
Netflix-Doku über Aileen Wuornos: Opfer des Systems?
Eine neue Netflix-Dokumentarserie stellt die gängige Erzählung über Amerikas bekannteste Serienmörderin auf den Kopf – und fragt, ob Gesellschaft und Behörden mitverantwortlich waren.
Netflix zeigt mit der neuen Dokumentarserie Aileen: Queen of the Serial Killers ein neues Porträt der US-amerikanischen Serienmörderin Aileen Wuornos, die Anfang der 1990er-Jahre in Florida sieben Männer tötete und am 9. Oktober 2002 hingerichtet wurde. Die Serie bricht mit dem Bild der kaltblütigen Psychopathin und zeichnet stattdessen das Bild einer Frau, die durch jahrzehntelange Traumata, Missbrauch und behördliches Versagen geformt wurde.
Wer war Aileen Wuornos?
Aileen Wuornos wurde 1956 im US-Bundesstaat Michigan geboren. Schon ihre früheste Kindheit war geprägt von Gewalt und Vernachlässigung: Als Säugling von ihrer Mutter verlassen, wuchs sie bei ihren Großeltern in einem gewalttätigen Haushalt auf und wurde bereits als Kind sexuell missbraucht. Lange bevor sie jene Taten beging, die sie weltberühmt machen sollten, hatte das System sie bereits unzählige Male im Stich gelassen.
In den Jahren 1989 und 1990 erschoss Wuornos sieben Männer an Straßenrändern in Florida, während sie als Prostituierte arbeitete. Sie bestand bis zuletzt darauf, dass alle Tötungen Notwehr gewesen seien – die Männer hätten versucht, sie zu vergewaltigen oder ihr anderweitig Gewalt anzutun. Die Justiz glaubte ihr nicht. Sie wurde in sechs Fällen für schuldig befunden und sechsmal zum Tode verurteilt.
2002 bat Wuornos selbst darum, die Hinrichtung zu beschleunigen, und verzichtete auf weitere Einsprüche. Am 9. Oktober 2002 wurde sie im Florida State Prison per Giftspritze hingerichtet. Sie war 46 Jahre alt.
Todesstrafe USA
Was argumentiert die Dokumentarserie?
Die Netflix-Serie reiht sich in eine wachsende Tradition von True-Crime-Dokumentationen ein, die eine zentrale Frage stellen: Was macht einen Menschen zum Mörder? Anstatt Wuornos als Ausnahmeerscheinung – als jemanden, der von Natur aus böse war – zu behandeln, untersucht die Serie die konkreten sozialen und psychologischen Mechanismen, die sie prägten.
Anhand von Interviews, Archivmaterial und Expertenanalysen entsteht das Bild einer Frau, die nie Schutz, Sicherheit oder Fürsorge durch jene Institutionen erfahren hat, die ihr eigentlich hätten helfen sollen. Als Teenagerin obdachlos, in jungen Jahren zur Prostitution gezwungen, immer wieder Opfer von Gewalt – ihr Weg zu den Morden erscheint in diesem Kontext nicht als Ausdruck angeborener Psychopathie, sondern als Folge eines Lebens ohne Alternativen.
Diese Sichtweise ist nicht unumstritten. Kritiker werden darauf hinweisen, dass ein auf Traumata gestützter Erklärungsansatz nicht darüber hinwegtäuschen darf, dass sieben Menschen ihr Leben verloren. Doch die Dokumentation besteht darauf, dass beides gleichzeitig wahr sein kann: dass Wuornos tötete – und dass die Gesellschaft eine Mitverantwortung dafür trägt, die Bedingungen geschaffen zu haben, die dazu führten.
Weibliche Serienmörderinnen
Warum ist der Fall heute noch relevant?
Aileen Wuornos gehört zu den meistdiskutierten Serienmörderinnen der amerikanischen Kriminalgeschichte. Charlize Theron gewann 2004 den Oscar als beste Hauptdarstellerin für ihre Darstellung von Wuornos in dem Spielfilm Monster (2003), zahlreiche Bücher, Dokumentationen und Podcasts haben den Fall seither aufgegriffen.
Das Interesse ist ungebrochen. Für ein Publikum, das sich zunehmend für strukturelle Erklärungen von Kriminalität interessiert – und das die Frage stellt, welche Rolle Armut, Gewalt und staatliches Versagen bei der Entstehung von Verbrechen spielen – bleibt Wuornos' Geschichte von brennender Aktualität. Die Netflix-Serie liefert dazu keine einfachen Antworten, aber sie stellt die richtigen unbequemen Fragen.
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