Der Fall Billy Milligan — Freispruch wegen multipler Persönlichkeit
Columbus, Ohio, 1977 — gelöster Fall mit historischem Urteilsspruch wegen Unzurechnungsfähigkeit
Veröffentlicht 2. Juni 2026

Falldetails
Quick Facts
Klassifizierung:
Der Fall
Der Fall Billy Milligan zählt zu den bekanntesten und juristisch folgenreichsten Strafverfahren der späten 1970er-Jahre in den Vereinigten Staaten. Im Zentrum steht William Stanley Milligan, geboren am 14. Februar 1955, der im Oktober 1977 im Alter von 22 Jahren wegen Entführung, Raub und Vergewaltigung dreier Studentinnen der Ohio State University in Columbus, Ohio, festgenommen wurde. Am 4. Dezember 1978 sprach ein Gericht in Ohio Milligan in einem wegweisenden Urteil nicht schuldig wegen Unzurechnungsfähigkeit — es war das erste Mal in der US-amerikanischen Rechtsgeschichte, dass ein Angeklagter aufgrund einer diagnostizierten dissoziativen Identitätsstörung (damals als multiple Persönlichkeitsstörung bezeichnet) von schweren Straftaten freigesprochen wurde.
Der Fall gilt als gelöst und nicht als Cold Case: Der Täter wurde identifiziert, festgenommen, angeklagt und rechtskräftig abgeurteilt. Spätere Spekulationen über eine mögliche Verwicklung Milligans in weitere Tötungsdelikte blieben in den verfügbaren Quellen unbelegt.
Das Verbrechen
Im Oktober 1977 ereigneten sich auf oder in unmittelbarer Nähe des Campus der Ohio State University mehrere schwere Übergriffe auf junge Frauen. Drei Studentinnen wurden entführt, an abgelegene Orte verbracht, beraubt und vergewaltigt. Die Polizei verband die Taten rasch miteinander, da Modus Operandi und Tatorte auffällige Parallelen aufwiesen.
Zeitlinie
Milligan geboren
William Stanley Milligan wird geboren; er sollte später im Zentrum eines der bekanntesten Unzurechnungsfähigkeitsverfahren der amerikanischen Rechtsgeschichte stehen.
Übergriffe auf dem OSU-Campus
Drei Studentinnen der Ohio State University werden in der Nähe des OSU-Campus in Columbus, Ohio, entführt, beraubt und vergewaltigt.
Festnahme
Milligan, 22, wird im Zusammenhang mit den Übergriffen auf dem OSU-Campus festgenommen. Ein Polizeibeamter berichtete später, es habe sich während des Transports angefühlt, als 'spreche man zu verschiedenen Zeiten mit verschiedenen Menschen'.
Psychiatrische Untersuchungen beginnen
Mehrere Fachleute für psychische Gesundheit untersuchen Milligan und dokumentieren, was sie als mehrere unterschiedliche Persönlichkeiten beschreiben, darunter 'Ragen' und 'Adalana'.
Nicht schuldig wegen Unzurechnungsfähigkeit
Ein Gericht in Ohio spricht Milligan in den Anklagepunkten Entführung, Raub und Vergewaltigung wegen Unzurechnungsfähigkeit für nicht schuldig — der erste bedeutende US-Fall, in dem eine dissoziative Identitätsstörung erfolgreich als Verteidigung genutzt wurde.
Einweisung zur psychiatrischen Behandlung
Anstelle einer Gefängnisstrafe wird Milligan zur Behandlung in das Athens Mental Health Center eingewiesen.
Netflix-Dokumentarserie veröffentlicht
Netflix veröffentlicht 'Monsters Inside: The 24 Faces of Billy Milligan', was die öffentliche Debatte über die Diagnose und das Urteil erneut entfacht.
Die Verteidigung Milligans entwickelte später eine ungewöhnliche Erklärung für die Abläufe: Nicht Milligan selbst, sondern verschiedene alternative Identitäten seien für die Verbrechen verantwortlich gewesen. Konkret schrieb die Verteidigung die Raubüberfälle einer Persönlichkeit namens Ragen zu, während die Entführungen und sexuellen Übergriffe einer Persönlichkeit mit dem Namen Adalana zugeschrieben wurden. Insgesamt sollen bei Milligan 24 verschiedene Persönlichkeiten dokumentiert worden sein.
Die Opfer
Die drei Opfer waren Studentinnen der Ohio State University in Columbus. Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes wurden ihre Namen in den verfügbaren Quellen nicht veröffentlicht; auch Alter und biografische Details sind nicht detailliert dokumentiert. Bekannt ist, dass die Frauen den Campus oder dessen unmittelbares Umfeld nutzten, als sie von Milligan überwältigt wurden. Die Übergriffe lösten an der Universität und in der Stadt Columbus erhebliche Verunsicherung aus und führten zu einer verstärkten Polizeipräsenz auf dem Campus.
Ermittlung
Die Ermittlungen führten innerhalb weniger Wochen zur Identifizierung Milligans, der bereits zuvor durch andere Straftaten — darunter bewaffneter Raub — polizeilich auffällig geworden war. Nach seiner Festnahme im Oktober 1977 fiel den beteiligten Beamten bereits auf dem Weg zur Polizeiwache ein höchst ungewöhnliches Verhalten auf. Ein Polizist der OSU schilderte später, es habe sich angefühlt, als spreche er „zu unterschiedlichen Zeiten mit verschiedenen Personen“ — eine Beobachtung, die der späteren psychiatrischen Untersuchung den Weg ebnete.
In der Folge wurde Milligan von mehreren unabhängigen Psychiatern und Psychologen begutachtet. Die zentralen Beweismittel im Verfahren waren weniger klassische forensische Spuren als vielmehr die psychiatrischen Gutachten, die übereinstimmend eine schwere dissoziative Identitätsstörung diagnostizierten. Die Gutachter führten die Störung auf massive Misshandlungserfahrungen in Milligans Kindheit zurück.
Prozess und Urteil
Der Prozess gegen Milligan fand 1978 vor einem Strafgericht in Ohio statt. Die Anklage umfasste mehrere schwere Delikte, darunter Entführung, Raub und Vergewaltigung. Die Verteidigung stützte sich vollständig auf die psychiatrische Diagnose und argumentierte, Milligan habe zum Tatzeitpunkt nicht über die Kontrolle über sein Handeln verfügt, da andere Persönlichkeiten den Körper „bewohnt“ hätten.
Am 4. Dezember 1978 entschied das Gericht zugunsten der Verteidigung und sprach Milligan nicht schuldig wegen Unzurechnungsfähigkeit. Statt einer Haftstrafe wurde er zur psychiatrischen Behandlung in das Athens Mental Health Center eingewiesen. Der Fall gilt seither als juristischer Präzedenzfall in den USA für die Anerkennung der dissoziativen Identitätsstörung als strafrechtlich relevante Schuldunfähigkeit und wird bis heute in rechtswissenschaftlichen und psychologischen Fachpublikationen diskutiert.
Heute
Milligan verbrachte die folgenden Jahre in unterschiedlichen psychiatrischen Einrichtungen und wurde Ende der 1980er-Jahre schließlich entlassen. Sein Fall wurde durch das Buch Die Leben des Billy Milligan (Originaltitel: The Minds of Billy Milligan) des Autors Daniel Keyes international bekannt. 2021 veröffentlichte Netflix die vierteilige Dokumentarserie *Monsters Inside: The 24 Faces of Billy Milligan*, die eine neue Generation mit dem Fall vertraut machte und auch kritische Stimmen zu Wort kommen ließ, die die Echtheit der diagnostizierten Persönlichkeitsspaltung bis heute in Frage stellen.
William Stanley Milligan starb 2014 an Krebs. Sein Fall bleibt einer der am intensivsten diskutierten Schnittpunkte zwischen Strafrecht und klinischer Psychologie — sowohl wegen der schwerwiegenden Taten als auch wegen des bis heute kontroversen Urteils.
Medienberichterstattung
TV series
- Monsters Inside: The 24 Faces of Billy Milligan(2026)
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