Eric C. Conn — größter Sozialversicherungsbetrug der US-Geschichte
Pikeville, Kentucky, 2004–2017 — Anwalt verurteilt, mehrere Komplizen abgeurteilt
Veröffentlicht 2. Juni 2026

Fakten
Der Fall
Der Fall Eric C. Conn gilt nach Angaben des US-Justizministeriums als der größte Betrugsfall in der Geschichte des Sozialversicherungsprogramms der Vereinigten Staaten. Im Zentrum steht der Anwalt Eric Christopher Conn aus Pikeville, Kentucky, der sich selbst als „Mr. Social Security“ vermarktete und über mehr als ein Jahrzehnt ein systematisches Schema zur Erschleichung von Invaliditätsleistungen betrieb. Anders als bei klassischen Gewaltdelikten gibt es kein einzelnes Opfer: Geschädigt wurden die US-Bundesregierung, die Steuerzahler sowie tausende meist einkommensschwache Antragsteller aus den Appalachen, deren Verfahren später überprüft und teilweise ausgesetzt wurden.
Das Verbrechen
Conn betrieb seine Kanzlei in Pikeville, einer kleinen Stadt im strukturschwachen Osten Kentuckys, und spezialisierte sich auf Sozialversicherungsrecht. Zwischen Oktober 2004 und mindestens April 2016 reichte er nach Erkenntnissen der Ermittler tausende gefälschte oder manipulierte medizinische Gutachten ein, um Mandanten Invaliditätsrenten zu verschaffen. Kernstück des Schemas war die Zusammenarbeit mit dem Verwaltungsrichter David Black Daugherty am Sozialversicherungsgericht in Huntington, West Virginia. Daugherty erhielt von Conn nach Feststellungen der Anklagebehörde rund 10.000 US-Dollar monatlich als Bestechung und genehmigte im Gegenzug nahezu alle ihm zugespielten Anträge — oft ohne Anhörung der Antragsteller.
Zum Schema gehörten ferner gefälschte psychologische und körperliche Gutachten. Der Psychologe Alfred Bradley Adkins unterzeichnete standardisierte Bewertungen psychischer Beeinträchtigungen, ohne die Patienten tatsächlich seriös zu untersuchen. Auch weitere Ärzte stellten gegen Pauschalzahlungen vorgefertigte Befunde aus. Der Gesamtschaden für die Sozialversicherung wurde später auf rund 550 Millionen US-Dollar geschätzt.
Zeitlinie
Conn bekennt sich schuldig
Am 24. März 2017 bekannte sich Eric Conn beim U.S. District Court for the Eastern District of Kentucky des Diebstahls staatlicher Mittel und der Zahlung unrechtmäßiger Vergünstigungen schuldig.
Conn flieht aus den USA
Im Juni 2017, vor Antritt der Haftstrafe, floh Conn aus den USA und entzog sich damit vorübergehend dem Justizsystem.
Erstes Urteil: 12 Jahre Haft
Am 12. Juli 2017 verurteilte der Bundesrichter Danny C. Reeves Conn wegen der bereits eingestandenen Taten zu 12 Jahren Haft — das Urteil erging, während Conn noch auf der Flucht war.
Conn in Honduras gefasst
Im Dezember 2017 wurde Conn in Honduras gefasst und anschließend an die US-Behörden ausgeliefert.
Neues Urteil: weitere 15 Jahre Haft
Am 4. Juni 2018 wurde Conn der Verschwörung zum Betrug der USA, der Flucht vor der Inhaftierung und der Rache an einem Informanten für schuldig befunden. Richter Reeves verurteilte ihn zu 15 zusätzlichen Jahren — Gesamtstrafe: 27 Jahre.
Die Opfer
Neben dem fiskalischen Schaden für die Allgemeinheit traf der Fall besonders hart die Mandanten Conns selbst. Nachdem die Manipulationen aufflogen, leitete die Sozialversicherungsbehörde Überprüfungsverfahren ein. Hunderte Bezieher in Ost-Kentucky und West Virginia verloren — teilweise zu Unrecht, da sie selbst nichts vom Betrug wussten — vorübergehend ihre Leistungen. Berichte über Suizide und schwere wirtschaftliche Not unter den betroffenen Familien belasteten die Region zusätzlich. Die Anwaltskanzlei Appalred Legal Aid übernahm in der Folge zahlreiche dieser Mandanten kostenlos, um deren Ansprüche neu zu prüfen.
Ermittlung
Erste Hinweise auf das System lieferten Whistleblower innerhalb der Sozialversicherungsbehörde, darunter Mitarbeiter in Huntington, die Daughertys auffällig hohe Bewilligungsquote bei Conns Mandanten bemerkten. Eine Untersuchung des US-Senatsausschusses sowie Recherchen des Wall Street Journal brachten ab 2011 immer mehr Details ans Licht. Anschließend ermittelten das FBI, das Office of Inspector General der Sozialversicherungsbehörde und die Bundesstaatsanwaltschaft im Eastern District of Kentucky parallel. Eine juristische Aufarbeitung im Kentucky Law Journal zeichnet die strukturellen Schwächen nach, die das jahrelange Vorgehen ermöglichten.
Prozess und Urteil
Im April 2016 erhob die Bundesstaatsanwaltschaft Anklage. Conn bekannte sich im März 2017 zunächst in zwei Anklagepunkten schuldig — Verschwörung zum Betrug der Vereinigten Staaten und Zahlung illegaler Gratifikationen. Bevor das Strafmaß verkündet werden konnte, entfernte er Anfang Juni 2017 seine elektronische Fußfessel und floh über Mexiko nach Honduras. Im Dezember 2017 wurde er dort festgenommen und in die USA ausgeliefert.
Im September 2018 wurde Conn zu insgesamt 15 Jahren Bundeshaft verurteilt; hinzu kamen Anklagepunkte wegen Fluchtverschwörung und Vergeltung gegen einen Informanten. Daugherty erhielt eine vierjährige Haftstrafe, Adkins wurde zu 25 Jahren verurteilt. Eine eingehende Analyse der Verfahren zeichnet die juristische und sozialpolitische Dimension des Falls nach.
Heute
Der Fall führte zu Reformen bei der Sozialversicherungsbehörde, insbesondere bei der Überprüfung von Massenanträgen einzelner Anwaltskanzleien. Gleichzeitig kämpfen zahlreiche frühere Mandanten Conns bis heute um die Wiederherstellung ihrer Leistungen. Die Geschichte wurde 2022 in der Apple-TV-Dokumentationsserie „The Big Conn“ verarbeitet, die sowohl das Schema als auch die Folgen für die betroffene Region beleuchtet. Zusätzliche Hintergrundinformationen zur Aufarbeitung der Auswirkungen auf einzelne Bezieher finden sich in einer Analyse der Senior Citizens League sowie in einer ausführlichen Dokumentation auf YouTube. Conn verbüßt seine Haftstrafe in einer US-Bundeshaftanstalt; eine Entlassung ist nach derzeitigem Stand erst Ende der 2020er Jahre möglich.
Medienberichterstattung
TV series
- The Big Conn(2026)
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