Der Fall Chol Soo Lee — Justizirrtum in San Francisco
Ein junger koreanisch-amerikanischer Einwanderer verbrachte zehn Jahre unschuldig im Gefängnis — verurteilt für einen Mord in San Franciscos Chinatown, den er nie begangen hatte.
Veröffentlicht 2. Juni 2026

Fakten
Der Fall in Kürze
Chol Soo Lee (1952–2014), ein junger koreanisch-amerikanischer Einwanderer, wurde 1974 in San Francisco für einen Mord verurteilt, den er nachweislich nicht begangen hatte. Die Grundlage der Verurteilung: drei weiße Touristen, die ihn auf einem Foto identifizierten — und dabei kaum in der Lage waren, asiatische Gesichter voneinander zu unterscheiden. Erst nach zehn Jahren Haft, einer weiteren Todesstrafe wegen eines Gefängnismordes und einer massiven Bürgerkampagne wurde Lee 1983 freigesprochen. Sein Fall gilt heute als einer der bekanntesten Justizirrtum der US-amerikanischen Geschichte und als Wendepunkt für die asiatisch-amerikanische Bürgerrechtsbewegung.
Die Tat in Chinatown
Am 3. Juni 1973 wurde der chinesisch-amerikanische Bandenchef Yip Yee Tak am helllichten Tag an der Ecke Pacific Avenue und Grant Avenue im Herzen von San Franciscos Chinatown erschossen. Der Mord trug alle Merkmale einer internen Abrechnung: Im Viertel herrschte seit Jahren ein blutiger Territorialkampf zwischen rivalisierenden Tongs und Jugendbanden, in dem Spielbetrieb und Einfluss auf dem Spiel standen.
Die Polizei von San Francisco stand unter erheblichem Druck, rasch einen Täter zu präsentieren. Innerhalb weniger Tage geriet der damals 20-jährige Chol Soo Lee ins Visier der Ermittler. Lee war bereits aktenkundig und galt als leichtes Ziel — obwohl er keinerlei Verbindung zu den chinesischen Straßenbanden in Chinatown hatte. Einwohner des Viertels wussten, dass der eigentliche Täter sehr wahrscheinlich einem der lokalen Bruderschaften angehörte.
Zeitlinie
Schießerei in Chinatown
Yip Yee Tak, ein Bandenchef aus Chinatown, wird am helllichten Tag in der Nähe der Pacific Avenue und Grant Avenue in San Franciscos Chinatown erschossen.
Verurteilung wegen Mordes
Lee wird im Alter von 21 Jahren für den Chinatown-Mord verurteilt und auf Grundlage zweifelhafter Zeugenaussagen zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt.
Todesstrafe verhängt
Lee wird für die Gefängnistötung verurteilt und zum Tode verurteilt — er wird in den Todestrakt Kaliforniens verlegt.
Jury spricht Chol Soo Lee vom Chinatown-Mord frei
Am 3. September 1982 sprach eine Jury am San Francisco County Superior Court Chol Soo Lee vom Mord an Yip Yee Tak frei. Der Freispruch kam nach jahrelangem aktivistischem und juristischem Einsatz.
Todesstrafe aufgehoben
Der California Court of Appeal hebt Lees Todesstrafe im Gefängnisfall auf und verweist dabei auf fehlerhafte Geschworenenanweisungen sowie unzulässige Aussagen vom Hörensagen.
Chol Soo Lee aus der Haft entlassen
1983, nach der Aufhebung des Strafurteils, wurde Chol Soo Lee aus der Haft entlassen. Er hatte mehrere Jahre hinter Gittern verbracht, darunter Zeit in der Todeszelle.
Verurteilung auf Basis zweifelhafter Zeugenaussagen
1974 wurde Chol Soo Lee für den Mord an Yip Yee Tak zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Anklage stützte sich dabei fast ausschließlich auf die Aussagen dreier weißer Touristen, die sich zum Tatzeitpunkt in der Nähe aufgehalten hatten und Lee auf einem Foto wiedererkannt haben wollten. Verteidigung und spätere Journalisten konnten jedoch nachweisen, dass die Zeugen faktisch nicht in der Lage gewesen waren, asiatische Gesichter zuverlässig voneinander zu unterscheiden — ein klassisches Beispiel für das in der Rechtspsychologie bekannte Phänomen des Own-Race-Bias, also der eingeschränkten Fähigkeit von Menschen, Gesichter anderer ethnischer Gruppen zu unterscheiden.
Noch schwerwiegender war ein weiterer Befund: Nach späteren Gerichtsentscheidungen hatte die Staatsanwaltschaft entscheidendes Beweismaterial zurückgehalten — darunter Polizeiberichte, die eindeutig darauf hindeuteten, dass der Täter ein chinesisches Bandenmitglied gewesen sein musste, kein koreanisch-amerikanischer Außenseiter.
Ein weiterer Tod hinter Gittern
Während seiner Haft geriet Lee erneut in einen tödlichen Zwischenfall. Am 8. Oktober 1977 tötete er in einem Gefängnishof Morrison Needham, ein Mitglied der berüchtigten weißen Gefängnisbande Aryan Brotherhood. Lee bestand darauf, in Notwehr gehandelt zu haben — als Reaktion auf einen geplanten Angriff durch die Bande, deren gewaltsame Übergriffe auf nicht-weiße Gefangene im kalifornischen Strafvollzug der späten 1970er-Jahre gut dokumentiert waren. 1979 wurde Lee dennoch zum Tode verurteilt und in den Todestrakt des Staates Kalifornien verlegt.
Der Journalist, der alles veränderte
Den Wendepunkt brachte der koreanisch-amerikanische Journalist K.W. Lee, der 1977 für die Sacramento Union begann, den Fall systematisch zu untersuchen. Seine investigative Artikelserie legte die Schwächen der Zeugenaussagen und das zurückgehaltene Beweismaterial offen und löste eine breite öffentliche Diskussion über Rassismus im amerikanischen Strafjustizsystem aus. Die Kampagne zur Befreiung Chol Soo Lees wuchs zu einer pan-asiatisch-amerikanischen Bewegung heran, die Gemeinschaften aus Korea, China, Japan und den Philippinen zusammenbrachte.
Freispruch und Freilassung
Am 2. September 1982 sprach eine Jury des San Francisco County Superior Court Chol Soo Lee vom Chinatown-Mord frei. Ausschlaggebend waren der Nachweis staatsanwaltschaftlichen Fehlverhaltens sowie die grundsätzlich erschütterte Glaubwürdigkeit der ursprünglichen Zeugenidentifikationen. Am 14. Januar 1983 hob der California Court of Appeal außerdem die Todesstrafe im Gefängnisfall auf — unter Hinweis auf fehlerhafte Geschworenenanweisungen und unzulässige Aussagen vom Hörensagen.
Chol Soo Lee wurde freigelassen. Er hatte mehr als zehn Jahre seines Lebens im Gefängnis verbracht, davon mehrere Jahre im Todestrakt.
Nachwirkung und Vermächtnis
Chol Soo Lee starb am 2. Dezember 2014 im Alter von 62 Jahren. Sein Fall hatte das öffentliche Bewusstsein für strukturellen Rassismus in der amerikanischen Strafjustiz dauerhaft verändert und die asiatisch-amerikanische Gemeinschaft politisch mobilisiert wie kaum ein anderes Ereignis zuvor. 2022 erschien der Dokumentarfilm „Free Chol Soo Lee“, der den Fall und seine gesellschaftliche Bedeutung für eine neue Generation aufarbeitete.
Die Fälle von unterdrücktem Beweismaterial und voreingenommener Zeugenidentifikation, die den Fall prägten, werden bis heute in der rechtswissenschaftlichen Debatte über Fehlurteile zitiert.
Medienberichterstattung
TV series
- Free Chol Soo Lee(2026)
Zu diesem Fall fragen
Antworten nur aus der Berichterstattung von KrimiNytDiesem Fall folgen
Erhalte eine E-Mail, wenn eine neue Doku, ein Podcast oder ein Buch zu Der Fall Chol Soo Lee — Justizirrtum in San Francisco erscheint oder ein Urteil fällt.

