Fritz Haarmann — Der Vampir von Hannover
Wie ein Polizeispitzel zwischen 1918 und 1924 mindestens 24 junge Männer ermordete
Veröffentlicht 7. Mai 2026

Fakten
Der Schlachterlehrling, der zum Massenmörder wurde
Fritz Heinrich Karl Haarmann ermordete zwischen September 1918 und Juni 1924 in Hannover mindestens 24 junge Männer, indem er ihnen in die Kehle biss und ihre Leichen zerstückelte. Der am 25. Oktober 1879 geborene ehemalige Schlachterlehrling nutzte seine Position als Polizeispitzel, um sich dem Zugriff der Behörden zu entziehen, während er am Hauptbahnhof Hannover gezielt obdachlose Jungen ansprach und in seine Wohnung in der Cellerstraße 4 lockte.
Haarmann war kein Unbekannter für die Justiz. Bereits vor seinen Mordtaten hatte er Vorstrafen wegen Diebstahls, Betrugs und sexueller Übergriffe auf Jungen gesammelt. In der wirtschaftlich chaotischen Nachkriegszeit der Weimarer Republik betrieb er einen Schwarzmarkthandel und verkaufte Kleidungsstücke seiner Opfer sowie angebliches "Schweinefleisch" – das nach späteren Ermittlungen menschliches Fleisch gewesen sein soll. Die paradoxe Doppelrolle als Krimineller und Polizeiinformant ermöglichte es ihm, jahrelang unentdeckt zu bleiben.
Die Opfer: Vergessene Jungen der Nachkriegszeit
Die Opfer Haarmanns stammten fast ausschließlich aus den gesellschaftlichen Randgruppen der Weimarer Republik. Junge Männer zwischen 14 und 25 Jahren, die obdachlos waren oder zur homosexuellen Subkultur Hannovers gehörten, wurden systematisch angelockt. Zu den identifizierten Opfern gehörten Friedrich Abeling (17, verschwunden am 25. Oktober 1923), Heinrich Schünemann (18, verschwunden am 23. November 1923), Paul Bronze (17) und der erst 15-jährige Karl Fromm.
Zeitlinie
Die ersten Morde in Hannover begangen
Fritz Haarmann beginnt im Laufe des Jahres 1918 eine Serie von Morden an Jungen und jungen Männern in Hannover. Das genaue erste Opfer ist auf Jahresebene nicht bekannt.
Mordserie endet im Sommer 1924
Der verifizierte Zeitraum der Morde erstreckt sich bis Juni 1924, danach werden Haarmanns Verbrechen durch seine Verhaftung beendet.
Urteil: schuldig in 24 Fällen — Todesstrafe
Am 19. Dezember 1924 spricht das Schwurgericht beim Landgericht Hannover Fritz Haarmann in 24 Fällen des Mordes schuldig und verhängt die Todesstrafe.
Fritz Haarmann in Hannover hingerichtet
Am 15. April 1925 wird Fritz Haarmann in Hannover durch Enthauptung mit dem Fallbeil hingerichtet. Der Fall ist damit rechtlich abgeschlossen.
Das Täterprofil eines Serienmörder zeigt, dass Haarmann seine Opfer gezielt am Hauptbahnhof Hannover aussuchte – einem Ort, an dem viele junge Menschen auf der Suche nach Arbeit oder Unterkunft ankamen. Die soziale Unsichtbarkeit dieser Jungen machte sie zu idealen Opfern: Viele wurden nicht vermisst gemeldet, ihre Familien hatten den Kontakt verloren oder waren selbst verarmt.
Insgesamt wurde Haarmann für 24 Morde verurteilt, gestand jedoch 27 Tötungen. Ermittler vermuteten mindestens zehn weitere Opfer, die nie gerichtlich bestätigt wurden.
Die Ermittlung: Knochen in der Leine
Der Durchbruch kam im Mai 1924, als Passanten in der Leine, dem Fluss durch Hannover, über 500 Knochen und mehrere Schädel entdeckten. Forensische Untersuchungen ergaben, dass die Überreste von mindestens zehn jungen Männern stammten. Zeugenaussagen und Hinweise führten die Ermittler unter Kriminalkommissar Bernhard Wehner zur Wohnung in der Cellerstraße 4.
Bei der Hausdurchsuchung am 17. Juni 1924 fanden die Ermittler Blutflecken im Keller, Fleischreste und kompromittierende Beweise. Besonders belastend war eine Jacke, die Haarmanns Partner Hans Grans (23) gehörte und blutige Knochenreste enthielt. Unter dem Druck der Beweise legte Haarmann noch am selben Tag ein umfassendes Geständnis ab.
In seinen Aussagen beschrieb er detailliert, wie er seine Opfer durch Bisse in die Kehle tötete – eine Methode, die ihm später den Beinamen "Vampir von Hannover" einbrachte. Er führte die Polizei zu weiteren Verstecken und gab an, die Leichen zerstückelt und teilweise verkauft zu haben.
Das Urteil: Schuldspruch in 24 Fällen
Vom 6. bis 19. Dezember 1924 fand vor dem Landgericht Hannover unter Vorsitz von Richter Johannes Murray einer der spektakulärsten Prozesse der Weimarer Republik statt. Am 19. Dezember 1924 wurde Haarmann in 24 Fällen des Mordes nach Paragraph 211 StGB schuldig gesprochen und zum Tode durch das Beil verurteilt. Das Gericht urteilte: "Die Taten sind von unvorstellbarer Grausamkeit; Haarmann mordete aus niedrigen Trieben und zum Fleischangebot."
Hans Grans wurde wegen Beihilfe zum Mord in einem Fall zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt. Dreizehn weitere Angeklagte, die vom Schwarzmarktgeschäft profitiert hatten, wurden freigesprochen oder erhielten leichte Strafen.
Am 15. April 1925 um 7:57 Uhr wurde Fritz Haarmann durch Scharfrichter Heinrich Balzer in Hannover enthauptet.
Auswirkungen: Medienhysterie und Justizreformen
Der Fall Haarmann markierte einen Wendepunkt in der deutschen Kriminalgeschichte und Medienberichterstattung. Zeitungen wie das Berliner Tageblatt berichteten sensationalistisch vom "Vampir von Hannover" und lösten eine Massenhysterie aus. Über 100.000 Menschen besuchten den Tatort in der Cellerstraße – es war der erste große Medienhype um einen Serienmord in Deutschland und prägte den Tabloid-Journalismus nachhaltig.
Die Justiz reagierte mit Reformen: Der Fall beschleunigte die Einführung strengerer Sexualstrafgesetze, darunter die Erweiterung des Paragraphen 175 StGB gegen Homosexualität im Jahr 1929. Reichsjustizminister Gustav Radbruch kommentierte 1924: "Der Fall zeigt Abgründe der Nachkriegszeit; Justiz muss effizienter werden."
In Hannover führte der Fall zu grundlegenden Polizeireformen, insbesondere zu einer verbesserten Vermisstenfahndung. Die psychiatrische Debatte, ob Haarmann als "geisteskrank" zu betrachten sei, wurde vom Gericht abgelehnt – er galt als voll schuldfähig.
Der Fall Fritz Haarmann bleibt bis heute einer der schwersten Serienmorde der deutschen Geschichte und ein düsteres Symbol für die sozialen Verwerfungen der Weimarer Republik.
Medienberichterstattung
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- Fritz Haarmann: Der Vampir von Hannover(2026)
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