Paul Ogorzow: Der S-Bahn-Mörder von Berlin
Wie ein Reichsbahn-Mitarbeiter die Kriegsverdunkelung für eine Mordserie nutzte
Veröffentlicht 4. Mai 2026

Falldetails
Quick Facts
Klassifizierung:
Fakten
Paul Ogorzow ermordete zwischen September 1940 und Juli 1941 mindestens acht Frauen in Berlin. Der Reichsbahn-Mitarbeiter nutzte die kriegsbedingte Verdunkelung der Stadt aus, um Frauen in der S-Bahn und in der Nähe des Bahnhofs Rummelsburg anzugreifen – und wurde damit zu einem der brutalsten Serienmörder der deutschen Geschichte.
Doppelleben eines Parteimitglieds
Ogorzow wurde 1912 in Ostpreußen geboren und zog später nach Berlin, wo er als Hilfsarbeiter bei der Deutschen Reichsbahn arbeitete. Er war überzeugter Nationalsozialist: 1931 trat er der NSDAP bei, 1932 der SA. Hinter dieser politischen Loyalität verbarg sich ein Doppelleben. Seine Opfer waren ausschließlich Frauen, die er nachts in verdunkelten S-Bahn-Abteilen oder in der Nähe seiner Arbeitsstätte überfiel.
Brutalität unter dem Schutz der Dunkelheit
Die Mordserie begann im September 1940. Ogorzow schlug seine Opfer mit einem Bleikabel oder anderen stumpfen Gegenständen nieder, vergewaltigte sie und warf sie anschließend aus dem fahrenden Zug. Mindestens acht Frauen starben, zahlreiche weitere überlebten schwer verletzt. Unter den Opfern waren Arbeiterinnen, Hausfrauen und junge Frauen, die spätabends von der Arbeit nach Hause fuhren.
Zeitlinie
Eintritt in die NSDAP
Paul Ogorzow trat der nationalsozialistischen Partei NSDAP bei und demonstrierte damit seine politische Loyalität gegenüber dem Regime.
Mitglied der SA
Ogorzow wurde Mitglied der SA (Sturmabteilung), der paramilitärischen Organisation der Nationalsozialisten.
Beginn der Mordserie
Ogorzow begann seine Mordserie an Frauen in Berlin. Er nutzte die kriegsbedingte Verdunkelungspflicht aus, um Frauen in leeren S-Bahn-Abteilen anzugreifen.
Letzter bestätigter Mord
Frieda Koziol wurde Ogorzows letztes bekanntes Opfer. Sie wurde im S-Bahn-System angegriffen und getötet.
Festnahme
Paul Ogorzow wurde von der Kriminalpolizei (Kripo) nach systematischen Ermittlungen unter Leitung von Wilhelm Lüdtke festgenommen.
Todesurteil
Das Berliner Kammergericht verurteilte Ogorzow wegen acht Morden sowie zahlreicher Mordversuche und Vergewaltigungen zum Tode.
Hinrichtung
Paul Ogorzow wurde nur zwei Tage nach dem Urteil im Gefängnis Plötzensee in Berlin durch das Fallbeil hingerichtet.
Serienmörder Deutschland
Ermittlungen unter Zensur
Die Untersuchungen gestalteten sich außerordentlich schwierig. Das NS-Regime unterband jede öffentliche Berichterstattung über die Mordserie – aus Angst vor Panik und um das Bild der sicheren Reichshauptstadt zu wahren. Kriminalkommissar Wilhelm Lüdtke von der Berliner Kriminalpolizei leitete die Ermittlungen. Den entscheidenden Durchbruch brachten Zeugenaussagen, die einen Mann in Reichsbahnuniform beschrieben. Daraufhin setzte Lüdtke auf eine systematische Überprüfung aller Bahnbediensteten mit Zugang zu den betroffenen Strecken.
Kriegsverbrechen Deutschland
Verhaftung und Geständnis
Im Juli 1941 verdichteten sich die Hinweise auf einen Bahnmitarbeiter. Ogorzow war zudem durch auffälliges Verhalten gegenüber Kolleginnen aufgefallen. Nach seiner Verhaftung gestand er zunächst einzelne Taten, schließlich alle acht Morde sowie zahlreiche weitere Überfälle. Die Ermittler zeigten sich schockiert, dass ein Parteimitglied und scheinbar unauffälliger Familienvater hinter den Verbrechen steckte. Ogorzow zeigte keinerlei Reue und schilderte seine Taten mit erschreckender Gleichgültigkeit.
Geheimprozess und schnelle Hinrichtung
Der Prozess vor dem Sondergericht Berlin fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Am 24. Juli 1941 wurde Ogorzow zum Tode verurteilt und noch am selben Tag aus NSDAP und SA ausgeschlossen. Zwei Tage später, am 26. Juli 1941, wurde er im Gefängnis Plötzensee mit dem Fallbeil hingerichtet. Von der Verhaftung bis zur Hinrichtung vergingen nur wenige Wochen.
Hinrichtungen Plötzensee
Historische Bedeutung
Der Fall Ogorzow zeigt exemplarisch, wie das NS-Regime mit Verbrechen umging, die nicht ins ideologische Weltbild passten. Die Vertuschung der Mordserie gefährdete weitere Menschenleben, da Frauen nicht vor der Gefahr gewarnt wurden. Kriminologisch gilt der Fall als frühes Beispiel moderner Profilerstellung und systematischer Tätereingrenzung. Ogorzows Verbrechen offenbaren zudem die dunkle Seite der Kriegsverdunkelung, die Verbrechern ebenso Schutz bot wie sie die Stadt vor Luftangriffen schützen sollte.
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