar Bergwall, dessen Verhaftung den Beginn einer der größten Justizirrtum in der skandinavischen Rechtsgeschichte markieren sollte.
Was als bizarre Straftat begann, entwickelte sich zu einem Albtraum für das schwedische Justizsystem. Bergwall sollte in den kommenden Jahren zu einem der berüchtigtsten Serienmörder Skandinaviens werden – zumindest auf dem Papier.
Die Geständnisse häufen sich
Während seines Aufenthalts in einer psychiatrischen Klinik begann Bergwall zwischen 1994 und 2001, Morde zu gestehen. Über 30 Tötungsdelikte soll er in Schweden, Norwegen, Dänemark und Finnland begangen haben – angeblich zwischen 1964 und 1993. Für acht dieser Morde wurde er schließlich verurteilt.
Zeitlinie
Bankraub in Grycksbo
Im Dezember 1990 begehen Sture Bergwall und ein Komplize einen maskierten Bankraub in Grycksbo, Schweden. Beide werden unmittelbar danach festgenommen.
Einweisung zur forensisch-psychiatrischen Behandlung
Nach einer forensisch-psychiatrischen Begutachtung wird Bergwall infolge des Raubüberfalls zur forensisch-psychiatrischen Behandlung eingewiesen, anstatt eine reguläre Haftstrafe zu verbüßen.
Erste Mordverurteilung
1994 wird das erste von insgesamt acht Mordurteilen gegen Bergwall von schwedischen Gerichten gefällt, basierend auf seinen eigenen Geständnissen.
Achte und letzte Mordverurteilung
2001 wird das achte Mordurteil gegen Bergwall gefällt, womit er insgesamt wegen acht über mehrere Jahre begangener Morde verurteilt ist.
Svea hovrätt hebt letztes Mordurteil auf
2013 hebt das Svea hovrätt das letzte noch bestehende Mordurteil auf. Damit ist Bergwall vollständig von allen acht Mordvorwürfen freigesprochen.
Bergwall wird entlassen und ist freigesprochen
Nach der Aufhebung sämtlicher Urteile wird Sture Bergwall aus der forensisch-psychiatrischen Betreuung entlassen. Alle Geständnisse werden als falsch und erfunden festgestellt.
In dieser Zeit änderte er seinen Namen von Sture Bergwall in Thomas Quick, unter dem er von 1993 bis 2002 bekannt war. Die schwedischen Medien berichteten ausführlich über den vermeintlichen Serienkiller, der seine grausamen Taten detailreich schilderte.
Risse im Fundament der Anklage
Doch von Anfang an gab es gravierende Probleme mit den Fällen. Die Widersprüche in Bergwalls Aussagen waren kaum zu übersehen:
Das Alibi: Für mindestens einen der Morde hatte Bergwall ein wasserdichtes Alibi. Zum Zeitpunkt der Tat befand er sich über 250 Kilometer entfernt bei einer Konfirmationsfeier mit seiner Familie – belegt durch Fotobeweise.
Die lebenden Opfer: Besonders absurd wurde es, als Bergwall gestand, zwei afrikanische Flüchtlinge in Norwegen ermordet zu haben. Die beiden Männer wurden später quicklebendig aufgefunden.
Die Mordwaffen: Bei mehreren Vernehmungen machte Bergwall falsche Angaben zu den verwendeten Tatwaffen, bevor er schließlich zufällig die richtige erriet.
Trotz dieser offensichtlichen Ungereimtheiten wurden die Verurteilungen ausgesprochen – ein verheerendes Versagen des Justizsystems.
Der Widerruf und die Aufdeckung
2008 zog Bergwall alle seine Geständnisse zurück. Was folgte, war eine juristische Aufarbeitung, die Jahre dauern sollte. Nach und nach wurden alle acht Mordurteile aufgehoben, das letzte im Juli 2013. Bergwall wurde aus der psychiatrischen Klinik entlassen.
Investigative Journalisten und unabhängige Untersuchungen brachten ans Licht, was wirklich geschehen war: Bergwalls Geständnisse waren das Ergebnis manipulativer Therapiemethoden und der Beeinflussung durch seine Psychologin Margit Norell.
Die Kombination aus suggestiven Befragungstechniken, starken Medikamenten und dem Wunsch nach Aufmerksamkeit hatte einen Mann dazu gebracht, Verbrechen zu gestehen, die er nie begangen hatte.
Schwedens größte Justizpanne
Der Fall Sture Bergwall gilt heute als größter Justizirrtum in der schwedischen Rechtsgeschichte. Er wirft fundamentale Fragen auf:
- Wie konnte ein Mann auf Basis von Geständnissen ohne ausreichende physische Beweise verurteilt werden? - Warum wurden offensichtliche Widersprüche und Alibis ignoriert? - Welche Rolle spielten Therapeuten und Ermittler bei der Entstehung falscher Geständnisse?
Der Skandal führte zu einer grundlegenden Debatte über Vernehmungsmethoden, die Zuverlässigkeit von Geständnissen und die Notwendigkeit objektiver Beweise in Strafverfahren. Die Geschichte des falschen Weihnachtsmann-Serienmörders bleibt eine eindringliche Mahnung an die Fehlbarkeit des Justizsystems.
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